Szenische Lesung der Shakespeare Company

Tücken der Nachkriegsjustiz auf der Bühne

Die szenische Lesung der Bremer Shakespeare Company bringt erschütternde Details der Nachkriegsjustiz auf die Bühne. Sie behandelt den Tod des niederländischen Häftlings Theo Roodvoets.
11.02.2021, 05:00
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Tücken der Nachkriegsjustiz auf der Bühne
Von Patricia Friedek
Tücken der Nachkriegsjustiz auf der Bühne

Theo Roodvoets starb im Alter von 26 Jahren im Arbeitslager Bremen-Farge.

Privatarchiv Thea Roodvoets

Warum musste Theo sterben? Das ist eine Frage, die seinen Bruder Adriaan Roodvoets jahrelang, wahrscheinlich sogar bis zu seinem eigenen Tod nicht losließ. Anfang Juli 1961 fragt er beim damaligen Bundesjustizminister Fritz Schäffer an, ob der Lagerkommandant des „Arbeits- und Erziehungslagers“ Bremen-Farge, Karl Walhorn, für die Ermordung von Theo Roodvoets und einem weiteren niederländischen Häftling bestraft worden sei. Ein Jahr später erhält er ein ernüchterndes Schreiben des ersten Bremer Staatsanwalts Siegfried Höffler, der 1939/40 am Sondergericht Rzeszów in Polen tätig war: Die Ermittlungen gegen Walhorn habe er eingestellt, der Lagerkommandant sei nicht verantwortlich.

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Die Bremer Shakespeare Company fördert in ihrer neuesten szenischen Lesung der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ beeindruckende und zugleich erschütternde Elemente der deutschen Nachkriegsjustiz zutage. Die Lesung „Ich habe daher das Verfahren eingestellt“, gelesen von Peter Lüchinger, Michael Meyer und Simon Elias, entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtswissenschaft der Uni Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung und feierte am Dienstagabend Premiere – und zwar auf eine auch für das Theater neue Art: als Hybridveranstaltung, das Bühnenbild über die Videokonferenzplattform Zoom live gefilmt.

Dokumente aus dem Privatarchiv

Etwa 150 Zuschauer und Zuschauerinnen nahmen an der Video-Aufführung teil. Die Lesung basiert auf Archivfunden der Historikerin Eva Schöck-Quinteros und ihren Studierenden, sowie auf Dokumenten aus dem Privatarchiv von Thea Roodvoets, der Nichte von Theo Roodvoets.

Das Stück beginnt mit einem Erlass von 1941 des SS-Reichsführers Heinrich Himmler. Darin heißt es: „Arbeitskräfte, die die Arbeit verweigern oder die Arbeit gefährden, sind in besonderen Arbeitserziehungslagern zusammenzufassen. (...) Die tägliche Arbeitszeit soll nicht weniger als zehn und darf nicht mehr als zwölf Stunden betragen. Die Arbeit an Sonn- und Feiertagen ist gestattet. Einmal wöchentlich soll ausreichend Gelegenheit für körperliche Reinigung gegeben werden.“

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Theo Roodvoets wird im Januar 1944 nach einer Razzia der deutschen Polizei in das Arbeitslager in Bremen-Farge gebracht. Nur knapp einen Monat später stirbt er im Alter von 26 Jahren. In den Unterlagen des Standesamts Neuenkirchen ist als Todesursache „Kreislaufschwäche“ vermerkt. Eine Reihe weiterer Niederländer, ebenfalls in ihren 20ern, ist in diesen Akten aufgelistet; die Todesursachen: Entkräftung, Erschöpfung, Körperzertrümmerung.

Roodvoets ist überzeugt, dass jemand für den Tod seines Bruders in Farge verantwortlich ist. Er liefert sich einen unermüdlichen Briefwechsel mit der Justiz, um wenigstens einen Hauch Gerechtigkeit zu erlangen. Die Kälte und Empathielosigkeit der Juristen könnte nicht authentischer als durch das Vorlesen ihrer Schreiben transportiert werden, genauso die Verzweiflung Adriaan Roodvoets in seinen Briefen.

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Zwischenzeitlich ist das Zuhören bei dieser Lesung dennoch anstrengend, da besonders zu Beginn viele Namen und Zahlen fallen und die Sprache der meisten Schriftstücke trotz nuancenreicher Betonung durch die Schauspieler sehr formell und behördlich bleibt. Die Länge von etwa einer Stunde ist daher für das Format genau richtig – zumal die Konzentration, die dieses Stück durchaus erfordert, vor dem Bildschirm schneller nachlässt als im Theatersaal. Die Kombination aus den Archivfunden, sowohl aus den öffentlich zugänglichen Dokumenten als auch der privaten von Thea Roodvoets, macht die Aufführung dennoch unverfälscht und spannend. Und obwohl das Vorlesen der Schriftstücke zuerst nicht emotionsreich wirken mag, ist es der Inhalt der Akten umso mehr. Besonders der letzte Brief Roodvoets an Staatsanwalt Höffler in dem er von einem Vernichtungslager, Aushungerung und Misshandlung spricht, lässt erahnen, welches Leid er ein Leben lang ertragen musste, weil nie jemand für den Tod seines Bruders zur Rechenschaft gezogen wurde.

Weitere Informationen

Die Shakespeare Company will die Lesung noch häufiger digital, aber auch analog vorführen, sobald es wieder möglich ist. Weitere Informationen folgen online unter www.shakespeare-company.com.

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