Serie "Kulturufer Bremen-Neustadt" (1) Städtische Galerie fördert junge Talente

Buntentor. Am linken Weserufer, dem Kulturufer Neustadt, hat sich ein Großteil der freien Künstlerszene Bremens niedergelassen - in einer Serie stellen wir einige Einrichtungen vor. Den Auftakt macht die Städtische Galerie mit ihrer Talentförderung.
26.07.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Buntentor. Die städtische Kulturmeile entlang von Kunsthalle und Schauspielhaus ist allen Bremern bekannt. Die freie Künstlerszene hält dagegen mit ihren Einrichtungen und Initiativen entlang des linken Weserufers noch einige Überraschungen bereit. Dort haben viele freie Schauspieler, Musiker, Fotografen, Bildhauer und weitere Künstler Raum für ihre Kreativität gefunden. Mal im Verborgenen, mal weithin bekannt: In unserer Sommerserie "Kulturufer Neustadt" richten wir den Blick auf ungewöhnliche Orte – jenseits des „Establishments“.

Das Stück bröckelige Ziegelmauer bewirkt im handwerklich begabten Betrachter den Drang, so schnell wie möglich zur Maurerkelle zu greifen und die offene Stelle weiß zu verputzen. Auf den zweiten Blick wirkt das Innere der Städtischen Galerie jedoch stimmig und schön: Raumgreifende weiße Ausstellungswände vor altem Lagerhallen-Charme. Alt und Neu auf 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche unter einem Dach.

Die Vergangenheit des Gebäudes mit dem markanten Wasserturm sollte beim Umbau offenkundig sichtbar bleiben. „Früher wurde hier Bier mit Eis aus der Weser gekühlt“, berichtet die Hausherrin Rose Pfister. Die Direktorin der Galerie hat bereits 1991 beim Umzug in das neue Künstlerzentrum am Buntentorsteinweg 112 in der Städtischen Galerie gearbeitet, die 1985 gegründet wurde. Zunächst war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin, heute ist sie bei der Kulturbehörde für den Fachbereich bildende Kunst verantwortlich.

Freie Künstlerszene wird sichtbar

Die Tatsache, dass aus der Weser hinter der Galerie tatsächlich einmal dicke Eisblöcke geschnitten werden konnten, beweist, dass auch die ehemalige Brauerei aus einer Zeit stammt, als das Wort Klimawandel noch nicht erfunden war. Wo heute Fotografien, Bilder, Grafiken und Skulpturen meist junger Bremer Künstler zu sehen sind, befand sich bis 1917 der Gär- und Lagerkeller der Brauerei Remmers, die später von Beck und Co. gekauft wurde und schließlich leer stand.

„Mit dem Areal für uns, die Schwankhalle und die Musikerinitiative hat die freie Bremer Szene ein Gesicht bekommen“, sagt Pfister. Die Geschichte des Ortes fasziniert die zierliche Frau mit dem entschlossenen Blick: „Hier haben schon immer Künstler gelebt: Fahrendes Volk und Narren, all diese Menschen mussten im Mittelalter vor den Toren der Stadt, vor dem 'bunten Tor' übernachten, weil sie nachts nicht in der Stadt bleiben durften.“ Der Name des Quartiers und die Skulptur „der Narr“ mitten auf dem Leibnizplatz zeugen von diesem historischen Bezug.

Aktuelle Kunst für morgen

Heute werden Künstler nicht mehr der Stadt verwiesen, unbekannte Talente haben dennoch häufig Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Auf dem ehemaligen Brauerei-Gelände an der kleinen Weser finden sie einen ersten Bezugspunkt, einen Anker. Wer die Städtische Galerie am Buntentor betritt, sollte keine Gemälde von Van Gogh und Picasso erwarten. Die gehören in ein Museum wie die Kunsthalle, das versucht, das kulturelle Erbe zu bewahren.

Der Auftrag der Städtischen Galerie ist es, aktuelle bildende Kunst wie Fotografie, Bildhauerei und Malerei aus Bremen und der Region zu fördern. Dort hängen Werke von Claudia A. Cruz über Tom Gefken bis hin zu Walter Zurborg.

„Was wir bei uns zeigen, ist in 50 Jahren bei den Museen zu sehen – dafür sind wir zuständig“, sagt Pfister mit einem Lächeln. Sie betrachtet ihr Haus als Brutstätte für Künstler, die noch üben und sich finden müssen. „Ohne diese Brutstätten gäbe es aber auch in 100 Jahren keine Museen für zeitgenössische Kunst mehr“, ist sie sich sicher. Sie hält nichts von der Trennung zwischen Hoch- und Subkultur. Professionelle Künstler brauchen einander, egal ob sie in städtischen Einrichtungen beschäftigt sind oder eben nicht, findet sie. Die Städtische Galerie ist in Bremen ein Bindeglied zwischen zwei Welten: stark vernetzt mit der freien Künstlerszene, jedoch angegliedert an die Kulturbehörde.

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Pfister versucht, so oft es geht auch mit jungen Ausstellungsmachern zu kooperieren, Denkanstöße zu geben oder den finanziellen Rahmen zu stellen, in dem sich etwas völlig Neues entwickeln kann. Gleichzeitig pflegt sie den engen Kontakt zur Kunsthalle, dem Bildhauer-Museum Gerhard Marcks Haus und weiteren städtischen Einrichtungen.

Bremer Szene mit Düsseldorf und Berlin vergleichbar

Auf die Qualität der freien Künstlerszene in der Hansestadt hält sie große Stücke: „Aus meiner Sicht sind die Bremer Künstler mindestens genauso gut wie die Düsseldorfer und die Berliner Szene“, findet Pfister. Natürlich gebe es mehr Ausstellungen in der Hauptstadt. Aber besser? Auf keinen Fall. Daher ist es der Galerie-Direktorin so wichtig, durch Kooperationen mit anderen Einrichtungen den Bremer Künstlern auch außerhalb der Landes- und Bundesgrenzen eine Plattform zu bieten, um sich präsentieren zu können.

Viele junge Künstler haben es schwer, sagt Rose Pfister. Sie kennt genug, um es wissen zu können. Woher sie die Kraft nehmen, um immer weiter zu machen? „Das ist wie bei der Seefahrt“, antwortet sie. Deshalb findet sie auch den Spruch am Wasserturm der Galerie so schön, der nachts seine Botschaft in die Ferne strahlt: „Matrosen überleben nur durch ihre Sehnsucht.“

Die Städtische Galerie, Buntentorsteinweg 112, Telefon 3615826, hat dienstags bis sonnabends von 12 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Nähere Infos gibt es im Internet unter www.staedtischegalerie-bremen.de

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