Neu im Kino Schrille Tage im Klischee

Film der Woche: „Monsieur Claude und seine Töchter“ erleben nach fünf Jahren neue multikulturelle Abenteuer im zweiten Teil der überdrehten Clash-der-Kulturen-Komödie.
03.04.2019, 16:13
Lesedauer: 3 Min
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Schrille Tage im Klischee
Von Hendrik Werner

Bremen. Das französische Kino erlebt seit einigen Jahren die andauernde Hoch-Zeit eines Genres, das man Clash-der-Kulturen-Komödie nennen könnte. Diese Hausse hat zum einen mit Migrationsbewegungen der jüngeren Vergangenheit zu tun, zum anderen mit der ohnedies kunterbunt verfassten Gesellschaft der sogenannten Grande Nation, die vormals Kolonialmacht im großen Stil war.

Vor allem aber – und dieser Punkt ist spannend – verdankt sich die aktuelle Vielzahl an Filmen, die mehr oder minder geglückte Integrationsgeschichten erzählen, gar nicht so sehr realpolitischen Gegebenheiten, sondern vielmehr einer bereits fiktionalisierten Aneignung des Themas, die durch die Decke ging: „Monsieur Claude und seine Töchter“ heißt die Mutter multikultureller Lustspiele neuen Typs, die 2014 auf der Bildfläche erschien – und in Frankreich stolze zwölf Millionen Zuschauer lockte, hierzulande immerhin vier Millionen.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Philippe de Chauveron erzählt darin von dem konservativen Ehepaar Claude (Christian Clavier) und Marie (Chantal Lauby) aus Chinon, dessen vier Töchter sich in Männer aus denkbar unterschiedlichen Kulturkreisen verlieben. Schrille Tage im Klischee selbstredend inbegriffen.

Integratives Wohlfühlkino

Was auf diesen Kassenerfolg folgte, waren weitere integrative Wohlfühlfilme, die gleichwohl weder heiße gesellschaftliche Eisen noch politisch inkorrekte Rhetorik scheuten – darunter allein im Jahr 2017 drei Publikumslieblinge, die mit vergleichbaren satirischen Mitteln ein Hohelied auf die Vermengung des Eigenen und des Fremden anstimmten: „Hereinspaziert“ (wiederum von de Chauveron und mit Clavier), „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ sowie „Die brillante Mademoiselle Neïla“.

Eigentlich wären nach dieser Ballung fünf Jahre künstlerische Schaffenspause an der Völkerverständigungsfilmfront angezeigt gewesen. Mindestens. Doch jetzt hat besagte Mutter multikultureller Lustspiele weiteren Zuwachs gezeugt: „Monsieur Claude und seine Töchter 2“ heißt die Fortsetzung, die es in Sachen Rasanz, Subversion und Pointendichte zwar mit dem Original aufnehmen kann, zugleich aber Grenzen der komischen Gattung bei der Bewältigung real existierender Gesellschaftsprobleme aufzeigt.

Der zweite Teil schließt ziemlich nahtlos an den ersten an. Seit Claude und Gemahlin ihr integratives Potenzial an jüdischen und maghrebinischen, an chinesischen und ivorischen Schwiegersöhnen geschult haben, statten sie deren Herkunftsorten beziehungsweise deren Eltern Höflichkeitsbesuche ab – und führen hernach erwartungsgemäß schablonenhaft Klage über andere Länder, andere Sitten. Immerhin haben sie durch die Reise die Vorzüge ihrer eigenen Heimat im Département Indre-et-Loire neu zu schätzen gelernt – und würden die durchaus patriotisch grundierte Liebe zu pittoresken Schlössern und rustikalen Kuhfladen nur zu gern an ihre Schwiegersohn- und Enkelschar weitergeben.

Doch Claudes notorisch eigensinnige Töchter durchkreuzen das hehre patriotische Projekt, weil ihnen eine Zukunft jenseits französischer Üblichkeiten jäh erstrebenswerter erscheint. Plötzlich sind bei Claude und Marie andere Fähigkeiten gefragt als jene Balanceakte zwischen Anpassung und Selbstverleugnung, um die der Komödie erster Teil beharrlich kreiste. Um nämlich die Abwanderung großer Teile der Sippe abzuwenden, ist mehr intrigante als integrative Kraft gefragt. Und so versuchen sie, die französische Wirklichkeit den Wünschen ihrer neuen Anverwandten anzuverwandeln.

Turbulentes Sequel

Zwar steht auch das turbulente Sequel unter Klamauk- und Überkonstruktionsverdacht. Gleichwohl macht das Wiedersehen mit den vier Töchtern und Schwiegersöhnen Freude. Dass diese begrenzt ist, liegt am Nummernrevue-Charakter des Films, der partout kein Klischee und keine zugehörige Zote auslassen will. Das kann bisweilen drollig, ja witzig sein, noch öfter aber ist es albern. Da diesmal zu allem Minderheitenüberfluss auch noch ein afghanischer Flüchtling und eine lesbische Ivorerin mitmischen, ist wenigstens für etwas Abwechslung in der aufklärerisch gestimmten Verächtlichmachung von vermeintlich verschrobenen Randgruppen gesorgt.

Und doch geht die strukturelle Wiederholung des Filmprinzips dezent zu Lasten jenes anarchischen Charmes, mit dem vor fünf Jahren der Auftakt der utopisch unterfütterten Integrationssaga aufwartete. Mal sehen, wie sich das in einem möglichen dritten Teil verhält, wenn in fünf Jahren die Ehen von Monsieur Claudes Töchtern geschieden sind.

Weitere Informationen

Philippe de Chauveron besucht an diesem Donnerstag die 16.30-Uhr-Vorstellung seines Films in der Gondel. Darum wird die Originalversion mit deutschen Untertiteln gezeigt. Kooperationspartner ist das Institut français Bremen.

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