Kinokritik: "Joschka und Herr Fischer" Sein langer Lebenslauf zu sich selbst

Bremen. "Joschka und Herr Fischer" heißt ein Dokumentarfilm des Regisseurs Pepe Danquart über das ehemalige Aushängeschild der Grünen. In 140 Minunten erzählt der Film die Geschichte des Spontis, der eines Tages Außenminister wird.
24.05.2011, 05:00
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Sein langer Lebenslauf zu sich selbst
Von Hendrik Werner

Bremen. "Mein langer Lauf zu mir selbst" heißt das 1999 erschienene Buch, in dem der damalige Bundesaußenminister Joseph "Joschka" Fischer beschreibt, wie er per Langlauf sein Gewicht von 112 auf 77 Kilo senkte. "Joschka und Herr Fischer", einer Doku über das politische Schwergewicht, hätte der Titel "Mein langer Lauf zu mir selbst" gut angestanden. Zum einen wegen der langen Laufzeit (140 Minuten). Zum anderen wegen des recht schmalen Grats zwischen "mir" und "selbst", zwischen Joschka und Herrn Fischer, den Regisseur Pepe Danquart erfahrbar machen will. Derlei böte Stoff für eine Jekyll-und-Hyde-Variation. Die gibt es leider nicht.

Wollte man hart mit dem Werk ins Gericht gehen, könnte man es sich einfach machen und die gar nicht so leicht widerlegbare These vertreten, dass Danquart lediglich die ästhetisch aufgemotzte XXL-Version einer Dokumentation vorgelegt hat, wie sie so oder ähnlich schon x-fach im deutschen Fernsehen zu besichtigen gewesen ist. Schließlich operiert sein Film wie auch frühere Adaptionen des biografischen Stoffes inhaltlich bloß mit dem gut abgehangenen Ex-Spektakulum, dass da mal jemand vom Sponti zum Staatsmann, vom Straßenkämpfer zum Machtmenschen reüssieren konnte.

Die Frage, was diese Hommage an den bekanntlich sehr wandelbaren Herrn Fischer und dessen notorisch wechselvolle Lebensgeschichte zu diesem Zeitpunkt soll, ist auch deshalb gerechtfertigt, weil das Beschreibungsobjekt gegenwärtig nahezu gänzlich aus den Schlagzeilen verschwunden ist - und mehrfach glaubhaft versichert hat, keine politischen Ambitionen mehr zu haben. Einerseits.

Inspektion einer Galionsfigur

Andererseits ist der durch Stuttgart 21 und Fukushima beförderte Aufwind der Grünen fraglos dazu angetan, sich den langen Lauf einer ihrer Galionsfiguren durch die bundesdeutsche Nachkriegshistorie und deren Institutionen noch einmal genauer anzuschauen. Das hat Pepe Danquart, der sich womöglich bezeichnenderweise mit Sport-Dokumentationen im Metier einen Namen machte, gründlich getan. Und zwar nicht allein, sondern mit Joschka Fischer. Der größte Inszenierungsclou der beinahe zweieinhalbstündigen One-Man-Show besteht nämlich darin, dass der Regisseur seinen Protagonisten mit Bildern aus dessen Sozialisationsgeschichte konfrontiert.

Und das geht so: Danquart, der optisch wie auch stimmlich kategorisch außerhalb der Szenerie verbleibt, hat mehrere Bildschirme installiert, die unentwegt Aufnahmen absondern, die Joschka Fischers 1948 anhebende Individualgeschichte mit Zeitgeschichte verschränken - von der Kindheit als Spross katholischer vertriebener Ungarndeutscher in der schwäbischen Provinz über den Abbruch des Gymnasiums in Stuttgart und eine Lehre als Fotograf - bis hin zur 1968 erfolgten Umsiedlung nach Frankfurt am Main, seinerzeit ein Zentrum der Studentenbewegung.

Der Rest der Vita ist öffentliche Mediengeschichte. Fischer kommentiert mal auskunftsfreudig, mal maulfaul die gut montierte und doch sattsam bekannte Bilder- und Textflut. Sie besteht aus Vietnam-Aufnahmen und Impressionen von Anti-Schah-Demonstrationen, aus Einblicken in das Wirken gewisser Putztruppen und aus Bundestagsbrandreden ("Mit Verlaub, Herr Präsident,...").

Platonische Höhle

Irgendwann ahnt der philosophisch interessierte Betrachter, dass der zwielichtige, schwer zu definierende Raum, in dem Danquart seine visuelle Konfrontationstherapie ansiedelt, so etwas wie Platons Höhle darstellen soll. In diesem zum Philosophie-Proseminar-Denkbild geronnenen Konzept fallen Bilder und Ideen (Ideologien), Lichtgestalten (Vorbilder) und biografische Schatten auf ästhetisch beachtliche Weise ineins.

Genau darin scheint die zwar kluge, womöglich aber überambitionierte Filmdramaturgie zu bestehen. Dass sie nicht vollends aufgeht, liegt an der kaum merklichen Verweigerungshaltung Fischers. Der Mann, immer noch ganz Chef-Diplomat (zumal in eigener Sache), lässt sich leider nicht immer in dem Maße auf sich selbst ein, wie das für voyeuristisch gestimmte Betrachter wünschenswert wäre.

So kommt es nur vereinzelt zu nennenswerten Beichten. Etwa wenn Herr Fischer dem Steinewerfer Joschka attestiert, er sei aus Angst vor Übergriffen der Polizei seinerseits zum Gewalttäter geworden. Oder wenn der elder statesman über den grünschnäbligen hessischen Umweltminister des Jahres 1985 sagt, er habe sich im Amt einsam gefühlt und von Realpolitik keine Ahnung gehabt.

Woran es dagegen den bisweilen launigen, oft jedoch nur lauen Bekenntnissen des sonst so sendungsbewussten Joschka F. in auffälliger Weise ermangelt, sind Versuche, seiner retrospektiven Innenschau mehr Stringenz zu unterlegen. Zudem verwundert es, dass Pepe Danquart seinen vertikalen Couch-Patienten nicht intensiver zur komplexen Psychodynamik von Gewichts- und Eheverhältnissen einvernommen hat. Aber das mögen, wie bereits eingeräumt, voyeuristische und insofern lässliche Begehrlichkeiten sein.

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