Bildung

Schulhausroman vor Vollendung

In einem Bremerhavener Problemstadtteil entsteht derzeit Prosa, die sich Zehntklässler ausdenken. Ziel ist eine Veröffentlichung.
21.02.2017, 17:25
Lesedauer: 4 Min
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Schulhausroman vor Vollendung
Von Hendrik Werner

Bremerhaven. Flo ist noch nicht überzeugt. Dem Zehntklässler ist die Handlung des Romans, der gerade in seinem unmittelbaren Umfeld entsteht, „etwas zu Mystery“. Dieser komische Keller, in dem sorgsam gehütete Geheimnisse schlummern; diese Figuren, denen nur bedingt zu trauen ist; diese aus Angst und Aufdeckungsfuror gewobene Atmosphäre – all das findet Flo zwar „prinzipiell gut, aber teils krass überzogen“. Bestätigt fühlt er sich durch jene „bestimmt zehn Romane“, die er schon gelesen hat – und deren Lektüre ihm als ästhetischer Maßstab zum Maßhalten gilt.

Recht gibt ihm sein Sitznachbar Wang, der sich pittoresk über Papierstöße mit Notizen und ausformulierten Passagen beugt. Auch der 16-Jährige mit asiatischen Wurzeln gibt sich kenntnisreich und kritisch. Wohlgemerkt: nur gegenüber der aus gut 20 Schülerhirnen gespeisten Handlung des Spannungstitels, nicht gegenüber dem literarischen Vorhaben an sich.

Emina dagegen würde sich einen Roman mit einer vergleichbaren Handlung „jederzeit auch im Buchhandel kaufen“. Die junge Slowenin, die seit drei Jahren in Deutschland lebt und sich die Sprache so schnell angeeignet hat, dass sie mit einem Integrationspreis ausgezeichnet wurde, steht voll hinter dem Projekt, das seit Herbst 2016 den Arbeitsalltag der Klasse 10 L an der Schule am Ernst-Reuter-Platz in Bremerhaven-Lehe dynamisiert. Eine Schule, deren Zöglinge sich aus Leher Straßenzügen rekrutieren, in denen die Armut hoch, der Grad der Ausbildung niedrig ist. „Abgehängte Familien“ heißt das im Politiker-Jargon. Dank Romanprojekt sollen die Kinder andocken. Mit Lust- und Erkenntnisgewinn.

„Geheimnisse im Schulkeller“ lautet der Arbeitstitel des Projekts, das just Kurs auf die Zielgerade nimmt. „Schulhausroman“ heißt es. Erfunden haben es – wie auch gewisse Kräuterbonbons – die Schweizer. Der vormalige Zeitungsredaktor Richard Reich, der mittlerweile als Erzähler wirkt, entwickelte 2005 die Idee, etablierte Autoren aus allen literarischen Beritten in Schulen zu entsenden, um im Rahmen von Klassenbesuchen mit Schülern einen fiktionalen Text zu entwickeln – von ersten Plot-Impulsen bis zum fertigen Typoskript.

Hierzulande ist das im Dienste der Sprachförderung stehende Konzept, das den Beteiligten viel kreativen Spielraum lässt, bislang nur von Hamburg und Bremen aufgegriffen worden. Mit der Umsetzung betraut ist das hiesige Literaturhaus, dessen Leiterin, Heike Müller, Kontakte zu geeigneten Autoren hat, die neben literarischen Meriten auch über didaktische und pädagogische Fähigkeiten verfügen, um mit impulsiven Pubertierenden zu kooperieren.

Diese Qualifikationen bringt die Bremer Autorin Jutta Reichelt mit: Die an verschiedenen Bildungseinrichtungen workshopgestählte 49-Jährige, die zuletzt den Suspense-Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ veröffentlichte, kennt sich aus mit dem Schmieden tauglicher Teams. Entsprechend zupackend sind ihre Tricks, um auch jene Jugendlichen für das Gemeinschaftsprojekt zu dingen, die mit Literatur wenig im Sinn haben. Und sei es, dass Werder-Fan Reichelt den Teamgedanken beim Fußball bemüht: „Jeder muss sich anbieten. Auch wenn mal hirnrissige Pässe gespielt werden.“ Bei der Klasse 10 L kann sie sich darauf bauen, dass mannschaftsdienliche Pässe überwiegen. Das liegt auch daran, dass sich die Klasse in einem halbjährigen Vorlauf in einer Disziplin namens Romananalyse erprobt hat – Figurenzeichnung, Stilfragen und dramaturgische Erörterungen inklusive.

Für Reichelt ist es wichtig, dass die beteiligten Schüler zunächst „einfach drauflosschreiben und erst später an den Texten feilen“. Enthemmung gegenüber der Kunstgattung Roman sowie thematische Anknüpfungen an die Lebenswelt der Heranwachsenden sind ausdrücklich erwünscht. Pragmatischere Zielsetzungen für die Schüler der Klasse 10 L, darunter viele Migranten und Lernbehinderte, sehen naturgemäß die Schulfachkräfte: Tugenden wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit nennen Klassenlehrerin Sabine Lehmann, Schulleiterin Nicole Wind und Oberschulrätin Anke Detering, in Bremerhaven für „Angelegenheiten der Sonderpädagogik“ zuständig. Sie und ihre Kolleginnen sind ebenso neugierig auf die Wege, die das für die Seestadt beispiellose Projekt eröffnet, wie Schirmherrin Alexia Sieling. Ihr gilt der Schulhausroman als lebensnahe Möglichkeit, kulturelle Teilhabe zu verwirklichen.

Vor der Veröffentlichung im Bremer Schünemann-Verlag dräut ein strammes Arbeitspensum. Nur noch zwei Termine stehen Reichelt und den Schutzbefohlenen zur Verfügung. Am 15. Juni soll das Werk im Bremerhavener Kulturzentrum Pferdestall vorgestellt werden. Mehrere Korrekturgänge werden im Finale dieses Rennens mit der Abgabezeit notwendig. Dafür sorgen Heike Müller und Ian Watson, Bremer Autor mit irischen Wurzeln, der Chancen und Risiken der Vielsprachigkeit kennt. Müller und Watson obliegt auch die Endredaktion eines zweiten Romans, der in der Klasse 8 A an der Oberschule am Park (Oslebshausen) entsteht. Dort wirkt die Bremer Autorin Betty Kolodzy, die zuletzt die Moor-Moritat „Im Sommer kommen die Fliegen“ veröffentlichte, als Schreib-Coach.

In Lehe laufen die Fäden des gemeinschaftlich gewobenen Textes vorne rechts im Klassenraum zusammen. Dort montieren Lena und Tiffany die in Kleingruppen entstandenen Beiträge zu dem, was ein Roman werden soll. Wenn alles klappt, werden sie und ihre Mitschüler durch den Gang in den geheimnisvollen Keller zu einer verschworenen Schreibgemeinschaft reifen.

„Jeder muss sich anbieten. Auch wenn mal hirnrissige Pässe gespielt werden.“ Schreibcoach und Fußballfan Jutta Reichelt
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