Förderpreis in der Städtischen Galerie

Lippen-Kunst und Grusel-Karussell

Auch in der Städtischen Galerie wird die Kunst vorerst wegen Corona nur hinter verschlossenen Türen gezeigt. Noch bis zum 4. April ist hier die Ausstellung zum 44. Förderpreis für Bildende Kunst zu sehen.
24.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Lippen-Kunst und Grusel-Karussell
Von Alexandra Knief

Bremen. Nein, dieser Jahrmarkt ist nicht besonders einladend. Das düster-graue Kettenkarussell dreht sich trostlos im Kreis. Zwei seiner vier Sitze sind mit Laufsprechern besetzt, ein dritter mit einer alten Fritteuse. Auf dem vierten Sitz kann theoretisch Platz genommen werden. Aber will man das? Soll das Szenario hier wirklich Vergnügen bereiten oder verursacht es doch eher Schmerz, grenzt an Folter?

Es sind genau diese beiden Pole, mit denen der Künstler Elard Lukaczik in seiner Arbeit spielt und zwar nicht nur optisch, sondern auch akustisch: Während aus dem einen der zwei sich drehenden Lautsprecher typische Jahrmarktsdurchsagen à la „Wer will noch mal, wer hat noch nicht?“ ertönen, schallen dem Besucher aus der anderen Box Audioaufnahmen von nationalsozialistischen Demonstrationen entgegen. Der wachsende Rechtsdruck, heute aktueller denn je, fährt hier mit. Eine ähnliche Thematik hat Lukaczik bereits 2017 bei einer Ausstellung im Bunker Valentin präsentiert.

Lukaczik ist einer von insgesamt 13 Bremer Künstlern und Künstlerinnen, die in der Ausstellung zum 44. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst in der Städtischen Galerie zu sehen sind. Zumindest theoretisch. Denn auch hier hält Corona die Türen für Zuschauer bis auf Weiteres geschlossen. Aber ganz hat Kurator Ingmar Lähnemann die Hoffnung noch nicht aufgegeben, bis zum Ende der Präsentation am 4. April doch noch Besucher hereinlassen zu können. „Notfalls könnten wir die Ausstellung auch um maximal eine Woche verlängern“, sagt er.

36 Bewerber

Besonders ärgerlich ist die aktuelle Situation wohl für Esther Adam und Virgil B/G Taylor. Die beiden Künstler sind gerade nicht nur in der Städtischen Galerie, sondern auch in der Meisterschülerausstellung in der Weserburg zu sehen – beziehungsweise nicht zu sehen. Taylor beschäftigt sich in seiner Arbeit mit der Geschichte Bremens und seinen Brücken, Adam hat eine raumbezogene Intervention aus Naturmaterialien und konträren Elementen geschaffen.

Sie und die anderen Ausstellungsteilnehmer wurden von einer Vorschlagskommission aus regionalen Kunstsachverständigen aus insgesamt 36 Bewerbungen ausgewählt. Eigentlich steht zum Ausstellungsbeginn auch immer schon der Preisträger oder die Preisträgerin fest. In diesem Jahr trifft die Jury ihre Wahl aber erst etwas später, nämlich am 22. März.

Unter den gezeigten Positionen sind auch Arbeiten von Evita Emersleben. Sie hat drei Porträts – zwei von sich selbst und eins von Pamela Anderson – mit Lippenstift gemalt und zwar mit dem Mund. Den genauen Arbeitsprozess kann der Zuschauer in einer Videoarbeit verfolgen. „Die Lippen werden zum Pinsel“, sagt Ingmar Lähnemann. Ein überaus anstrengender Prozess. „Und so fragt man sich als Betrachter: Ist das noch Lippenstift oder schon Blut?“

Etwas ungefährlicher geht es bei Norman Sandler zu. Seine Arbeiten sehen auf den ersten Blick aus wie ganz normale Ausdrucke: E-Mails, die Ausschreibung eines Kunstpreises, Zertifikate, ein zerknittertes Ticket, das aussieht, als wäre es gerade jemandem aus dem Portemonnaie gefallen. Doch all diese Alltagsdokumente wurden akribisch von Sandler gezeichnet. Er macht banale, scheinbar unscheinbare Papierstücke zum Bildmotiv und hebt sie damit auf ein Podest.

Eine Künstlerin, die auch der Lockdown nicht davon abhält, ihre Kunst zu zeigen, ist Maria Karpushina. Sie projiziert sowohl an der Hintertür der Galerie als auch vorne im Eingangsbereich englischsprachige Unter- beziehungsweise Übertitel, wie wir sie aus Filmen kennen, an die Scheiben. So steht hier mal „hands clapping“, mal „water splashing“ aber auch abstraktere Hinweise. Diese können von außen gesehen werden, selbst, wenn das Museum geschlossen ist. Außerdem in der Schau vertreten und somit unter den Nominierten für den Förderpreis: Tobias Heine, Paul Ole Janns, Miriam Laage, Sabine Peter, Mari Lena Rapprich, Ul Seo und Charline Zongos.

Der Förderpreis für Bildende Kunst wird seit 1977 vom Senator für Kultur vergeben. Der Preisträger erhält 6000 Euro, eine Einzelausstellung und einen Katalogzuschuss in Höhe von 3000 Euro. Bewerben können sich Künstler bis 40 Jahre mit abgeschlossenem Studium, die ihren Wohnsitz im Land Bremen und dem näheren Einzugsbereich haben. Künstler oberhalb der Altersgrenze können sich auch bewerben, wenn ihr Abschluss nicht länger als drei Jahre zurückliegt. Künstler ohne Abschluss müssen eine dreijährige Ausstellungstätigkeit belegen.

Weitere Informationen

Unter www.staedtischegalerie-bremen.de gibt es fotografische Einblicke in die Arbeiten der Künstler, die in den kommenden Wochen durch Texte ergänzt werden sollen.

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