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So beeindruckend ist der Dokumentarfilm "Welcome to Sodom"

Der Dokumentarfilm "Welcome to Sodom" erzählt von dem giftigsten Ort der Welt und seinen Bewohnern. Warum ein Kinobesuch des am 2. August im Cinema im Ostertor anlaufenden Films lohnt.
31.07.2018, 17:45
Lesedauer: 3 Min
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So beeindruckend ist der Dokumentarfilm
Von Helge Hommers
So beeindruckend ist der Dokumentarfilm "Welcome to Sodom"

Rund 6000 Menschen leben in Sodom. Viele von ihnen träumen von einem besseren Leben weit weg in Europa.

Camino Filmverleih

David ist Jude, ehemaliger Medizinstudent und liebt Shakespeare. Er stammt aus Gambia, von wo er fliehen musste, weil er homosexuell ist. Nun versteckt er sich in Agbogbloshie, einem Stadtteil der ghanaischen Hauptstadt Accra, der aus einer riesigen Elektromülldeponie besteht. In Anlehnung an die wegen seiner sündigen Bewohner zerstörte Stadt aus der Bibel wird der wohl giftigste Ort des Planeten nur Sodom genannt. Der bildgewaltige Dokumentarfilm "Welcome to Sodom" der österreichischen Regisseure Christian Krönes und Florian Weigensamer erzählt von Davids Alltag und dem einiger anderer der 6000 Menschen, die in Sodom leben.

Eine von ihnen ist Kwasi, die sich die Haare kurz geschoren hat, um als Junge durchzugehen. Denn Mädchen dürfen in Sodom nur Nahrungsmittel verticken. Auf Jungen und Männer wartet hingegen das große Geschäft – zumindest glauben sie das. Kwasis wichtigster Begleiter ist ein präparierter Magnet, den sie an einer Schnur über den Schrottplatz zieht, um Eisenstückchen zusammenzutragen, die sie später zu Geld macht – sehr, sehr wenig Geld. David, der in einem Unterstand aus Autoreifen haust, sammelt hingegen leere Wassertüten, für die er pro Kilo zwei volle Wassertüten erhält. "Mein Traum ist es, dort zu sein, wo ich einfach ich selbst sein kann", sagt David.

250.000 Tonnen Elektroschrott

Bis vor wenigen Jahren war Sodom ein Sumpfgebiet. Dann entdeckten es Geschäftsleute aus Europa für sich. Weil die fachgerechte Entsorgung in Europa teuer ist, laden sie hier jährlich etwa 250.000 Tonnen Elektroschrott ab, nun ist Sodom eine Art Vorhof zur Hölle. Der Film zeigt nicht, woher der Müll kommt; er ist einfach da. Alles, was die Arbeiter recyceln, wird nach Europa verkauft und dort zu Elektrogeräten zusammengesetzt, die wieder in Sodom landen – ein Kreislauf, der sich dank der immer kürzeren Überlebensdauer der Smartphones und Laptops nur noch schneller dreht. Viele Bewohner würden den Geräten am liebsten folgen: "In diesem Afrika gibt es für uns nichts mehr", sagt einer. Ein anderer erzählt, dass man in Afrika ein Afrikaner sei, in Europa aber sei man jemand.

Die Filmemacher, die drei Monate vor Ort waren, verstehen ihr Werk nicht als Anklage. Es soll zum Nachdenken über das persönliche Konsumverhalten und die eigene Nachhaltigkeit anregen. Das gelingt ihnen mit furiosen Bildern: Starre Totalen zeigen nicht enden wollende Berge von ausrangierten Elektrogeräten, zwischen denen Kühe grasen und Schatzsucher wühlen. Dann wiederum umkreist die Kamera auf Bodenhöhe die Arbeiter, die ihre eigenen Tricks und Kniffe gefunden haben, in dieser unwirtlichen Welt zu überleben. Etwa, indem sie pechschwarz qualmende Feuer entfachen, in die sie Kabel legen, um das darum gewickelte Plastik vom wertvollen Kupfer zu trennen. Der Zuschauer ist mittendrin im Geschehen, der in den Augen beißende und in den Lungen brennende Rauch wird geradezu spürbar.

Die großen Stärken des Films

Außer zweier Texttafeln, einer am Anfang und einer am Ende, halten sich die Regisseure mit Kommentaren und Erklärungen zurück – was eine der großen Stärken des Films ist. Stattdessen lassen sie ihre alle paar Minuten wechselnden Protagonisten sprechen. Die erzählen aus dem Off in fast schon poetischen Worten von ihren Wünschen, ihren Überzeugungen und den Ursachen, warum es sie an diesen lebensfeindlichen Flecken verschlagen hat. Immer wieder berichten sie von Mythen, etwa von der Allmacht des Chamaläons, die daran erinnern, dass es hier eine Zeit vor Sodom und vor der europäischen Kolonialisierung gegeben hat.

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Sodom ist ein Transitort, an dem alles ständig in Bewegung ist. So wie der Fluss, der Unmengen von Plastik- und Elektroschrott durch Sodom treibt. Das ist fast so, als handele es sich um Styx, den Fluss der Unterwelt aus der griechischen Mythologie. Doch immer wieder kommt es zu Szenen, die Normalität ausstrahlen: Jungs, die zwischen umherfliegenden Sägespänen tanzen, um Mädchen zu beeindrucken; zwei Teams, die in einheitlichen Trikots, Shorts und Stutzen Fußball spielen, während zwei Monitore die Pfosten bilden. Kwasi, die ein Junge sein will und sich die Haare extra kurz schneiden lässt, die beim Frisör auf einem ausrangierten Bürostuhl sitzt – inmitten einer unendlich scheinenden Müllwüste.

Weitere Informationen

"Welcome to Sodom" läuft ab dem 2. August im Cinema im Ostertor.

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