Bremer Festival der freien Theatermacher startet mit einem beeindruckenden Spektakel

Schwungvoller Beginn

Bremen. „Out Now!“, das Festival für aufstrebende Theatermacher aus der freien Szene, startete am Freitagabend mit einem wunderschön aufgedrehten Schwung, dessen Energie und ästhetische Reibungsfläche programmatisch für das gesamte Festival gelten kann. Denn mit dem Stück “Let me be your Hero, Baby“ von der niederländischen Regisseurin Birgit Welink tobte ein ebenso aufgedrehtes wie beziehungsreiches Spektakel über die Bühne des Kleinen Hauses.
04.06.2017, 00:00
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Von Sven Garbade
Schwungvoller Beginn

Nicht immer leicht zu begreifen, aber fraglos beeindruckend, was die Superwomen-Show aus den Niederlanden als Festival-Opener mit ihren Spielerinnen und dem Stück “Let me be your Hero, Baby“ unter der Regie von Birgit Welink anboten.

Baldwin Henderson

Bremen. „Out Now!“, das Festival für aufstrebende Theatermacher aus der freien Szene, startete am Freitagabend mit einem wunderschön aufgedrehten Schwung, dessen Energie und ästhetische Reibungsfläche programmatisch für das gesamte Festival gelten kann. Denn mit dem Stück “Let me be your Hero, Baby“ von der niederländischen Regisseurin Birgit Welink tobte ein ebenso aufgedrehtes wie beziehungsreiches Spektakel über die Bühne des Kleinen Hauses. In dem Stück, das begeistert vom Publikum gefeiert wurde, giert eine Gang von clownesken Amazonen nach den denkbaren Heldentaten unserer Zeit.

Und man musste nicht unbedingt zuvor den Grußworten der Programmmacher Gregor Runge (Bremer Theater), Florian Ackermann (Schwankhalle) sowie der Staatsrätin Carmen Emigholz lauschen, um eine Ahnung von der Fragilität gegenwärtiger Formfindungen im Theater zu gewinnen. In Zeiten sparsamster Rechenschieber bewegen sich die Mittel für freie Theaterkünste in bekannt engstem Rahmen, während zugleich die Welt in ihrem medialen Anspruch zunehmend komplex erscheint. Um neue Bildersprachen in diesem Spagat zu finden, haben sich das Theater Bremen und die Schwankhalle zusammengetan und zeigen noch bis zum 6. Juni jene Produktionen, welche zuvor von den Kuratoren unter den ungefähr 1000 Bewerbungen ausgewählt wurden.

Keine Frage, dass mit Welinks Superwomen-Show ein markanter und zugleich fordernder Opener gefunden wurde. Leicht zu begreifen ist das alles nämlich nicht, was die fünf Spielerinnen hier unter dem etwas verwirrenden Hinweis auf die antike Sage der Antigone anbieten.

Hübsch oder hässlich?

Hingestreckt in postapokalyptischem Sand liegen sie zu Beginn am Boden und sind dabei einzig bekleidet durch jene zweifelhaften Bikinis, welche für gewöhnlich einem lüstern männlichen Blick zu gefallen trachten. Man könnte an die schlüpfrige Juxigkeit gewisser „Barbarella“-Streifen denken – und liegt damit nicht gänzlich falsch. Denn wenn die Damen erwachen rufen sie Schimpf und Schande ins Publikum, überschwemmen Auge und Verstand des Betrachters gleichsam mit einer Flut von widersprüchlichen Eindrücken.

Hübsch oder hässlich? Diese Frage stellt sich durchaus, wenn man in die clownesk weiß geschminkten Gesichter blickt. Affekte weiblicher Aufgebrezeltheit blitzen hier genauso gelackt auf, wie sie ins Groteske kippen. Rote Kussmünder keifen dann Kampfansagen ins Publikum wie: „I’m gonna be your biggest fucking nightmare!“

Dieser Albtraum wird plötzlich ziemlich sportlich: Aerobic, Trimm-Dich, hoch die Arme, hoch die Schenkel, hopp, hopp, hopp! Die moderne Amazone hat gefälligst fit zu sein. Später wird skandiert, die Kriegerinnen hätten ihr Hirn gegen „Guts“ ausgetauscht, was man wohl mit kreatürlichem Instinkt übersetzen könnte. Dabei praktizieren die Powerladys eine überraschend sensible Sprachbehandlung und verfallen in sauber intonierte Sprech-Chöre.

Das mutet tatsächlich wie griechische Tragödie an – und steht doch in ulkigem Kontrast zum wilden Comic-Stil ihrer Aufmachung. Irgendwann steht eine an der Rampe und versucht einen langen verschwitzten Stammel-Monolog. Doch außer dem Anheben zur Rede produziert die Ärmste nur musikalisches Schnaufen – das Abziehbild wird sozusagen Mensch.

Besonders trickreich sind auch die lässig eingespielten Keybord-Loops, die das Energie-Level mit herrlich manischem Synthi-Pop hochschrauben.

Neugier auf mehr

Dass die Aufführung in niederländischer Sprache ihren temporeichen Gang nimmt, erschwert zwar die Verständlichkeit, doch gegen Ende lässt sich recht gut der Schilderung eines herbeifantasierten Massakers folgen. Da scheint der Terror als ein mediales Narrativ auf, bevor die Damen sich irgendwann wieder in schnurrende Pin-Up-Kätzchen verwandeln und neckisch in die Kamera zwinkern: „Miau!“

Mit solch einer turbulenten Dramaturgie weckt das Festival ohne jede Frage Neugier auf mehr. Zum Programm zählen übrigens auch einige Installationen, die in der Straße Sorgenfrei 1 zu sehen sind, sowie im Brauhauskeller. Dort hat die Künstlerin Irena Kukric einen witzigen Abschiedsgruß an das Illusionstheater alter Schule installiert. Der Theater-Vorhang führt hier als beseeltes Requisit ein höchst spezielles Eigenleben.

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