Interview mit Musikdirektor Yoel Gamzou

„Substanz kann auch unterhaltsam sein“

Seit August ist der Dirigent Yoel Gamzou Musikdirektor am Theater Bremen. Im Interview spricht er über erste Erfahrungen, über Leonard Bernstein und über Fußball.
01.12.2017, 16:03
Lesedauer: 5 Min
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„Substanz kann auch unterhaltsam sein“
Von Iris Hetscher
„Substanz kann auch unterhaltsam sein“

Yoel Gamzou ist seit dieser Spielzeit Musikdirektor am Theater Bremen. Am Dirigentenpult war er bei "Lady Macbeth von Mzensk" zu erleben, am 31. Dezember wird er die Silvestergala rund um Leonard Bernstein leiten.

Christina Kuhaupt

Herr Gamzou, Sie sind seit August Musikdirektor am Theater Bremen. Wenn Sie Ihre ersten Erfahrungen und Eindrücke in einem Satz beschreiben müssten, wie würde der lauten?

Yoel Gamzou: Krass.

Das ist sogar erheblich weniger als ein Satz.

Das war eine sehr intensive Zeit. Ich bin immer noch dabei, die Kollegen kennenzulernen und mich einzuleben. Es ist ein Job, der einen komplett einnimmt.

Was heißt das?

Ich habe in den ersten drei Monaten sehr viel im Büro gesessen. Anders macht der Job allerdings auch keinen Sinn, habe ich festgestellt: Sonst kann man sich nicht richtig einbringen, nichts erreichen und bewegen. Wenn man den Job als Musikdirektor ernst nimmt, dann findet das Leben im Theater statt.

Auf welche schöne Erfahrung blicken Sie besonders gerne zurück?

Natürlich in erster Linie auf die Produktion von „Lady Macbeth von Mzensk“ im Besonderen und generell auf die Entwicklung, die meine Zusammenarbeit mit den Bremer Philharmonikern genommen hat. Das ist für mich das Allerschönste in den vergangenen Monaten, dass diese Bindung von Vorstellung zu Vorstellung, von Mal zu Mal, enger geworden ist. Die Qualität eines Orchesters bemisst sich ja nicht daran, wie gut es in der Premiere spielt, sondern wie gut es in der zehnten Vorstellung ist. Mir sind bisher sehr wenige Orchester begegnet, die mit einer derartigen Liebe zur Musik auch noch Wochen nach der Premiere eine Vorstellung spielen wie die Philharmoniker. Das ist für mich sehr beglückend und inspirierend.

Wo ist es bisher nicht so gut gelaufen für Sie?

Eigentlich entwickelt sich noch alles von Tag zu Tag, es ist sehr aufregend. Aber es ist ein langer Prozess, und ein Wechsel in der musikalischen Leitung eines Theaters bringt natürlich auch viel Veränderung. Das braucht Zeit. Aber ansonsten genieße ich das Privileg, hier am Haus arbeiten zu dürfen, das Team ist großartig.

Auf den Spielplan dieser Saison hatten Sie noch keinen Einfluss.

Nein, ich war ja ursprünglich nur als Gastdirigent vorgesehen. Ab der nächsten Spielzeit gehöre ich zur künstlerischen Leitung der Musiktheatersparte und gestalte mit. Wir sind gerade dabei, den nächsten Spielplan vorzubereiten, und er wird auf jeden Fall viele verschiedene Farben und Impulse bringen. Auch einige schöne Überraschungen sind dabei.

Akzente setzen Sie jetzt schon. Das Silvesterprogramm rund um Leonard Bernstein ist Ihre Idee. Warum Leonard Bernstein?

Er ist eins meiner größten Vorbilder, für mich ist er eine einzigartige Erscheinung in der Musikgeschichte. Ich kenne keinen Künstler, der Musik aufrichtiger geliebt hat als er und so viel für sie getan hat. Außerdem hat er sich nicht nur auf eine Sache konzentriert – er war ein wahrhaft multidimensionaler Künstler.

Yoel Gamzou - Theater Bremen

Yoel Gamzou - Theater Bremen

Foto: Christina Kuhaupt

Warum ist das gut?

Ich halte diese Entwicklung zum Spezialistentum, die in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachten ist, nicht für ideal. Fachleute sind an die Stelle derjenigen getreten, deren Interessen breit gestreut waren: Der eine kann Telemann besonders toll interpretieren, der andere designt nur Badewannen. Die Leute kennen sich auf ihren eineinhalb Zentimetern total gut aus, rechts und links davon aber nicht. Bernstein dagegen hat vier verschiedene Leben geführt, vielleicht auch mehr. Er war einer der größten Dirigenten, einer der größten Komponisten, war ein grandioser Pianist, und er hat die musikalische Bildung reformiert. Sich in so vielen Dimensionen zu bewegen und Zusammenhänge herzustellen, ist vorbildhaft für mich. Dadurch entsteht wahre Qualität. Wissen muss immer horizontal sein, nicht vertikal.

Wie gießen Sie diese Gedanken in eine Gala?

Es geht mir nicht darum, ein Programm mit den berühmtesten Bernstein-Stücken zu spielen. Ich möchte von Bernstein als Gesamtpersönlichkeit erzählen. Wir werden natürlich viele Stücke von ihm spielen, aber auch welche, die wichtig für ihn als Interpreten und Mensch waren und über Stationen seines Lebens berichten. Das geht vom „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ über Mahlers „Adagietto“ aus der Symphonie Nr. 5 über die „Old American Songs“ von Aaron Copland, den er sehr geschätzt hat, unter anderem auch wegen des großes Einflusses von Volksmusik auf Coplands Kompositionen und dessen Interpretation von Heimat. Und es gibt die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin, die er oft gespielt und dirigiert hat. Da wird Chris Lysack am Flügel sitzen, der am Theater als Tenor engagiert ist, vor seiner Sängerkarriere aber Konzertpianist war. Im zweiten Teil wird Chris Lysack dann als Tony einen Ausschnitt aus der „West Side Story“ singen.

Das ist dann jemand, der breit aufgestellt ist...

...oh ja, Chris hat ja auch noch einen Doktor in französischer Literatur!

Das Programm klingt nicht nach dem üblichen Best-of-Sektlaune-Angebot solcher Galas. Haben Sie keine Angst, dass das Publikum enttäuscht sein könnte?

Im Gegenteil. Man darf die Menschen nicht unterschätzen. Auch zu Silvester können Menschen berührt werden von einem Programm, das zwar zugänglich und kurzweilig ist, aber anspruchsvoller als eine Art Schnäppchen-Gala. Die Menschen suchen nicht nach leichter Kost, sondern nach echten Emotionen und nach einem wahren Erlebnis. Substanz kann auch unterhaltsam sein.

„Theater muss wie Fußball sein“ forderte schon Bertolt Brecht, der Regisseur Peter Zadek schloss sich ihm später an. Sie sind ein großer Fußballfan. Stimmt der Satz?

Er vereinfacht ein bisschen, ist aber sehr klug. Es gibt eine Sache, die im Fußballstadion stattfindet, die nicht zu unterschätzen ist: Es entstehen Emotionen von enormer Intensität. Es gibt keine Verbote, irgendetwas zu fühlen und auch keinen moralischen Zeigefinger. Ich würde gerne eine ähnlich freie Zone auch im Theater herstellen. Niemand soll eingeschüchtert sein, jeder soll offen an die Sache herangehen können, ohne großes Vorwissen zu haben.

Mit dieser Einstellung werden Sie sich am Theater nicht nur Freunde machen.

Das würde ich so nicht sagen, es gibt unterschiedliche Standpunkte, aber wir haben alle dasselbe Ziel. Auf jeden Fall bin ich überzeugt davon, dass kein Mensch viel Geld für eine Karte zahlt, damit wir ihm zeigen, wie schrecklich das Leben ist. Das kann man oft genug im Fernsehen sehen. Die Menschen sollen bei uns mit etwas in Berührung kommen, das Sie sonst nicht finden im Alltag und das sie inspiriert. Es muss immer darum gehen, den Zuschauer mit seinen Emotionen in Kontakt zu bringen. Dann kann man auch ernste Anliegen vermitteln. Wenn wir das schaffen, kommen zu uns so viele Leute wie ins Fußballstadion, weil sich die Menschen bei uns willkommen fühlen und etwas erleben, das sie sonst nirgendwo erleben können.

Ihr zweites Projekt heißt „Kantine 22“ und präsentiert Theatermitarbeiter in ungewöhnlichen Rollen. Was soll das?

Die Idee ist ganz einfach. Hier am Theater gibt es so viele Menschen, die noch andere Begabungen haben als das, was sie hauptberuflich machen. Dafür soll es in dieser Reihe einen Raum geben, und auch der Raum an sich ist ein anderer als sonst: die Kantine. Die Uhrzeit ist ebenfalls ein neues Angebot, wir starten um 22 Uhr, was vielleicht auch für ein anderes Publikum als sonst attraktiv ist. Der erste in dieser Reihe ist der Schauspieler Matthieu Svetchine, der den Film „Mary Poppins“ erzählt, weil er ihn auswendig kennt. Alle Rollen. Wenn jemand eine derartige Leidenschaft für etwas hat, dann kann er davon auch andere Leute begeistern, davon bin ich überzeugt. Danach kommt die Sopranistin Marysol Schalit, die französische Chansons singt, den dritten Abend bestreiten ihre Kolleginnen Nadine Lehner und Hannah Plaß, die beide aus Franken stammen und einen „Franken-Abend“ inklusive Bierbänken und -seideln gestalten. Da geht es auch um eine Definition von Heimat.

Sie könnten Fußball spielen.

Ich spiele äußerst schlecht Fußball! Und bei der Reihe trete ich nur als Kurator auf, da geht es nicht um mich. Aber ernsthaft: Ich würde gerne Fußball mal hier auf die große Bühne holen, und ich würde auch gerne etwas im Stadion veranstalten. Im Stadion schlägt das Herz der Stadt.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

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