Film der Woche

So ist der oscarnominierte Film „Little Women“

„Little Women“ erzählt von vier Schwestern, die in den 1870er-Jahren in den USA aufwachsen. Greta Gerwig schubst die Romanvorlage Louisa May Alcotts sachte in Richtung Gegenwart.
03.02.2020, 12:54
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So ist der oscarnominierte Film „Little Women“
Von Katharina Frohne

Der Verleger grinst. Ein „Ach, Mädchen“-Grinsen. Ein bisschen süffisant, ein bisschen gelangweilt. Wenige Sekunden zuvor hatte ihm eine junge Frau ein Buchmanuskript überreicht: die Geschichte vierer Schwestern, die in den 1870er-Jahren in Neuengland aufwachsen. Der Roman handelt von ihrem Alltag, vom Frühstück am Weihnachtsmorgen, vom ersten Ballbesuch, vom Theaterspiel auf dem Dachboden. Alles schön und gut, sagt der Verleger – nur das Ende, das passe ihm gar nicht. Denn eine der Schwestern heirate nicht, sei nicht einmal verlobt, und das mit immerhin Anfang 20. „Junge Mädchen“, sagt der Verleger, „müssen am Schluss eines Romans verheiratet sein. Oder tot.“

Die junge Frau heißt Jo (großartig: Saoirse Ronan), und was ihr in dieser Szene begegnet, seine Erwartungen an sie als Autorin, vor allem aber an sie als Frau, fasst sehr gut zusammen, worum es geht: „Little Women“, die Verfilmung von Louisa May Alcotts 1868/69 erschienenem Roman, erzählt vom Erwachsenwerden. Davon, dass das immer schwer ist, weil der kindliche Glaube daran, alles sein zu können, mit der Realität kollidiert. Vor allem aber davon, wie sehr das vor allem für junge Frauen gilt, deren Wahlmöglichkeiten im Wesentlichen aus drei Optionen bestehen: Ehefrau, Mutter, oder beides.

In den USA, Louisa May Alcotts Heimat, gilt „Little Women“, der wie Jos Roman von vier Schwestern erzählt, als Klassiker der frühen Coming-of-Age-Literatur. Als es Ende des 19. Jahrhunderts in den Buchhandlungen landete, verkaufte es sich direkt hervorragend – wohl auch, weil es, anders als das Gros damaliger Veröffentlichungen, nicht von Helden und großen Taten erzählte, sondern von ganz normalen Menschen, von alltäglichen Freuden, Sorgen und Krisen. Fünfmal wurde der Stoff bereits verfilmt, zuletzt kam 1994 Gillian Armstrongs Version mit Winona Ryder in der Rolle der wilden, unangepassten Jo in die Kinos.

Jetzt also Nummer sechs. Regie führte diesmal Greta Gerwig, die bereits mit „Frances Ha“ (2012) und „Lady Bird“ (2017) auf sich aufmerksam machte, für letzteren sogar eine Oscar-Nominierung für die beste Regie einheimste. Was Gerwigs Filme ausmacht, ist dabei ein immer durchscheinendes großes Verständnis für zutiefst Menschliches; für widersprüchliche Charaktere, für die ewige Mischung aus Hochmomenten und kleinen und großen Krisen, die das Leben ist.

Auch „Little Women“ erzählt Gerwig mit viel Feingefühl, ihre vier Heldinnen nimmt sie gleichermaßen ernst. Das ist erwähnenswert: In Alcotts Roman ist es vor allem die störrische, sich traditionellen weiblichen Rollenbildern widersetzende Jo, der die Zuneigung der Autorin gilt. Meg (Emma Watson) hingegen, die Älteste, die sich ein Leben als Frau und Mutter wünscht, wird als weniger eigenständig dargestellt, als junge Frau, die nicht die charakterliche Stärke besitzt, frei von gesellschaftlichen Erwartungen ihren Weg zu gehen.

Ganz schön schön

In der 2020er-Version von „Little Women“ ist beides okay – denn welche Freiheit wäre es, das eine Ideal einfach durch ein anderes zu ersetzen? Gerwig zeigt vier ungleiche Schwestern, deren Vorstellungen vom Leben gleichwertig nebeneinander stehen. Jo, Meg, Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen) March wachsen bei ihrer Mutter „Marmee“ (Laura Dern) auf, der Vater dient im Amerikanischen Bürgerkrieg. Die Marches haben nicht viel Geld, ihr Zuhause ist eher gemütlich-chaotisch als herrschaftlich, aber sie haben einander. Oft an ihrer Seite ist Nachbarsjunge Laurie (Timothée Chalamet), der, je nach Schwester, Kumpel, Schwarm oder Clown ist.

Gerwig hat die Erzählstruktur des Buches und früherer Filmadaptionen dabei klug aufgebrochen: Die erste Zeitebene erzählt von der frühen Jugend der Mädchen, die zweite einige Jahre später, als die Schwestern schon nicht mehr zu Hause leben.

Auch stilistisch weist Gerwig hier auf einen Bruch hin: Die Aufnahmen im bonbonfarbenen Heim der Marchs scheinen in warmes Licht getaucht, die Mädchen tragen Rüschenkleider und weiches, wallendes Haar – wer nicht genau hinsieht, könnte sich in einem Märchenfilm der ARD wähnen. Verwoben werden diese Bilder mit denen aus der Gegenwart, in denen vieles längst nicht mehr so rosig ist wie einst.

Als Regisseurin hält sie so die Balance zwischen Literaturverfilmung und moderner Interpretation; das Motiv der schon in Alcotts Original anklingenden Emanzipation dreht sie so sachte weiter, dass es noch immer glaubhaft ist. Verständnis füreinander – für verschiedene Lebenswege, verschiedene Ziele und Ideale – erwächst in diesem liebevoll erzählten Film aus der bedingungslosen Liebe, die die Schwester einander entgegenbringen. Man könnte das als ganz schön kitschig bezeichnen, und das ist es auch, keine Frage. Aber auch: ganz schön schön.

Weitere Informationen

„Little Women“ läuft in Cinespace, Cinemaxx und Cinestar.

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