Gedenken an Zweiten Weltkrieg

Schuld und Söhne

Tatort Westerplatte: Am 1. September jährt sich der deutsche Überfall auf Polen zum 80. Mal
29.08.2019, 17:00
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Schuld und Söhne
Von Hendrik Werner
Schuld und Söhne

"Museum des Zweiten Weltkriegs", Danzig. Kritiker befürchten eine missbräuchliche Gedenkpolitik durch die Regierung.

Heinrich

Bremen. Von „anhaltend schönem Spätsommerwetter" schreibt der Romancier Günter Grass rückblickend über den September-Beginn des Jahres 1939, als ein Krieg begann, der 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Grass – Jahrgang 1927, gebürtiger Danziger und als Greis geständig bezüglich seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft – war elf Jahre alt, als am frühen Morgen des 1. September das deutsche Marineschiff „Schleswig-Holstein“ die Westerplatte beschoss. Eine zwei Kilometer lange, an einem Weichsel-Mündungsarm gelegene Halbinsel bei Danzig, auf der die polnische Armee ein Munitionslager unterhielt. Bis Kriegsausbruch war die Westerplatte Kurort und florierendes Seebad.

Um 4.45 Uhr begann mit massivem Geschützdonner der Angriffskrieg auf Polen. Adolf Hitler verschob ihn am gleichen Tag in einer manipulativen Reichstagsrede um eine Stunde nach hinten – und gab ihn holprig als Akt der Selbstverteidigung aus („Um 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“). Stunden vor der Westerplatte-Offensive hatte die Luftwaffe, deren Oberbefehlshaber seit 1935 Hermann Göring war, bereits die zwischen Lodz und Krakau gelegene Kleinstadt Wielun mit Sturzkampfbombern attackiert. Allein dabei wurden 1200 Zivilisten getötet.

Günter Grass' Danzig

Grass, 1999 Literaturnobelpreisträger und vor vier Jahren verstorben, hat die Detonationen auf der Westerplatte nie vergessen. Er hörte sie in Langfuhr (heute: Wrzeszcz), einem Danziger Arbeiterviertel, in dem sein Vater einen Kolonialwarenladen führte. „Mäßig bis schlecht“ seien die Geschäfte gelaufen, gab der Sohn, der für seine Eltern Schulden eintrieb, später zu Protokoll. Die Malaise lag an einem „immer knapperen Warenangebot“ durch Zollbeschränkungen – und am speziellen politischen Status Danzigs: Nach dem Ersten Weltkrieg war die deutsche Stadt vom Reichsrest abgetrennt worden; als „Freie Stadt Danzig“ oblag sie der Aufsicht des Völkerbundes, außenpolitisch gehörte sie zu Polen.

Sowohl die Erinnerung an die Vorkriegszeit als auch jene an den Kriegsausbruch haben die zeitgeschichtlich einschlägigen Texte von Grass, Sohn einer Katholikin kaschubischer Abstammung und eines protestantischen Lebensmittelhändlers, geprägt. Eine Passage, die den Angriff von SS- und Polizeitruppen auf das polnische Postamt in Danzig thematisiert, lautet: „Am 1. September 1939, ich setze voraus, Sie kennen das Datum, datiert sich meine zweite große Schuld. Ich selbst, Oskar der Trommler, habe nicht nur meine arme Mama ins Grab getrommelt, ich war es auch, der meinen armen Onkel und mutmaßlichen Vater Jan Bronski in die polnische Post schleppte und so seinen Tod verschuldete.“

„Die Blechtrommel“, Auftakt von Grass‘ „Danziger Trilogie“ und reich an urbanen Reminiszenzen wie die Novelle „Katz und Maus“ (1961), erschien 1959, 20 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen, der in den Zweiten Weltkrieg mündete. 1979, also weitere 20 Jahre später, kam die Volker Schlöndorffs Verfilmung in die Kinos, eine meisterliche Mischung aus grober Groteske und unappetitlicher Burleske. Sei es in jener Szene, in der ein Stauer einen Pferdekopf aus dem Wasser fischt, in dem sich Aale tummeln. Sei es in einem buchstäblich prickelnden Vorspiel: Wie sich Maria (Katharina Thalbach) in der Ostsee-Sommerfrische Brausepulver in die Hand schüttet, es mit dem Speichel von Oskar Matzerath (David Bennent) vermischt, um diesen schäumenden Cocktail aufzulecken, ist ein wichtiger deutscher Beitrag zur Kulturgeschichte der Erotik.

1976, drei Jahre vor dem Filmstart, wurden Bremen und Danzig Partnerstädte – im Fahrwasser der von Egon Bahr und Willy Brandt betriebenen neuen Ostpolitik, für die sich Grass beredt engagierte (1965 reimte er: „Glaubt dem Kalender – im September / beginnt der Herbst, das Stimmenzählen; / ich rat euch, Es-Pe-De zu wählen“). Die Verbundenheit beider Orte, die 662 Kilometer trennen, kann auch als Entschuldigung für die Verkennung gelten, die der hiesige Senat Grass angedeihen ließ, als er 1960 die Zuerkennung des Bremer Literaturpreises für den Jahrhundertroman „Die Blechtrommel“ verweigerte. Die eigentliche Abbitte für den Fauxpas erfolgte erst 2001, als die Gründung der hiesigen Grass-Stiftung die Irrwege von Bremens Literaturpolitik bemänteln sollte.

Bremer Brückenschläge

Wichtiger sind weitere Brückenschläge zwischen Bremen und Grass‘ Geburtsort Gdansk. Zum Ziel der Aussöhnung, auf der die Partnerstadt-Vereinbarung fußt, kommen wechselseitige Parlamentsbesuche, Kulturtransfers von Kunst bis Konzert, Jugendaustausch, Unterstützung im Gesundheitswesen. Es steht dem neuen rot-grün-roten Senat gut an, sein Engagement beizeiten zu bekräftigen. So erinnerte Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) unlängst bei einer Gedenkveranstaltung im Bremer Rathaus an deutsche Verbrechen. „Wir wissen um unsere historische Schuld und wir verneigen uns vor den Opfern“, sagte er. Die Koalition wolle die Erinnerung wachhalten.

Danzig und Bremen, Grass und Kriegsausbruch weisen thematisch eine beträchtliche Schnittmenge auf. Das gilt in Maßen auch für den Autor dieses Textes, der zwar noch nie in Danzig war, dieses Versäumnis aber dank der aktuellen Wizz-Air-Verbindung bald nachholen wird. Am 9. Oktober 1966, zwei Wochen nach seinem Geburtstag, wurde auf der Westerplatte ein 23 Meter hohes Monument enthüllt, das dem Andenken polnischer Soldaten zugeeignet ist, die sich der deutschen Invasion entgegenzustellen versuchten. „Denkmal der Verteidiger der Küste“ heißt das von Franciszek Duszeńko, Adam Haupt und Henryk Kitowski entworfene Granitmal, das 1150 Tonnen wiegt – und am Ufer des Hafenkanals auf einem künstlichen Hügel platziert wurde.

Scham- und Schuldgefühle stehen Nachgeborenen gut an. Beide Großväter des Autors dieses Textes waren am Angriff auf Polen beteiligt. Beide waren 1939 Mitte 20, studierte Juristen, Wehrmachtsoffiziere und an Kriegsverbrechen beteiligt. Nach dem Krieg konnten sie ihre Laufbahn fortführen – und avancierten in der Bundesrepublik der 60er-Jahre, die es mit der Entnazifizierung selten genau nahm, zu hoch dekorierten Verwaltungsrichtern. Nicht von ungefähr ätzte der Großvater mütterlicherseits bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen Willy Brandt, den er notorisch Herbert Frahm nannte – und den er nicht nur wegen dessen Flucht vor dem NS-Regime nach Schweden verunglimpfte, sondern vor allem wegen seines Kniefalls am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos.

Unterdes wird in Polen seit Jahren um adäquate Gedenkpolitik und deren museale Modellierung gestritten: Dem 2017 in Danzig nach achtjähriger Planung eröffneten „Museum des Zweiten Weltkrieges“ will die nationalkonservative Regierung in Warschau ein Ausstellungshaus auf der Halbinsel zur Seite stellen, das Rekonstruktionen historischer Bauten säumen sollen. Unter dem Namen „Museum der Westerplatte und des Krieges von 1939“ ist es prophylaktisch mit dem bereits bestehenden Museum vereinigt worden.

Kritiker befürchten angesichts megalomaner Pläne einen Event-Charakter des Gedenkens, die Verflachung dokumentarischer Aspekte zugunsten patriotischen Pathos, mithin Geschichtsklitterung. Zu dieser Sorge passt, dass der geschasste Historiker Pawel Machcewicz, Gründungsdirektor des „Museums des Zweiten Weltkriegs“, Scharmützel an der Erinnerungsfront als Teil einer nationalistischen Moral-Offensive wertet. Im September soll der Grundstein für das „Museum der Westerplatte“ gelegt werden, am 13. Oktober sind in Polen Parlamentswahlen.

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