Ausstellung Seelenvolle Naturbetrachtung

Das Vegesacker Overbeck-Museum zeigt das Frühwerk des Bremer Malers. Aus der Vorstellungskraft geschöpfte „Sehnsuchtsbilder“ inbegriffen.
27.08.2019, 16:36
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Seelenvolle Naturbetrachtung
Von Hendrik Werner

Bremen. Landschaften, Landschaften, Landschaften. Schon in seiner ersten Schaffensphase, als er nach dem Abitur am Alten Gymnasium in Bremen von 1889 bis 1893 an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, war der Maler Fritz Overbeck (1869-1909) der belebten und der unbelebten Natur sehr zugetan. Diese Leidenschaft steigerte sich noch, als er nach Worpswede umsiedelte, 1894 auf dem Weyerberg ein Atelier etablierte, seinen ohnehin ruchbaren Hang zur Zurückgezogenheit noch steigerte – und einsame Moorlandschaft um einsame Moorlandschaft malte.

„Die meisten Bäume in seinem Werk haben mehr Persönlichkeit als die von ihm gemalten Menschen“, sagt Katja Pourshirazi, Leiterin des Overbeck-Museums. Und wahrlich: Die wenigen Personen, die sich gleichsam in die anheimelnden Landschaften verirrt zu haben scheinen, wirken gedrungen, unausgeführt, grobschematisch. Als habe der als eigenbrötlerisch geltende Künstler zu ihnen weniger Zugang als zu einem blühenden Busch oder zu einer farbdrallen Heidefläche. Als programmatisch für das tendenzielle Verschwinden des Menschen in der Landschaft können die Gemälde „Graue Frau im kahlen Wald“ und „Sitzende Frau mit Schubkarre“ gelten.

Anlässlich des 150. Geburtstags des Künstlers am 15. September zeigt das Ausstellungshaus in Vegesack bis zum 3. November die Schau „Fritz Overbeck – Das Frühwerk“. Bestückt ist sie mit gut 50 Gemälden, die – dem Holzfaible des Bremers folgend – allesamt neu gerahmt sind. Innerhalb von nur zwei Wochen ist es Pourshirazi durch eine Patenschaftsaktion gelungen, den Bildern eine schmucke neue Fassung angedeihen zu lassen.

Hohe Beobachtungsgabe

Unter den frühen Artefakten sind bereits etliche, in denen Overbecks Fertigkeit zu jener zugleich prägnanten und seelenvollen Naturbetrachtung und -darstellung aufblitzt, die er an der Düsseldorfer Akademie vervollkommnete, als er sich in der Meisterklasse von Professor Eugen Dücker zum Landschaftsmaler ausbilden ließ. Der Detailreichtum, den seine hohe Beobachtungsgabe und seine staunenswerte Fähigkeit zur Versenkung in natürliche Umgebungen hervorbrachten, zeichnet viele seiner Ende der 1880er-, Anfang der 1890er-Jahre entstandenen Bilder aus.

Der überwiegende Teil der Bilder, die das Overbeck-Museum zeigt, sind vergleichsweise kleinformatig. Dies deshalb, weil sie nicht zum Verkauf bestimmt waren, sondern vom Künstler in seinen Lehr- und Wanderjahren als Licht- oder Motivstudien vorgesehen waren. Dabei frappiert die Bandbreite der von Overbeck inszenierten Affekt-Gemengelage. Sie reicht von düster anmutenden Waldwegen bis hin zu einer in voller Blüte stehenden Allee, die, gemessen an Overbecks sonstiger naturalistischer Dezenz, nachgerade überpointierte Gelbtöne aufweist.

Spannend sind die Einblicke, die der Bilderkorpus in Erweckungserlebnisse Overbecks und dessen überbordende Fantasie gewähren. So ist als „Bild des Monats“ (August) ein Gemälde etikettiert worden, dessen stimmungsvolle Ausstattung der Künstler vor aller Erfahrung imaginierte: „Mond über dem Fjord“ heißt ein in Öl auf Leinwand ausgeführtes Bild, das ein atmosphärisch bestrickendes Gestirn vor Felsenlandschaft zeigt. Overbeck malte es 1891, mithin ein Jahr vor einer Norwegen-Reise, in deren Verlauf sozusagen reihenweise empirisch gestützte Landschaftsimpressionen aus dem höheren Norden entstanden. Dieser Gestus der Vorwegnahme zeichnet einige Werke aus, wird aber selten so augenfällig wie auf der Fjord-Preziose. „Sehnsuchtsbilder“ nennen Kunsthistoriker diese Form der Projektion.

Verdienstvoll an der Ausstellung ist der Umstand, dass darin auch Werke von Hermine Overbeck-Rohte vertreten sind. Museumsleiterin Pourshirazi rühmt nicht zuletzt die Arbeitsverbindung der Künstler-Eheleute, die für die damalige Zeit, übrigens auch für strukturell vergleichbare Paarungen in Worpswede, in sympathischer Weise auf Augenhöhe agierten. Sieht man mal davon ab, dass Haushalt und Kinder zu Hermines Bereich zählten. Ein womöglich bezeichnendes Bild von ihr zeigt den Hafen von Itzehoe, wo ihre Schwester lebte. Laut Pourshirazi sind die dort versammelten Schiffe samt kleinteiliger Takelage und anderen technischen Aspekten „so detailgenau gestaltet worden, dass man an einen männlichen Urheber denken könnte“.

Was die Museumsleiterin, eine promovierte Literaturwissenschaftlerin, am Namensgeber des Ausstellungshauses schätzt, ist auch seine Ergiebigkeit für die Forschung. „Overbeck ist immer noch in vielen Aspekten zu entdecken“, sagt Pourshirazi, die derzeit damit befasst ist, die komplette Korrespondenz zwischen Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte zur Veröffentlichung vorzubereiten. Froh macht Pourshirazi auch die Tatsache, dass Overbeck eine veritable Renaissance nicht nur hierzulande erlebt. So lieh das Overbeck-Museum vor einem Jahr 14 Overbeck-Werke für eine Worpswede-Schau an das Stockholmer Museum Prins Eugen Waldemarsudde aus

Weitere Informationen

Fritz Overbeck. Das Frühwerk. Bis 3. November. tägl. außer montags von 11 bis 18 Uhr. Overbeck-Museum. Alte Hafenstraße 30.

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