Film der Woche: „Bombshell“

Sexismus in der Medienbranche trifft auf starke Frauen

„Bombshell“ ist ein Film über Sexismus, Machtstrukturen und drei starke Frauen. Er erzählt die Geschichte rund um die Fox-News-Moderatorin Gretchen Carlson, die 2016 ihren CEO verklagte.
13.02.2020, 20:40
Lesedauer: 3 Min
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Sexismus in der Medienbranche trifft auf starke Frauen
Von Alexandra Knief
Sexismus in der Medienbranche trifft auf starke Frauen

Charlize Theron (links) als Megyn Kelly, Nicole Kidman als Gretchen Carlson und Margot Robbie als Kayla Pospisil in einer Szene des Films "Bombshell".

Hilary Bronwyn Gayle/Wild Bunch/dpa

„Niemand will eine Frau in ihren Wechseljahren schwitzen sehen,“ schmettert Fox-News-CEO Roger Ailes der Moderatorin Gretchen Carlson ins Gesicht, nachdem diese für eine Sendung über die Sexualisierung von Frauen ungeschminkt vor die Kamera getreten ist. Und dieser Spruch ist bei weitem nicht der schlimmste, den sich Carlson von ihrem Vorgesetzten und anderen männlichen Kollegen anhören musste. „Sie sind sexy, aber viel zu anstrengend“ zum Beispiel, oder sexistische Weisheiten wie „läuft im Beruf nicht alles rund, mach‘s mit dem Mund.“

Frauen, die sich wehren oder einfach nur ein bestimmtes Alter erreichen, werden degradiert oder gleich ganz entlassen. So lautet die unausgesprochene Firmenpolitik beim erzkonservativen US-Sender Fox. „Ach, Carlson übertreibt doch“, mag der eine oder andere an dieser Stelle denken. Oder „die hat sich das alles nur ausgedacht“. Sätze, die Frauen sich immer wieder anhören müssen, wenn sie sich dafür entscheiden, gegen Sexismus vorzugehen. Sätze, die dafür sorgen, dass andere Frauen genau diesen Schritt nie wagen.

Realer Fall

Nicht so im Fall Carlson: Im Juli 2016, mehr als ein Jahr vor #MeToo, und mitten im Präsidentschaftswahlkampf von Donald Trump, reichte Gretchen Carlson eine Klage wegen sexueller Belästigung gegen Ailes ein. Mehrere Frauen des Senders schlossen sich ihren Vorwürfen an. Nur kurze Zeit später war Ailes gezwungen, alle Funktionen bei Fox niederzulegen. Mit „Bombshell“ (Untertitel: „Das Ende des Schweigens“) hat Regisseur Jay Roach („Austin Powers“) aus diesem Fall einen teils fiktiven, teils auf Fakten beruhenden Film gemacht. Das Drehbuch stammt von Charles Randolph, der 2016 einen Oscar für „The Big Short“ erhielt.

Im Zentrum der Leinwandadaption stehen besagte Gretchen Carlson (Nicole Kidman), Moderationskollegin und Fox-Star Megyn Kelly (Charlize Theron) sowie Kayla Pospisil (Margot Robbie), die noch ganz unten in der Nahrungskette steht, aber davon träumt, möglichst bald auch selbst vor der Kamera sitzen zu dürfen. Robbies Rolle entspricht als einzige keiner realen Person, sondern wurde aus unterschiedlichen Aussagen von Zeitzeuginnen entwickelt. Während Carlson ihre Vorwürfe bereits ausgesprochen hat, ringen Kelly und Pospisil mit sich. Kelly fürchtet um ihren Job und das schöne Leben, das dieser ihr und ihrer Familie ermöglicht. Zu sehr genießt sie die Position, die sie gerade hat. Pospisil hat ihr Leben lang von nichts anderem geträumt als von einer Karriere bei Fox. Um sich diesen Traum zu erfüllen, geht sie sogar auf das ein, was Ailes (John Lithgow) hinter verschlossenen Türen von ihr verlangt.

Selbst nicht fehlerfrei

Von vielen Seiten bekam der Film die Kritik, er stelle Figuren in den Mittelpunkt, die in ihrem Leben selbst genug Fehler gemacht haben, aber auf ihre Opferrolle reduziert werden (gegen Kelly wurden im wahren Leben immer wieder Rassismusvorwürfe laut, 2018 verteidigte sie in einer Sendung zum Beispiel Blackfacing, was zu ihrer eigenen Kündigung führte). An anderen Stellen wurde wiederum kritisiert, die Figuren seien so kalt, dass man kaum mit ihnen sympathisiert.

Genau hier liegt allerdings nicht das Problem des Filmes, sondern ein Problem in unserer Gesellschaft: Man muss nicht mit den Frauen sympathisieren, um zu verstehen, dass ihnen Unrecht zugefügt wurde. Und auch ihre eigene Fehlerhaftigkeit macht die von Machtmissbrauch geprägten Strukturen bei Fox – und sicher auch in vielen anderen Unternehmen – nicht weniger falsch. Fehlverhalten wird nicht dadurch neutralisiert, dass das Opfer selbst Fehler macht. Dass Roach diese also nur anreißt, größtenteils aber außen vor lässt, ist völlig in Ordnung.

Roachs Werk ist ein in großen Teilen gelungener Film über Sexismus und Machtverhältnisse, die es zu hinterfragen gilt. Ein wenig überfordert der Film seine Zuschauer allerdings mit schnellen Schnitten, vielen Nebencharakteren und Einblendungen. So wirkt „Bombshell“ manchmal fast selbst wie eine hitzige Nachrichtensendung, in der man nur auf die nächste Schlagzeile wartet.

Bei der Oscarverleihung vor wenigen Tagen wurde der Film mit dem Preis für das beste Make-up und die besten Frisuren ausgezeichnet. Zwar muss man dem Make-up-Team zugutehalten, dass die Filmfiguren ihren realen Vorbildern durchaus ähnlich sehen, allerdings weisen Theron, Kidman und Lithgow auch schon ohne Make-up gewisse Typähnlichkeiten zu ihren Rollenvorbildern auf. Andere Nominierte, wie Nicole Ledermann und Kay Georgiou für „Joker“ hätten die Auszeichnung daher mehr verdient.

Weitere Informationen

Der Film läuft in Bremen unter anderem in den Bremer Filmkunsttheatern.

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