Interview mit Soziologin Marci Cottingham „Es ist leicht, das Internet zu verteufeln“

Die Soziologin berichtet über ihre Untersuchungen zur Online-Kommunikation in Krisenzeiten und wie wir mit unserer Angst angesichts der Corona-Lage umgehen sollten.
14.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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„Es ist leicht, das Internet zu verteufeln“
Von Katharina Frohne
Frau Cottingham, man könnte meinen, dass es weniges gibt, das individueller ist als Gefühle. Sie aber forschen zu kollektiven Emotionen. Was ist damit gemeint?

Marci Cottingham: Als Soziologin suche ich immer nach Mustern. Wenn es um Gefühle geht, betrachte ich also Szenarien, in denen eine Gruppe von Menschen von den gleichen Emotionen erfasst wird. Nehmen wir ein dieser Tage naheliegendes Beispiel: die Angst vor dem Coronavirus. Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass diese Angst sich für jeden Menschen anders anfühlt, trotzdem lässt sich von einer kollektiven Emotion sprechen.

Warum ist es interessant, die näher zu betrachten?

Weil kollektive Emotionen mehr sind als die Summe ihrer Teile. Bleiben wir beim Beispiel Angst: Verspürt ein Einzelner Furcht oder Panik, bleibt die nicht bei ihm. Er teilt sie anderen mit, gibt sie weiter. Aus den Gefühlen einer kleinen Gruppe von Einzelpersonen erwächst so eine Norm: Die Angst scheint das der Situation angemessene Gefühl zu sein, denn es wird von der Mehrheit empfunden.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich damit, wie diese Ausbreitung durch die sozialen Medien beeinflusst wird. Gehen Sie davon aus, dass Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram eine beschleunigende Wirkung haben?

Das ist oft die Annahme. Und natürlich: Die sozialen Netzwerke machen einen weltweiten, massenhaften Austausch möglich, wie er noch vor wenigen Jahren unvorstellbar war. Meine Untersuchungen zeigen mir aber, dass das oft nicht neutral festgestellt, sondern negativ eingeschätzt wird. Nehmen wir den oft genutzten Begriff der Viralität…

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Sie meinen, dass davon gesprochen wird, dass ein Bild oder Video oder Tweet ‚viral gehen‘, wenn sie innerhalb weniger Tage millionenfach verschickt, gepostet, retweetet werden?

Genau. Es geht um plötzliche Bekanntheit, um die Verbreitung eines bestimmten Inhaltes über das Internet. Das Wort ‚viral‘ aber stammt aus der Medizin, wo es ansteckende, durch ein Virus verursachte Krankheiten bezeichnet. Ich halte es deshalb für bedenklich, ihn zu gebrauchen – weil er der Kommunikation über die sozialen Medien einen negativen Beigeschmack verleiht.

Den hat es in Ihren Augen nicht?

Den kann es haben – natürlich. Wenn sich Falschmeldungen über das Internet verbreiten, ist das negativ, ganz klar. Meine Studien zeigen aber auch, dass die Kommunikation über das Internet gerade in Situationen, die viele Menschen belasten, große Vorteile hat.

Zum Beispiel?

In meinen Untersuchungen konzentriere ich mich vor allem auf die Ebola-Epidemie, die sich 2014 von Westafrika aus ausbreitete. Mein Team und ich greifen dafür auf Tweets aus dieser Zeit zu, in denen Menschen sich über das Virus austauschen. In vielen Posts geht es um Angst, Nutzer schrieben Dinge wie „Hilfe, es kommt in unsere Richtung!“ oder „Ich ziehe besser nach Alaska!“. Genauso gab es auch einen Austausch, der sich als positiv bezeichnen ließe: Sorgen wurde mit Humor und Kreativität begegnet, es gab unzählige Memes und Videos, manche sehr lustig, andere eher geschmacklos. Sicher ist aber: Der Austausch online kann ein Verarbeitungsmechanismus sein, sogar so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen lassen. Diese Qualität wird oft übersehen.

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Woran liegt das?

Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich denke, dass es in heiklen Situationen wie auch der aktuellen immer einen Sündenbock braucht. Es ist leicht, das Internet und die sozialen Netzwerke zu verteufeln. Dabei sind die erst einmal nicht mehr als Kommunikationskanäle. Die sich, natürlich, genauso mit klugen, hilfreichen, reflektierenden Inhalten bespielen lassen wie mit destruktiven, falschen, schlechten.

Sie sagten, dass Sie die Ebola-Epidemie in den Blick nehmen; angefangen haben Sie bereits lange vor Beginn der Corona-Pandemie. Wie geht es Ihnen damit, dass Ihr Thema plötzlich zu ungeahnter Relevanz findet?

Es ist seltsam – aber es zeigt mir auch, wie wichtig meine Arbeit ist. Auch jetzt geht es wieder um die Frage, wie sich die Gesellschaft als Ganze schützen lässt, ohne die Rechte Einzelner zu missachten. Den Umgang mit diesen Problemen zu dokumentieren und zu betrachten, kann für zukünftige ähnliche Situationen sehr hilfreich sein.

Viele Menschen scheinen sich gerade in einer Zwickmühle zu befinden: Einerseits möchten sie sich informieren und auf dem neuesten Stand bleiben, andererseits kann die unablässige Beschäftigung mit der Corona-Pandemie zur Überforderung werden. ­Haben Sie einen Rat?

Erst einmal finde ich es wichtig zu betonen, dass Angst nichts Schlechtes sein muss. Oft heißt es gerade, man dürfe den Menschen keine Angst machen. Das erscheint mir widersprüchlich: Wir sollen zu Hause bleiben, umfangreiche Einschränkungen akzeptieren, gleichzeitig aber unbesorgt sein? Das passt nicht zusammen. Klar ist doch: Die Lage ist ernst, das darf und sollte anerkannt werden. Es ist sogar wichtig, dass wir als Gesellschaft das begreifen, weil sich nur so notwendige Maßnahmen wie das Social Distancing umsetzen lassen. Die Frage ist dann eher, wie diese Angst kanalisiert wird.

Was meinen Sie?

Eine Option ist, von morgens bis abends die Infektionsraten zu verfolgen und in Panik zu verfallen. Eine andere ist, die Sorge vor einer Ansteckung in Taten zu übersetzen. Dazu kann etwa gehören, sich besonders gründlich die Hände zu waschen, ausreichend Abstand zu halten oder seine Mitmenschen aufzuklären. Es kann aber auch heißen, sich in die Lage anderer zu versetzen, die gerade allein, einsam oder schlecht versorgt sind, und zu helfen. Ein ungutes Gefühl kann dann dazu dienen, Gutes zu bewirken.

Das Gespräch führte Katharina Frohne.

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Info

Zur Person

Marci Cottingham (36)

lehrt an der Universität Amsterdam. Derzeit absolviert sie einen Gastaufenthalt am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst, wo sie die digitale Verbreitung von Ängsten erforscht.

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