Soziologin Sibylle Heilbrunn Suche nach Heimat

Es gibt Entscheidungen, die sind grundlegend für ein Leben. Sibylle Heilbrunn ging 1978 als Freiwillige in ein Kibbuz in Israel, seitdem lebt die Wissenschaftlerin fast ununterbrochen in dem Land.
12.08.2015, 00:00
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Suche nach Heimat
Von Jan Raudszus

Es gibt Entscheidungen, die sind grundlegend für ein Leben. Sibylle Heilbrunn ging 1978 als Freiwillige in ein Kibbuz in Israel, seitdem lebt die Wissenschaftlerin fast ununterbrochen in dem Land.

Idealismus hat Heilbrunn nach Israel gebracht – wie viele in ihrer Generation. „Der Kibbuz galt als der einzige Ort auf der Welt, in dem man davon ausgehen konnte, das ist ein realer Sozialismus“, sagt Heilbrunn. „Alle arbeiten und alle bekommen das gleiche Budget zugeteilt“. Wie viele andere verliebt sie sich, lernt ihren späteren Mann kennen, einen Israeli. Sie geht nur für ein Jahr nach Tübingen zurück, wo sie osteuropäische Geschichte und empirische Kulturwissenschaften studiert. Danach zieht sie nach Israel, zurück in den Kibbuz und immatrikuliert sich an der Universität in Tel Aviv. Im Kibbuz bleibt sie 25 Jahre, lernt Hebräisch, macht eine akademische Karriere, bekommt Kinder. Inzwischen lebt sie in Pardes Hanna, zwischen Haifa und Tel Aviv am Mittelmeer.

Sibylle Heilbrunn ist ziemlich weit gekommen in ihrer Wahlheimat Israel. Seit 2012 ist sie Dekanin der Fakultät für Sozial- und Geisteswissenschaften am Kinneret Academic College am See Genezareth. Dort unterrichtet und forscht die Soziologie-Professorin unter anderem zu der Rolle von Frauen im Geschäftsleben und zu Immigration.

Und um Migration geht es auch in einem Buch, das sie mit Anita Haviv-Horniner geschrieben und am Dienstag auf einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung vorgestellt hat. Die beiden Autorinnen haben 16 Kinder von Holocaust-Überlebenden interviewt, die in Deutschland aufgewachsen sind. Die Eltern blieben nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, aber ein Teil der Kinder wanderte nach Israel aus. Die Idee zum Buch hatte Anita Harviv-Horniner, deren Eltern Holocaust-Überlebende aus Wien waren. Sie wandte sich an ihre Freundin Heilbrunn, weil es ein Buch für das deutsche Publikum werden sollte und Heilbrunn Deutsch spricht.

Die Gründe für die Auswanderung waren vielfältig. Sie lassen sich nicht verallgemeinern. „Sie sind zu verschieden“, sagt Heilbrunn. Das Buch beschränkt sich dann auch nicht auf diesen einzelnen Aspekt, sondern beschäftigt sich mit der Identität dieser speziellen Generation. Wo fühlen sich die Menschen zuhause? Was bedeutet für sie Heimat? „Einige sagen, dass sie ausgewandert sind, weil sie in Deutschland als Jude nicht leben möchten. Das Thema sei zu besetzt“, sagt Heilbrunn. „Andere sagen, dass sie nach Israel gegangen sind, weil dort die Mehrheit jüdisch ist.“ So würden sie nicht mehr ständig damit konfrontiert, dass sie anders sind. Klar wird im Buch auch: die Begriffe Heimat und Zuhause lassen sich sehr verschieden interpretieren, sie bleiben offen für das individuelle Gefühl der Menschen.

„Wir haben heute die Möglichkeit in mehreren Welten zu leben“, sagt Heilbrunn. Sie selbst kommt regelmäßig nach Deutschland, liest deutsche Zeitungen und hat deutsche Kollegen. Früher habe man sich Auswanderung anders vorgestellt. Die Menschen hatten oft wenig Kontakt zu ihrem Ursprungsland. Doch das sei inzwischen nur noch bei Flüchtlingen so, sagt Heilbrunn. Ein syrischer Flüchtling habe es deutlich schwerer als sie. „Ich bin eine Luxusmigrantin. Das ist eben auch eine Klassenfrage, hat man genug Geld, um sich die regelmäßige Rückreisen leisten zu können.“

Heilbrunn kann in zwei Kulturkreisen leben, was ihr entspricht, denn sie hält wenig davon, Identität vor allem über die Nationalität zu definieren. „Meine Identität hat noch andere wichtige Ebenen, die sich überlappen.“ Das sei auch ihr einziger Kritikpunkt an ihrem eigenen Buch. „Man müsste den Beruf miteinbeziehen, die Menschen sind auch Eltern, Ehepartner.“

Trotzdem, sie sieht sich als deutsche Israelin, hat beide Staatsbürgerschaften. In mancher Hinsicht betrachtet sie sich immer noch als typisch deutsch: „Ich liebe alles durchorganisiert, gut strukturiert und vorbereitet.“ Aber sie identifiziert sich eben auch mit der israelischen Gesellschaft. Die sei weniger formell und weniger auf Äußerlichkeiten bedacht als die deutsche, findet sie. Sie werde trotz deutscher Herkunft akzeptiert und ist natürlich Teil der Gesellschaft. Damit treffen sie Entwicklungen genauso wie alle anderen Israelis. „Seitdem ich in Israel bin, hat sich die politische Lage ununterbrochen verschlechtert“, sagt Heilbrunn. Das politische Spektrum verschiebe sich immer mehr nach rechts. Gleichzeitig entfernten sich Israelis und Palästinenser immer weiter von eine Lösung ihres Konflikts. „Was dabei mal herauskommen soll, weiß ich nicht.“

„Heimat? - Vielleicht“ erscheint am 19. September bei der Bundeszentrale für politische Bildung und kostet 4,50 Euro.

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