Sven Regeners Gespür für Scherz

Schraddeln, Schrummeln, Selbstzitate

Element of Crime legen nach knapp 30 Jahren erstmals wieder ein Live-Album vor. Schroffer und authentischer geht es kaum.
16.10.2019, 16:48
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Schraddeln, Schrummeln, Selbstzitate
Von Hendrik Werner
Schraddeln, Schrummeln, Selbstzitate

Legt ihr erstes Live-Album seit "Crime Pays" aus dem Jahr 1990 vor: die Gruppe Element of Crime um den in Bremen geborenen Sänger und Trompeter Sven Regener (zweiter von rechts).

GOLTERMANN

Bremen. 25 Lieder umfasst dieses lohnende Live-Album, das erste seit 29 Jahren, und es ist gewiss kein Zufall, dass zum Auftakt jenes seelenvolle Werk erklingt, das Sven Regener als „Blaupause eines Element-of-Crime-Songs“ bezeichnet hat. Tatsächlich klingt die 2018 veröffentlichte Ballade „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, mit der die Gruppe um den gebürtigen Bremer im Mai dieses Jahres auch das Konzert im Pier 2 eröffnete, in Melodie und Worten so vertraut, als handle es sich um eine Quersumme des bisherigen Schaffens seit der Bandgründung im Jahr 1985.

Entsprechend umfangreich ist das Œuvre des Quartetts, zu dem neben dem Sänger und Trompeter Regener die Instrumentalisten Jakob Ilja (Gitarre), David Young (Bass) und Richard Pappik (Schlagzeug) zählen. Und doch ähneln etliche Lieder, zumal solche jüngeren Datums, bloßen Variationen des Immergleichen. Das indes ist aus Kunst und Koketterie gewobene Absicht, weil Wiederholungen sowohl Regeners bisweilen melancholisch verhangenem Blick auf die Welt als auch seinem subversiven Humorverständnis entsprechen.

Die Zeitschrift „Musikexpress“ hat Element of Crime unlängst bescheinigt, „zu den AC/DC des deutschen Chanson-Rock“ geworden zu sein. Diese Bemerkung ist nicht wirklich ehrenrührig gemeint – und doch auf einen vermeintlichen „künstlerischen Stillstand“ gemünzt, den der Rezensent punktgenau auf das Album „Romantik“ aus dem Jahr 2001 zu datieren können glaubt. Netter Versuch. Allein: Fortdauernde Originalität und unverbrauchte Innovationskraft haben die kriminellen Elemente nie für sich beansprucht, nicht einmal beim Wechsel zu deutschsprachigen Texten um das Jahr 1990.

Vielmehr ist der Band daran gelegen, poetische und musikalische Selbstzitate so dezent und ergebnisoffen zu montieren, dass sie ebenso gut als selbstironische Kommentare lesbar sind wie als philosophisches Plädoyer für die ewige Wiederkunft. Entsprechend kommt man der munteren Albummischung, die im Tempodrom in Berlin-Kreuzberg aufgenommen wurde, kaum mit chronologischem oder stilistischem Analysebesteck bei. Wäre auch nur der halbe Spaß – sowohl bei launigen Neu-Nummern wie „Ein Brot und eine Tüte“ und „Die Party am Schlesischen Tor“ als auch beim Wiederhören von sentimentalischen Allzeitpreziosen wie „Schwere See“ und „Draußen hinterm Fenster“.

Etwas schade ist der Umstand, dass Regeners routiniert rauchige Stimme wie auch sein virtuoses Trompetenspiel das begleitende Spiel seiner filigranen Mitstreiter oft überformen. Löbliche Ausnahmen sind die Ballade „Nur so“ (1996) und die gewitzte Ode an Delmenhorst aus dem Jahr 2005. Nun gehören Schrummeln und Schraddeln bei Element of Crime allerdings ebenso zum von Fans geschätzten Standard wie vernuschelte Ansagen und sogenannte Tanzschritte des Sängers, der sich auf der Bühne gern linkischer gibt, als er ist.

Insofern ist der schroffe Sound des Konzerts, das die „Schafe, Monster und Mäuse“-Tour beschloss, ein beglaubigendes Kalkül. Es geht auf. Zumal bei der anheimelnden Live-Version von „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Erschienen ist dieses Album zur Jahreszeit beim Label Universal.

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