Wolfgang Niedecken im Interview

„Soundtrack meines Alltags“

Im Interview spricht Wolfgang Niedecken über das neue BAP-Album „Alles fließt“, Heinrich Böll und einen Shitstorm in der eigenen Blase.
23.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer

Das aktuelle Album „Alles fließt“ klingt aus mit einem Satz von Heinrich Böll aus dem Roman „Ansichten eines Clowns“. Sehen Sie sich auch als ein Clown, der Augenblicke sammelt?

Wolfgang Niedecken: Wir haben diesen Roman auf dem Gymnasium durchgenommen, da muss ich so 15 gewesen sein, und das war das erste Stück Literatur, das mich mitgenommen hat und in dem ich mich auch wiedergefunden habe. Vorher hatte ich wie alle Enid Blyton, jede Menge Comics und Karl May gelesen, und auf einmal kommt so ein großartiges Buch daher. Da habe ich zum ersten Mal richtig aufgepasst. Ich wusste natürlich, wer Heinrich Böll ist, der hat 50 Meter Luftlinie vom Elternhaus meiner Mutter gelebt. Alle waren stolz darauf, dass es einer aus der Kölner Südstadt geschafft hatte. Später, als wir unser erstes BAP-Buch im Verlag seines Sohnes René rausgebracht haben, habe ich ihn dann kennengelernt: ein sehr herzlicher Mensch und ein guter Zuhörer.

Wie kam sein Zitat ans Ende dieser Platte?

Unsere Multiinstrumentalistin Anne de Wolff hatte die Idee mit diesen Soundcollagen auf der Platte. Sie hatte mich dafür auch nach meinen frühesten musikalischen Erinnerungen befragt und das hat sie dann zu so einem Zopf verflochten. Das hört sich ein bisschen so an, als ob man an einer Kirmes vorbeifährt, von wo Klangfetzen herüberwehen. Man weiß nicht so genau, was das ist. Die Stelle mit Böll war eigentlich für die Anfangscollage vorgesehen, war aber dort zu bedeutungsschwanger, also haben wir es umgedreht. Jetzt kommen diese zwei Sätze, wenn die Songs vom Album schon ausgeklungen sind, quasi als „Hidden Böll“.

Kann man sagen, Anne de Wolff und Ulle Rode sind bei BAP zu den „musical directors“ geworden?

Ja, der Begriff trat relativ spät in mein Leben, aber es stimmt. Sie kümmern sich auch um die Koordination. Ulle ist ja auch der Hauptkomponist der Band.

Die Beziehung Sänger Gitarrist ist nicht immer einfach: Ist Ulle Rode nach Major Heuser und Helmut Krumminga der perfekte musikalische Partner für Sie?

Er ist auf jeden Fall der songdienlichste Gitarrist, mit dem ich je gespielt habe. Viele Gitarristen haben diese Attitüde, dass sie immer am Sänger vorbei wollen. Die brettern einem alles zu oder man muss sich als Sänger in fürchterlichen Tonarten abquälen, weil dort womöglich ein Gitarrenriff am besten klingt. Ulle muss man eher motivieren, dass er sich auch mal nach vorne spielt.

Wie sind die neuen Songs entstanden?

Normalerweise schreiben unser Keyboarder Michael Nass und ich auch einige Stücke, aber in diesem Fall hatte Ulle mir schon sehr früh, nämlich direkt nach der Tour 2016, eine CD mit „Layouts“, also mit Stücken, die er schon weitgehend arrangiert und provisorisch betextet hatte, gegeben. Ich konnte mich quasi ins gemachte Bett legen, hatte allerdings erst mal gar keine Zeit, mich damit zu befassen. Die Stücke wurden erst ein Jahr später zum Soundtrack meines Alltags, irgendwann kamen Textideen. Aber mir war von vornherein klar: Der erste Text, den ich schreiben werde, ist „Ruhe vor‘m Sturm.“ Und so kam es dann auch.

Wären Sie einverstanden, wenn man schreibt, die Platte pendelt zwischen Altersmilde und neu entfachtem Zorn?

Ja, darin finde ich mich wieder.

Sollte man Musik und die Möglichkeiten, Menschen damit zu erreichen, wieder ernster nehmen?

Ich will nicht ausweichen, aber wie bekommen die Leute überhaupt noch mit, wenn wir eine neue Platte machen, wenn wir nicht die Medien nutzen, die wir eigentlich gar nicht nutzen wollen? Mit Facebook erwischt man natürlich immer nur die eigene Blase. Bei den meisten Radiosendern müssen wir schon Glück haben, dass wir mal ein Interview machen können und dann auch ein paar Lieder von uns laufen. Ein Stück wie „Ruhe vor‘m Sturm“ hat überhaupt keine Chance, in eine sogenannte Playlist zu kommen. Das war zu Zeiten von „Kristallnaach“ noch anders, aber wenn von diesem Album etwas im Radio läuft, dann höchstens die Balladen oder so etwas wie „Huh die Jläser, huh die Tasse“, das ist „uplifting“. Die Medien haben sich in der Beziehung komplett geändert, aber wir versuchen, uns treu zu bleiben. Wir richten uns auch nicht nach irgendwelchen Formatbestimmungen.

Müssen Sie wahrscheinlich ja auch nicht mehr.

Nein, aber mir tut das auch für junge Kollegen leid. Es gibt nur ganz wenige, die so viel Persönlichkeit haben, das einfach wegzuwischen. Annenmaykantereit gehören dazu; die haben viel eigenen Charme, die kümmern sich da nicht drum und lassen sich auch nicht reinreden. Bei denen erkenne ich uns in jungen Jahren wieder.

Sie haben die „eigene Blase“ erwähnt. Wie entsetzt waren Sie, dass es innerhalb dieser nun auf Ihrer eigenen Facebook-Seite zum Shitstorm kam?

Eigentlich kennt man so etwas unter BAP-Fans nicht. Hört sich fast unrockig an, aber BAP-Fans sind in der Regel sehr vernünftige Menschen mit Lebenserfahrung, auch wenn sie politisch nicht immer einer Meinung sein müssen. Ich habe viele Leute vor der Bühne erwachsen werden sehen. Die ersten überregionalen Touren gab es ab 1981, da kann man sich ja ausrechnen, wie alt diejenigen heute sind, die damals 15, 16 Jahre alt waren und dabeigeblieben sind. Manchmal bin ich auch stolz auf die Leute und freue mich, dass sie mir immer noch vertrauen. Dafür muss man sich aber auch anstrengen, man darf es sich da nicht einfach machen und meinen, die Leute merken schon nicht, wenn wir nur Halbgares abliefern.

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Trotzdem ging es in diesen Foren hoch her.

Ja, aber das kam ja nicht von den Fans. Ich hatte mich darüber aufgeregt, dass auf unserer Seite lauter Fremdposts waren, irgendwelche Videos von diesen „Querdenkern“ und so Sätze wie „Das musst du dir unbedingt mal angucken!“ Anfangs haben wir die einfach gelöscht, aber als das nicht aufhörte, habe ich dann diesen Kommentar geschrieben, in dem ich gesagt habe, man möge doch mal genau hingucken, mit wem man sich auf diesen Demonstrationen gemein macht. Man kann ja weltfremd sein, wie man will, aber man sollte schon erkennen, was einer will, der dort mit einer Reichskriegsflagge wedelt. Da muss man sich doch distanzieren!

In den 1980er-Jahren waren Sie einer der schärfsten Kritiker der CDU-Regierung unter Helmut Kohl, Songs wie „Ahl Männer, aalglatt“ oder „Widderlich“ zeugen davon. Wie geht es Ihnen damit, heute Angela Merkel verteidigen zu müssen?

Ich habe unsere Kanzlerin nie gewählt und ich habe auch manche Witzchen über sie gemacht, aber spätestens 2015, als hier die Flüchtlinge auf der Matte standen, hat sie mir mit ihrem Durchhaltevermögen, ihrem „Wir schaffen das“ imponiert. Da breche ich mir keine Zacken aus der Krone, wenn ich das zugebe. Ich bin nicht parteizugehörig und ich finde, ein Künstler sollte das auch nicht sein.

Info

Zur Person

Wolfgang Niedecken (69) gründete 1976 seine Band BAP, die seitdem 19 Studio-Alben herausbrachte, zuletzt „Alles fließt“. Der Kölner Sänger und Gitarrist, der zudem fünf Solo-Platten veröffentlichte, ist dabei das einzige konstante Mitglied. Mit bislang zwölf Numer-Eins-Alben sind BAP zusammen mit den Beatles die erfolgreichste Band in den deutschen Charts. Aktuelle Tourpläne liegen auf Eis, ebenso ist fraglich, ob ein geplantes Konzert zu Niedeckens 70. Geburtstag am 30. März 2021 in Köln stattfinden kann.

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