Herbert-Grönemeyer-Konzert in Bremen Stimmungsvoller Schiffsverkehr in der ÖVB-Arena

Bremen. Tagsüber hatte die Sonne den Bremern mächtig eingeheizt, abends hat Herbert Grönemeyer in der ansehnlich besuchten ÖVB-Arena ihren Part übernommen. Der Sänger hat neben viele neuen Liedern auch seine alten Hits präsentiert.
25.05.2012, 05:00
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Stimmungsvoller Schiffsverkehr in der ÖVB-Arena
Von Hendrik Werner

Bremen. Die beste Nachricht zuerst: Der Mann nuschelt überhaupt nicht in dem Maße, wie es böse Zungen behaupten. Und nicht nur in Sachen Textverständlichkeit ist Herbert Grölemeyer, Pardon: Grönemeyer, trotz seiner bei Balladen ohrenfälligen Neigung zum pathetischen Knödeln besser als sein Ruf. Er kann sogar ganz passabel zu seiner eigenen Musik tanzen.

Platz genug dafür hat er: Abgesehen von der üppigen Bühne steht ihm und seiner bestens eingespielter Band ein ausnehmend langer Laufsteg zur Verfügung, der mancher Modenschau zur Ehre gereichen würde. Wenn der Herbert tanzt, tut er das freilich meist mit selbstironischer Miene. Der Mann kennt nämlich die hämischen Einwände seiner notorischen Kritiker. Und nimmt ihnen mit subversiven Gesten wie diesen den Wind aus den Segeln.

Apropos. Wer mit einem Album namens "Schiffsverkehr" auf große Fan-Fahrt geht, tut gut daran, dieses Thema bei den Shows angemessen zu illustrieren. Zu diesem Behufe gibt es eingangs maritime Projektionen: Da tuckern Schiffe, und da ist der Sänger in Ölzeug und mit gezwirbelten Bart gewissermaßen als freundliches Seebärchen zu sehen. Die Masse skandiert schon vor dem Auftritt mit fröhlicher Ausdauer "Herbert, Herbert", und als Kapitän Grönemeyer lächelnd Hof auf seiner musikalischen Kommandobrücke hält, ist absehbar, dass es ein gelingender, ach was: ein sehr schöner Abend werden würde. "Oh, wie ist das schön", wird die Menge gegen Ende der etwa zweistündigen Show singen. Zum Lobe (und zur sichtlichen Rührung) des milden Zeremonienmeisters.

Popkulturelles Gedächtnis

Es ist ganz erstaunlich, wie viele Ohrwürmer dieser Mann produziert hat, die unauslöschlich in das popkulturelle Gedächtnis der Deutschen eingegangen sind. Grönemeyer singt in Bremen viel von dem, was er "ältere Abteilung" nennt – und das mit viel Inbrunst: "Bochum", diese Hymne ans Revier. "Männer", dieser gewitzte Versuch über eine unfassbare Spezies. "Was soll das", diese Nahaufnahme eines schmerzlichen Affekts namens Eifersucht. "Alkohol", diese ironisch gebrochene Inspektion einer Volkskrankheit, deren Symptome Grönemeyer in Bremen sehr hübsch mit taumelnden Bewegungen und angedeuteten Spiegelgefechten ins Bild setzt. "Ein Stück vom Himmel", dieses merkwürdig naturreligiös unterfütterte Stoßgebet, das selbst im protestantischen Bremen begeisternde Wirkung zeitigt. Und – natürlich – "Der Weg" und "Mensch", jene beiden anrührenden Stücke, mit denen Grönemeyer im Jahr 2005 mit selbsttherapeutisch zu lesendem Nachdruck nach dem Tode seiner Frau an die Arbeit zurückkehrte.

Dass weite Teile des Publikums bei dem existenziell und grüblerisch grundierten Titel "Mensch" mit emporgereckten Armen wedeln, als würden Stimmungskanönchen wie DJ Bobo oder DJ Ötzi gerade ein ganz besonders launiges Schunkellied intonieren, mutet ein bisschen schräg an. Aber bekanntlich ist das erlaubt, was gefällt, nicht etwa das, was sich geziemt – zumal bei Großveranstaltungen mit ihrer handelsüblichen Eigendynamik in Sachen handlicher Künstlerunterstützung.

Unterstützung erfährt Grönemeyer nicht nur durch seine sehr textsichere Anhängerschar und seine sympathisch verspielten Begleitmusiker, sondern zudem durch eine Akustik, die für ÖVB-Arena-Verhältnisse im besseren Durchschnitt zu verorten ist. Grönemeyer, der am Vorabend vor 26000 Fans im Bochumer Fußballstadion eine Art Heimspiel absolviert hat, wirkt erstaunlich fit, wenn er über den Laufsteg spurtet oder sich kleinere Gitarrenduelle liefert. Zum guten Schluss spendiert er den Bremern noch "Bleibt alles anders", "Demo (Letzter Tag)", ein ganz und gar großartiges Stück Poesie über Chancen und Fährnisse der Liebe, sowie schließlich – als sanften Rausschmeißer – "November". Die Sonne ist um diese Zeit naturgemäß schon untergegangen. Grönemeyer hat sie gut vertreten. Weniger als Einheizer, vielmehr als menschlich wärmender Künstler.

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