Biennale mit Bremer Beteiligung Staudamm mit Musik

Natasha Sadr Haghighian, Professorin an der Hochschule für Künste Bremen, hat den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltet. Sie lädt ein ins „Ankersentrum“.
10.05.2019, 17:50
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Staudamm mit Musik
Von Iris Hetscher

Bisher war von der Künstlerin nicht viel zu sehen. Natascha Süder Happelmann zeigt sich selten und dann mit einer Steinplastik, die sie über ihren Kopf gestülpt hat. In zwei Videos ist sie in der Nähe eines Flüchtlingsheims in Bayern und in Apulien unterwegs, im Hintergrund sind Migranten bei der Tomatenernte zu sehen. Natascha Süder Happelmann spricht nicht selbst, das erledigt „Helene Duldung“ für sie, in deren Rolle die Schauspielerin Susanne Sachsse schlüpft.

Zwei Namen, die ihre Trägerinnen sich gewählt haben, sich mithin so etwas wie Identitäten ohne Biografien konstruiert haben. Was man weiß: Die Künstlerin heißt eigentlich Natasha Sadr Haghighian und lehrt seit 2014 an der Hochschule für Künste Bremen Bildhauerei. Dieses Jahr hat sie den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltet, die gemeinsam mit der (alle fünf Jahre stattfindenen) Documenta in Kassel Leistungsschau, aber auch Seismograf sein will für den Zustand den aktuellen Kunstproduktion.

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Am Sonnabend startet die 58. Biennale offiziell, die Länderpavillons konnten vom Fachpublikum vorab besichtigt werden, am Freitagnachmittag war die offizielle Eröffnung des Deutschen Pavillons. Auch hier trat Natascha Süder Happelmann wieder mit Steinkopf und samt Helene Duldung auf. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) beklagte die Einschränkung künstlerischer Freiheit: „Man muss nicht immer weit in die Ferne blicken; auch in unseren westlichen Gesellschaften wird der Freiraum immer dort kleiner, wo Populisten Kunst und Kultur einteilen in nützlich und unnütz“. Kunst sei ein Schlüssel gegen Nationalismus und Abschottung, da sie ermögliche, „die Welt kennenzulernen, die Augen zu öffnen für andere Kulturen und so auch auf diesem Weg unsere gemeinsame Humanität zu entdecken“.

48 Lautsprecher

Das Motto der Schau dieses Jahr: „May You Live In Interesting Times“. In der angelsächsischen Politik wird der Spruch ironisch verwendet, um schwierige, unruhige Zeiten zu beschreiben. Kurator Ralph Rugoff wollte so möglichst wenig vorgeben, sagte er im Vorfeld. Ausstellungspräsident Paolo Baratta erklärte: „Dies ist eine Biennale, die Nein sagt zur Vereinfachung. Die Kunst weiß, dass es um das menschliche Dasein geht. Und daher ist die Komplexität immer unsere eigentliche Herausforderung.“

Das passt gut zu dem Konzept von Natascha Süder Happelmann, die den Deutschen Pavillon als „Ankersentrum“ gestaltet hat, Co-Titel „Surviving The Ruinous Ruin“. In zwei Bereiche hat sie den Innenraum durch eine Wand aus Spritzbeton geteilt. Auf der einen gibt es eine Art Staudamm aus Beton, aus dem „schmutziges Wasser aus Latex rausläuft“, beschreibt es Claudia Wheeler für den Deutschlandfunk, außerdem liegen Betonbrocken herum, die dem Steinkopf Süder Happelmanns ähneln. Der andere Raum wird von einer Klanginstallation mit 48 Lautsprechern bestimmt, „Tributes to Whistle“ (Trillerpfeifen-Tribute) betitelt.

Natascha Süder Happelmann hat ihn gemeinsam mit sechs Soundkünstlern entwickelt; jeder kommt aus einer anderen musikalisch-akustischen Tradition. Je nachdem, wann man den Raum betritt, hört man Lieder von Sklaven, elektronische Musik, auch inszenierte Stille ist angekündigt. Warum der Hinweis auf Trillerpfeifen? Damit warnen sich Flüchtlinge gegenseitig, wenn sie abgeschoben werden sollen. Der eine Teil des Raums ist also still, vielleicht kann man sich hier in Sicherheit wiegen, vielleicht ist die Ruhe aber auch trügerisch. Der andere Teil ist laut, unsicher, aber auch vielfältig.

Dieses „Ankersentrum“ rundet das Kunstprojekt der HfK-Professorin ab; gleichzeitig zur Eröffnung erscheinen ein drittes Video, das auf einem Rettungsschiff im Hafen von Trapani entstanden, und eine Publikation. Begonnen hatte das Projekt am 23. Oktober 2018 mit einer Pressekonferenz im Berliner Zeughauskino. Die Kuratorin des Deutschen Pavillons, Franciska Zólyom, stellte das Duo Süder Happelmann/Duldung vor und auch gleich das erste Video. Die Botschaft: Der Deutsche Pavillon beginnt hier und jetzt. Mit der Wahl der Künstlerin entschied sich Zólyom außerdem für Kunst, die ihre Produktion und Produktionsbedingungen reflektiert und „gesellschaftliche Diskussionen und Wechselwirkungen erforscht“, so die Kuratorin gegenüber dem WESER-KURIER.

Bewusst provokativ

Die befremdlich wirkende Maskierung erklärte sie so: „Mensch und Stein sind zwei Elemente, die unverbunden bleiben müssen, sie funktionieren nicht miteinander“. Eine spielerische Annäherung an das große Thema Identitätszuschreibung: Die Künstlerin möchte nicht als Person, sondern durch ihre Kunst wahrgenommen werden. Und: Diese ist das Produkt eines Kollektivs. Das ist das formale Statement. Das Inhaltliche kreist ebenfalls um den Identitätsbegriff und ist hochpolitisch: „Identitäten grenzen Daseinsformen, Orte und Personen voneinander ab, an den Grenzen, die sie ziehen, entstehen zum Teil gewaltsame Konflikte“, so Franciska Zólyom.

Natasha Sadr Haghighian, die bereits in den vergangenen Jahren Themen wie Rüstungsexport oder Plastikmüll künstlerisch hinterfragt hat, widmet sich im „Ankersentrum“ der Flüchtlingspolitik – das ist einmal mehr bewusst provokativ in dem monumental wirkenden Pavillon, der „Runinous Ruin“. Über dem Portal ist immer noch der Schriftzug „Germania“ zu lesen. An der Aura des 1909 errichteten und 1938 von Nazis umgestalteten Bau haben sich schon während diverser Biennalen Künstler abgearbeitet. Hans Haacke zeigte ihn als Trümmerfeld (1993), für Christoph Schlingensief war er eine „Kirche der Angst“ (2010). Beide Arbeiten wurden mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ähnlich wie die wüste „Faust“-Performance von Anne Imhof 2017.

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