Corona-Krise

„Niemand muss vereinsamen“

Wie sehr belastet soziale Distanz die Psyche? Peter Kirsch vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim erklärt im Interview, warum es bei aller Vorsicht wichtig ist, soziale Kontakte zu pflegen.
21.06.2020, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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„Niemand muss vereinsamen“
Von Katharina Frohne
„Niemand muss vereinsamen“

Sich umarmende Menschen sind dieser Tage ein seltenes Bild. Bund und Länder raten auch weiterhin dazu, soziale Kontakte möglichst gering zu halten.

rawpixel/123rf
Herr Kirsch, nach Wochen des Rückzugs in die eigenen vier Wände treten immer mehr Lockerungen der Corona-Auflagen in Kraft. Wie beurteilen Sie das aus psychologischer Sicht?

Peter Kirsch: Erst mal möchte ich betonen, dass ich weiterhin davon abrate, einfach zur Normalität zurückzukehren. Nicht umsonst wird noch immer dazu geraten, zwischenmenschliche Kontakte gering zu halten und die bekannten Abstandsregeln einzuhalten. Aber: Es ist durchaus möglich, diese Regeln zu berücksichtigen und trotzdem soziale Kontakte zu pflegen. Beispielsweise, indem man sich im Freien verabredet, im Park oder in der Gaststätte. Wir wissen inzwischen genug über das Virus, um verantwortungsbewusst mit der Gefahr umgehen zu können. Niemand muss vereinsamen.

Sie sprechen das Problem bereits an: Die wochenlange Isolation war für viele Menschen eine große Herausforderung. Warum ist das so?

Weil der Mensch nicht fürs Alleinsein gemacht ist. Dass unsere Art bis heute überlebt hat, verdankt sie ihrer Fähigkeit, sich zusammenzutun, sich gemeinsam vor Gefahren zu schützen, zu kooperieren. Und natürlich: sich fortzupflanzen, um den Erhalt der Art zu sichern. Wir sind gewissermaßen evolutionär darauf getrimmt, Nähe zu suchen.

Was passiert, wenn diese Nähe fehlt?

Wer längere Zeit isoliert ist, weist eine geringere psychische Widerstandskraft gegen Stress auf. Das zeigt sich auch bei anderen sozialen Lebewesen: Tiere, die isoliert aufwachsen oder zu einem späteren Zeitpunkt von ihren Artgenossen getrennt werden, zeigen währenddessen, aber auch danach eine verminderte Stresstoleranz. Das heißt: Treten Situationen auf, die diese Individuen bedrohen, haben sie dieser Bedrohung weniger entgegenzusetzen. Beim Menschen ist es ähnlich: Isolation ist ein Risikofaktor für eine ganze Reihe an psychischen, aber auch körperlichen Erkrankungen. Depressionen beispielsweise sind ein Krankheitsbild, das mit einer Dysfunktion des Stresssystems in Verbindung gebracht wird. Aber auch Herzkreislauferkrankungen werden begünstigt, etwa Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder koronare Herzkrankheiten.

Viele Menschen weichen auf Telefonate oder Videocalls aus, um Kontakt zu halten. Ein guter Ersatz?

Einander zu hören oder auf dem Display zu sehen, ist eine gute Möglichkeit, trotz der Entfernung eine emotionale Verbundenheit zu spüren. Auch wir Psychotherapeuten mussten in den vergangenen Wochen auf digitale Therapiegespräche ausweichen. Wir wussten zunächst nicht, wie gut das funktioniert, konnten für unsere Patienten aber gute Erfolge erzielen. Trotzdem ist klar, dass ein Telefonat die persönliche Begegnung nicht ersetzen kann.

Warum nicht?

Bei engeren persönlichen Beziehungen, wie sie zwischen Familienmitgliedern, Paaren und Freunden bestehen, fehlt die körperliche Nähe. Wer von einem anderen Menschen berührt wird, dessen Körper schüttet Hormone und Botenstoffe aus, die mit Wohlbefinden assoziiert werden und oftmals auch eine angstdämpfende Wirkung haben. Eine Kollegin von mir hat etwa in einer Studie dargestellt, dass Personen, die von ihrem Partner massiert, also angenehm berührt wurden, weniger deutlich auf einen starken Stressor reagieren.

Gerade auf diese körperliche Nähe müssen gerade viele Menschen verzichten. Müssen die sich um ihre psychische Gesundheit sorgen?

Ich habe kürzlich gelesen, dass eine Kollegin die Befürchtung geäußert hat, durch Corona werde ein „Tsunami an psychischen Erkrankungen“ auf uns zukommen. Ich plädiere dafür, sich mit derartigen Katastrophenszenarien zurückzuhalten. Man muss bedenken: Die relative Isolation, die wir gerade erleben, dauert erst drei Monate an, es lässt sich also kaum von einem anhaltenden Stressor sprechen. Anzunehmen, dass große Teile der Gesellschaft psychische Schäden davontragen, halte ich für eine zu pessimistische Einschätzung. Trotzdem ist ganz klar, dass Menschen, die sich durch die derzeitige Situation beeinträchtigt fühlen, geholfen werden muss.

Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit hat mit Unterstützung der Landesregierung eine Hotline eingerichtet, an die sich Menschen wenden können, die unter der derzeitigen Situation leiden. Der Bedarf ist also da?

Ja, es gibt einen Bedarf, aber der ist sicher sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wir haben natürlich keine genauen Informationen zu den gesundheitlichen Problemen, mit denen die Menschen uns kontaktieren. Mein Eindruck ist aber, dass insbesondere diejenigen großen Leidensdruck verspüren, die schon vor der Krise beeinträchtigt waren. Etwa der Hälfte der Personen, die bei der Hotline anrufen, sind Menschen, die angeben, dass sie bereits vor der aktuellen Krise eine psychische Erkrankung hatten, etwa unter Depressionen leiden.

Warum trifft diese Zeit sie besonders schwer?

Wer sich in einer psychisch schwierigen Situation befindet, der braucht das Gefühl von Kontrolle. Die Corona-Krise ist das Gegenteil von Kontrolle; gerade zu Beginn gab es fast täglich neue Auflagen und Regeln, Politiker sprachen davon, erst mal „auf Sicht zu fahren“. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen kommt diese Unsicherheit einem bedrohlichen Kontrollverlust gleich. Hinzu kam, dass viele keinen geregelten Alltag mehr hatten und unterstützende Freunde und Familie weniger oft oder gar nicht sehen konnten. Auch diese Strukturen sind wichtig, um sich sicher zu fühlen.

Was raten Sie Menschen, die es weiterhin vorziehen, sich aus Sicherheitsgründen zurückzuziehen, gleichzeitig aber den sozialen Austausch vermissen?

Es ist verständlich, aus Angst vor einer Infizierung weiterhin auf Distanz zu gehen. Trotzdem würde ich definitiv nicht dazu raten, vollständig auf soziale Kontakte zu verzichten. In meiner Familie beispielsweise machen wir es so, dass wir uns schon während der Woche für ein Videogespräch in der Gruppe am Wochenende verabreden. So ist schon Tage vorher eine große Vorfreude da. Auch solche kleinen Rituale können dazu beitragen, die Stimmung zu heben und eine emotionale Verbundenheit zu spüren.

Das Gespräch führte Katharina Frohne.

Info

Zur Person

Peter Kirsch

ist Leiter der Abteilung Klinische Psychologie am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, das eine Hotline eingerichtet hat, um unter der Corona-Krise leidenden Menschen zu helfen.

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