Sendesaal Bremen "Jedes Konzert soll sich vermitteln"

Im nächsten Jahr übernimmt Elisabeth Champollion die künstlerische Leitung des Sendesaals, Peter Schulze zieht sich zurück. Was sie plant und wie der Saal sich im Reigen der Bremer Konzerthäuser behaupten soll.
14.08.2022, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Iris Hetscher

Frau Champollion, könnten Sie bitte folgenden Satz vervollständigen: "Der Sendesaal und Bremen, das ist wie ..."?

Elisabeth Champollion: ... eine schnittige Jacht mit einer großen Partygesellschaft.  Weil: Der Saal an sich ist klein, mobil, wendig, sehr wehrhaft. Und drumherum sind so viele Menschen, unser Team, das alles mitträgt, und die vielen Gäste, die bei uns ein- und ausgehen.

Herr Schulze, wie klingt das bei Ihnen: "Der Sendesaal und Bremen, das ist wie ..."?

Peter Schulze: ... Deckel auf Topf. Weil: Es geht so viel Energie flöten, wenn ein Topf keinen Deckel hat. Der Sendesaal hält die Energie, die Bremen ausstrahlt, fest. Weiter gefasst, hält er den musikalischen Ruf Bremens international im Gespräch. Es gibt nicht so viele Säle dieser Art und sowieso wenige, die nicht in Weltstädten sind. Wenn man von Häusern wie der Carnegie Hall in New York oder der Wigmore Hall in London spricht, da reiht sich für Bremen eher der Sendesaal ein als die Glocke.

Elisabeth Champollion: Das stimmt, das höre ich auch von befreundeten Musikern.

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Woher kommt dieser Ruf?

Elisabeth Champollion: Das Besondere ist, dass der Saal neben Musikern und Publikum der dritte Akteur ist, man das Gefühl hat, das er mit atmet. Man hört, wie das Publikum zuhört, das sagen mir Kollegen immer wieder. Deshalb kommt beispielsweise Jahr für Jahr das Boston Early Music Festival hierher, in diese für dieses Orchester kleine Stadt und den kleinen Saal, um neue Alben aufzunehmen. Die ja dann auch mal mit einem Grammy ausgezeichnet werden. Das scheint für dieses hochrangige Orchester nur im Sendesaal möglich zu sein. Ich weiß aus eigener Erfahrung auf in- und ausländischen Bühnen, wie wichtig ein Saal für die Qualität des eigenen Spielens ist.

Nun geht es nach der Corona-Pause wieder verstärkt los mit Konzerten, gleichzeitig geben Sie, Herr Schulze, den Staffelstab weiter an Sie, Frau Champollion. Das klingt nach einer doppelten Herausforderung: das Publikum wieder für Live-Events zu begeistern und gleichzeitig das Profil neu zu justieren. Wie ist das zu schaffen?

Peter Schulze: Das ist sicher auch eine Marketingfrage. Es ist derzeit durchaus schwierig, die Leute wieder zurück zu bringen in Konzerte. Gleichwohl haben wir kein Problem, was die Auslastung durch Produktionen angeht; wir haben im vergangenen Jahr sehr viel mehr produziert als zuvor. Das finanziert die Konzerte quer. Nur durch die Auftritte der Künstler könnte sich der Sendesaal nicht tragen, auf keinen Fall. Das müssen wir auch stärker kommunizieren.

Elisabeth Champollion: Die Musiker, die bei uns spielen, treten eigentlich vor einem viel größeren Publikum auf und nicht nur vor 250 Menschen. Einige verzichten sogar auf ihre gewohnte Honorarhöhe, weil sie den Saal und die zauberhafte Akustik so attraktiv finden.

Dann müssen Sie sich ja eigentlich keine Sorgen um die Zukunft machen.

Peter Schulze: Was Musiker und Produzenten angeht, sicher nicht. Da ist die Mund- zu Mundpropaganda so effektiv, dass ich mehr mit Absagen als mit Zusagen zu tun habe. Was das Publikum angeht, da werden wir unsere Strategien erweitern müssen, mehr auf Social Media setzen, beispielsweise. Da ist Corona ein Einschnitt.

Elisabeth Champollion: Was mich immer wieder total begeistert bei dem Saal ist diese Intimität und Atmosphäre. Es hat etwas von einer Lounge, von einem Ort, an dem in beide Richtungen kommuniziert wird. Das möchte ich nutzen, um das Publikum zu binden und neugierig zu machen. Der Sendesaal soll nicht nur senden, sondern auch auf Empfang schalten.

Wie wollen Sie das konkret umsetzen?

Elisabeth Champollion: Ich möchte kontaktfreudige Formate etablieren, beispielsweise ein klassisches "Meet the Artist" (Triff' den Künstler, Anm. d. Red.) oder das Aufbrechen des Konzertformats, etwa vor oder nach der Pause. Da könnte man eine Art Rotes-Sofa-Situation entwickeln, bei der das Publikum einbezogen wird. Die Nähe, die der Saal ermöglicht, möchte ich stärker nutzen für einen ganz realen Austausch.

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Geht es Ihnen auch darum, Musik stärker zu vermitteln?

Elisabeth Champollion: Ich will keinen Unterschied mehr machen zwischen einem klassischen Konzert, in dem ein Streichquartett Brahms spielt, und einem Konzert, in dem geredet, interagiert, kommuniziert wird. Sogenannte Education-Konzerte für bestimmte Gruppe wie Jugendliche, Senioren oder Menschen mit Migrationshintergrund sollen die Musik näher zu den Menschen bringen, einen sinnvolen Zusammenhang schaffen mit der Welt, in der sie leben. Das sollen doch aber alle Menschen, die ins Konzert gehen, erleben dürfen: dass die Musik sie berührt, ihnen ganz persönlich etwas sagt, ihr Leben verändert. Jedes Konzert soll sich vermitteln. Auch ohne die Überschrift: pädagogisches Musikvermittlungsprojekt.

Peter Schulze: Wir ermutigen die Musikerinnen und Musiker immer, selbst etwas zu sagen. Allein ihre Stimme stellt schon eine weitere Dimension von Nähe her. Wie übrigens andererseits auch die Stille im Publikum den Künstlern durchaus aktiv etwas über dessen Hörbereitschaft erzählt.

Jetzt könnte man aber dagegen halten: Die Künstler liefern brillantes Handwerk ab. Muss doch reichen, oder?

Elisabeth Champollion: Wir haben ja eine Verantwortung für die zwei Stunden Lebenszeit, die die Konzertgäste uns anvertrauen. Da kann man sich keine Minute gehen lassen und denken, ich spiele doch schön genug. Das reicht heute nicht mehr. Die Leute haben wenig Zeit, und um die konkurrieren viele Verpflichtungen und Möglichkeiten, von der Familie bis zum Netflix-Abo. Von daher müssen wir diese zwei Stunden, die sie bei uns verbringen, königlichst behandeln und zeigen, wie spannend ein Live-Erlebnis auf allen Ebenen sein kann.

Sie starten mit einem Doppelabend "Farewel(l)come" in die neue Saison, zwei Abende mit einer Reihe ausgewählter Kurzkonzerte. Ist das eins der neuen Formate, die sie regelmäßig anbieten wollen?

Elisabeth Champollion: Das ist ein sehr attraktives Format, auf jeden Fall. Am 3. September ist es zugleich eine Vorschau, bei der man sich, bei der die verschiedenen Künstler Einblicke in die Programme geben, die sie bei uns in der nächsten Saison präsentieren werden.  Es ist natürlich logistisch und finanziell eine Herausforderung, aber ich halte das für eine sehr gute Verbindung in die Stadtgesellschaft hinein. Perspektivisch könnte man das Publikum rund um solche Saisonvorschauen fragen, welche Künstler interessant wären, wen wir einladen sollten. Das könnte auch über Social Media passieren – dann schaut man sich die Acts in Kurzkonzerten an und spricht hinterher darüber, wen man zu einem längeren Gig einlädt. Das wäre eine sehr aktive Beteiligung der Zuschauer.

Peter Schulze: ... und am 4. September ist das einfach eine Reihe von sieben Kurzkonzerten zu meinem langsamen Abschied mit wunderbaren Leuten, die dem Sendesaal in den vergangenen Jahren vertraut geworden sind, wie Marialy Pacheco, Florian Donderer oder Tim Fischer.

Frau Champollion, Sie sind Blockflötistin und in der Alten Musik zu Hause. Nun müssen Sie sich in Jazz einarbeiten. Haben Sie da schon einen Favoriten identifiziert?

Elisabeth Champollion: Tamara Lukasheva fasziniert mich; sie kann mit ihrer Stimme Dinge machen, die sonst nur ein Instrument schafft. Sie komponiert, schreibt, singt, spielt Klavier. Mit ihr bin ich seit einiger Zeit in Kontakt, sie wird auf jeden Fall im Sendesaal auftreten. Sie steht an der Spitze einer langen Liste, die ich schon habe.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Zur Person

Elisabeth Champollion

studierte an der Hochschule für Künste Bremen Blockflöte. Sie hat drei Ensembles gegründet: Boreas Quartett, Prisma und Ensemble Volcania und die Reihe "Gröpelinger Barock" ins Leben gerufen. 2023 übernimmt sie die künstlerische Leitung des Sendesaals.

Peter Schulze

studierte in Berlin Komposition und Tonmeister und war Musikredakteur und Produzent bei Radio Bremen. Schulze, der dieses Jahr 75 Jahre alt wird, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Sendesaal nicht abgerissen wurde. Er ist außerdem in der künstlerlischen Leitung der Jazzahead aktiv.

Info

"Farewel(l)come" vom 2. bis zum 4. September, zu unterschiedlichen Zeiten. Das Programm sowie einen Überblick über die Konzerte des kommenden Halbjahrs und Tickets gibt es unter www.sendesaal-bremen.de

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