Am Anfang war der Kult

Menschen maskieren seit Jahrtausenden

Bei der Jagd, zum spirituellen Andenken oder im griechischen Theater. Seit Jahrtausenden maskieren sich Menschen. Dabei ging es aber vorrangig nicht um den Schutz vor gefährlichen Krankheiten.
27.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Menschen maskieren seit Jahrtausenden
Von Iris Hetscher
Menschen maskieren seit Jahrtausenden

Das regelmäßige Tragen einer Schutzmaske ist für viele noch gewöhnungsbedürftig. Dabei maskieren sich Menschen schon seit Jahrtausenden.

Sabrina Allen

Vor ein paar Monaten konnte man sie noch bestaunen, vielleicht sogar belächeln. Wer in Prä-Corona-Zeiten als Tourist zum ersten Mal auf den Straßen von Tokio unterwegs war, befremdeten die vielen Einheimischen mit den Masken vor Mund und Nase. Genauso wie die Regale in den Supermärkten, in denen Einmal-Mundschutz im Hunderterpack angeboten wurde. Die Japaner – ein wirklich übervorsichtiges Volk, angeblich nachhaltig traumatisiert durch die verheerende Spanische Grippe, wenn man Reiseführern vertraut.

Inzwischen staunt und lächelt niemand mehr. Nach Japan darf und kann man derzeit sowieso nicht reisen; um mit Masken bewehrte Menschen zu sehen, ist das aber auch gar nicht notwendig. Seit Wochen wird diskutiert, ob, wo und welche Gesichtsbedeckungen sinnvoll sind, ab heute gilt: Beim Einkaufen sowie in Bussen und Bahnen gehört Stoff vor Kinn, Mund und Nase. Die Maske, seit Jahrtausenden multi-funktionaler Begleiter der Menschheit, rückt wieder einmal als Schutz in den Vordergrund.

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Das war in einem weiter gefassten Sinn auch ihre erste Aufgabe. In ihrem Standardwerk „Theaterlexikon“ schreiben Manfred Brauneck und Gérard Schneilin von den Ersten „Maskenerfahrungen“ der Menschheit, die schätzungsweise 20.000 Jahre zurückliegen: Jäger haben sich aus Fellen und Schädelknochen eine Tarnung angefertigt, um sich wilden Tieren ohne Blessuren nähern zu können.

Doch auch der Abdruck, der die erstarrten Gesichtszüge eines Toten konservierte, diente seit der Antike nicht nur dem spirituellen Andenken des Verstorbenen. Die Totenmaske, die zum Vorläufer der typisierten Maske wurde, sollte in Ritualen als Schutz dienen. Dieses Mal nicht vor realen Bestien, sondern vor bösen Geistern. Gleichzeitig ist in diesen frühen schamanischen Traditionen schon der Kern einer ganz anderen Verwendung der Maske angelegt: Sie verwandelt sich in ein Accessoire des Rollenspiels, ihr Zweitname Larve deutet noch stärker daraufhin.

44 unterschiedliche Maskentypen

Wer sein Gesicht hinter einer Holzmaske mit den Zügen einer Fantasiefigur, eines Dämons oder guten Geistes verbirgt, der verkörpert für eine gewisse Zeit etwas anderes als sich selbst. Im griechischen Theater, das aus dem Dyonisuskult entstanden ist, bedeckten die Tragöden die Hälfte ihres Gesichts, die Komödianten das ganze: 44 unterschiedliche Typen haben Brauneck und Schneilin gezählt. So konnten die Schauspieler schnell von einer Rolle in die andere schlüpfen.

Eine zweite große Bühnenkarriere legte die Halbmaske dann viel später hin, als das Theater sich langsam aber sicher als Kunstform zu etablieren begann: im 16. Jahrhundert. Gespeist aus den Mysterienspielen, volkstümlichen Possen und Prozessionen des Mittelalters eroberte die italienische Commedia dell’Arte mit ihrem Typenrepertoire auch die Höfe in Frankreich und England. Unter Jakob I. (1566-1625) führte die höfische Theaterunterhaltung in England gleich den Titel „Masque“ und hinterließ in den Ballett- und Opernaufführungen der Barockzeit deutliche Spuren, wie Herbert Frenzel in seiner „Geschichte des Theaters von 1470-1890“ ausführt.

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Im Brauchtum führte die Maske parallel zu diesen Entwicklungen weiterhin und bis heute ein munteres Leben. Das reicht vom rheinischen Karneval über das archaisch anmutende, düster-gruselige Rollenspiel der alemannischen Fasnacht bis zum Karneval in Venedig, dessen kunstvoll und opulent gestaltete Masken wiederum auf das (europäische) Theater zurückverweisen. Dort wiederum wurde die starre Verhüllung mehr und mehr abgelöst von einer anderen Form: der geschminkten Maske, die sich auch an den tollen Tagen im Norden immer mehr durchsetzte. Auf der Bühne ermöglichte sie es den Schauspielern, individuelle Gefühle darzustellen. Halb- oder sogar Kopfverhüllungen werden in Inszenierungen bis heute verwendet als deutlicher Verweis auf einen Typus. Die Maske hat aber noch anders überlebt – als international gültiges Piktogramm für Theater. Und in der Rockmusik. Dort soll sie für Aufsehen durch inszenierte Geheimniskrämerei sorgen, vor allem in den härteren Spielarten. Vorreiter waren die dauergeschminkten Mannen von Kiss, dann provozierte Marilyn Manson. Die Nu-Metalband Slipknot stylt sich wie die ausgebüxte Statisterie eines Splatterfilms. Rapper Sido hat seine Totenkopfmaske inzwischen abgelegt, Kollege Cro gibt nach wie vor den Panda.

Vielfältiges Mittel der Wahl

Doch Masken dienen natürlich nicht nur der (Selbst-)Inszenierung, die jeder und jede mit Mut zu Farbe im Gesicht hinbekommen kann. Sie haben in ihrer mehr oder weniger starren Funktion nie ihren alten Wert als Schutz verloren – wer sein Gesicht nicht zeigen will, möchte oder darf, für den ist sie das Mittel der Wahl. Und zwar ein vielfältiges.

Es gibt Schutzmasken für Menschen, die schweißen oder lackieren, Gasmasken für Soldaten, Fechter ziehen sich eine Maske vors Gesicht, genauso wie die harten Jungs vom American Football. Und natürlich Ärzte und Krankenschwestern, deren Kürzelsprache FFP2- oder FFP3 in die Umgangssprache Einzug gehalten haben.

Die Community-Masken, die jedermann und jedefrau nun vors Gesicht ziehen muss, erinnern ästhetisch dagegen an die Demo-Vermummung politischer Protestbewegungen. Schon sowieso, wenn auch Schals und Tücher erlaubt sind. Vielleicht aber auch an Bankräuber, deren Ziel es ebenfalls ist, von den Vertretern des Staates nicht erkannt zu werden.

Letzteres ist bei der derzeitigen Massen-Maskierung eher ein trauriger Nebeneffekt. Man schützt seine Mitmenschen vor Ansteckung und muss ihnen zugleich einen Teil der nonverbalen Kommunikation verweigern. Von daher sollte außerhalb von Bus, Bahn und Laden umso häufiger gelächelt werden: Bitte recht freundlich.

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