Stimmungsvoller Sommer in Lesmona

Tarantella um Mitternacht

Bremen. ""Sommer in Lesmona", das Festival der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, verzaubert in diesem Jahr Tausende unter dem Motto "Bella Italia" in Knoops Park. Herausragende Solistin: Die sizilianische Sängerin Etta Scollo.
14.08.2010, 16:20
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Markus Wilks
Tarantella um Mitternacht

Zierliche Person, große Bühnenpräsenz: Die sizilianische Sängerin Etta Scollo singt lyrische Lieder aus der Region ihrer

Christian Kosak

Bremen. Am Ende weiß man gar nicht, was das Schönste bei der Operngala des diesjährigen 'Sommer in Lesmona' gewesen ist: das Wetter, die entspannte Picknick-Atmosphäre, das Spiel der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen - oder womöglich doch das stimmungsvolle Wunderkerzenfinale. 'Bella Italia', in diesem Jahr das Motto des Festivals in Knoops Park, nahm bei diesem ausverkauften Auftaktkonzert gewissermaßen lebendige Gestalt an.

Der 'Sommer in Lesmona' hat sich in den vergangenen 17 Jahren zu einem ebenso unverzichtbaren wie einmaligen Ereignis entwickelt - ganz ähnlich wie die 'Große Nachtmusik' beim Musikfest Bremen. Obwohl man bei beiden Veranstaltungen gleichermaßen erstklassige wie interessante Programme und Musiker gewohnt ist, zählt das spezifische Ambiente mindestens genauso viel wie die Musik.

Bereits beim Betreten der Festivalwiese in Knoops Park frappierte den Kulturberichterstatter der Anblick einer kaum zu überschauenden Menschenmenge, die es sich mit Campingmobiliar und teilweise opulent anmutenden Buffets bequem gemacht hatte. Die für Bremen-Nord ungewöhnliche Anmutung zeigte, wie innig Lebensgenuss und Kultur miteinander verwoben sind. In St. Magnus kam an diesem Abend die vom Geschäftsführer der Kammerphilharmonie Bremen, Albert Schmitt, betonte (und von der im Hintergrund sich warm singenden Sopranistin garnierte) 'Lockerheit' als 'italienische Lebensart' zu Ehren. Während der musikalischen Darbietungen wiederum herrschten allenthalben Stille und Konzentration.

Wunderkerzen und Fledermäuse

'Bremens einziges wetterunabhängiges Festival", wie Albert Schmitt in seiner unterhaltsamen Begrüßung bemerkte, bot wohl auch den Künstlern auf der Bühne einen inspirierenden Anblick. Krönender Höhepunkt des Abends waren sicherlich die etwa 3000 Wunderkerzen, welche die 'Opernwiese' zu Beginn der zweiten Zugabe fantastisch illuminierten. Und zumindest bis zu diesem Zeitpunkt gab es übrigens statt Regentropfen Fledermäuse zu beobachten, bei recht angenehmen Temperaturen und beinahe Windstille.

Gemessen am Anspruch der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die gerade mal wieder in Musikmetropolen wie London und New York triumphiert hatte, war das künstlerische Resultat dieser Operngala etwas bescheidener. Viele Besucher werden mit der Zusammenstellung der Stücke und den Interpretationen vollkommen zufrieden gewesen sein; es war ja auch alles schön.

Mancher Musikliebhaber indes dürfte sich bei der Operngala, trotz 'unserer' Kammerphilharmonie, einen größeren Anteil an Vokalbeiträgen gewünscht haben. Oder doch zumindest eine weniger bunte Abfolge von Arien, Balletten und Ouvertüren und den damit verbundenen Sprüngen zwischen Stimmungen und Musikstilen. Gerade mit den beiden Gastsängern hätte ein größerer 'La Bohème'-Block statt des etwas verloren dastehenden 'O soave fanciulla' für noch mehr Atmosphäre und 'Bella Italia'-Gefühl sorgen können.

Traditionell engagiert die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen für 'Lesmona' junge Dirigenten. Diesmal hat sie dem Sizilianer Francesco Angelico die Operngala anvertraut, der obendrein charmant, durchaus witzig und mit trefflichen Worten die Musiknummern ansagte. Auffallend war die große Ruhe, mit der er Stücke wie Rossinis 'Gazza ladra'-Ouvertüre oder das Intermezzo aus Mascagnis 'Cavalleria rusticana' dirigierte - und dabei sowohl die filigranen Strukturen als auch die charakteristischen Klangfarben herausarbeitete.

Gewohnt hohes Niveau

Seine bisweilen sehr ruhigen Tempi entsprachen nicht immer gängigen Hörgewohnheiten (was zunächst nicht negativ sein muss). Ballettmusik und Triumphmarsch aus 'Aida' bekamen dadurch aber einen Etüdencharakter und das Trinklied aus der 'Traviata' (Zugabe) wurde mit etwas gebremstem Feuer musiziert. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen agierte auf gewohnt hohem Niveau. Gewisse klangliche Eintrübungen in den Streichern sind wohl der Tontechnik zuzuordnen.

Gespannt war man auf die Solisten: Giordano Lucà und Teresa Romano. Sie hat in den vergangenen Monaten an Italiens führenden Häusern Hauptrollen gesungen; bei den beiden fraglos weltweit wichtigsten Gesangswettbewerben ('Singer of the World' und Domingos 'Operalia') gewann er einmal den Publikumspreis und belegte einmal den zweiten Rang. Beide Gäste präsentierten sich in ansprechender Form. Und doch blieben Wünsche offen.

Teresa Romanos Sopran besitzt ein dunkles, sehr schönes Timbre, das sie zu dramatischen Rollen wie Verdis 'Forza'-Leonora und Bellinis Norma zu verführen scheint. Doch verfügt ihre Stimme nicht über die Ruhe und die Fähigkeit, um die so anspruchsvollen Pianogesänge einer Norma und Leonora ideal zu meistern. Und im Forte erreicht der Sopran der jungen Sängerin schon jetzt ästhetische Grenzbereiche, die freilich im Opernhaus oder Freilufttheater weniger auffallen als bei elektroakustischer Verstärkung.

Giordano Lucà besitzt ein herausragendes Potenzial, sein heller, schlanker Tenor ist ein stimmlicher Rohdiamant. Doch auch er konnte den kritischen Zuhörer nicht uneingeschränkt überzeugen. Ihm fehlen (noch) die Leichtigkeit und punktgenaues Treffvermögen in der hohen Lage sowie eine souveräne Pianokultur, um in Höhepunkten wie die Arien aus 'Rigoletto' und 'Liebestrank' wirklich zu überzeugen.

Nun mag man einwenden, der Tenor zähle erst 22 Jahre; ihm fehle darum noch Routine. Das ist wohl richtig, nur zeigt der Opernalltag wiederholt, dass junge Sänger, seien sie noch so begabt, selten das Rüstzeug besitzen, um den Verlockungen der Opernbranche zu widerstehen - und für den frühen Erfolg ihre Stimme aufs Spiel setzen.Und dennoch: Die Operngala war und ist ein Erfolgsgarant. 2011 gibt es russisch inspirierte 'Weiße Nächte', die genauso heiß sein können wie italienische.

Sizilianische Poesie

Es war der Fußballer Jürgen Wegmann, der das Bonmot 'Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu' prägte. Recht hatte er, was den späten Freitag Abend, einen 13., anging: Zunächst waren die Calamari alla griglia, die wir uns zur Einstimmung auf 'Bella Italia' bei unserem Stammapulier in Vegesack einverleibten, fader als sonst (der am Nebentisch speisende Bürgermeister schien mit seiner Pasta besser bedient). Alsbald mangelte es am Entrée zum 'Sommer in Lesmona'-Areal in Knoops Park an Wunderkerzen, sodass wir beim illuminierten Operngala-Finale wie Spielverderber wirkten. Sodann verzögerte sich der Beginn des Auftritts der sizilianischen Sängerin und Gitarristin Etta Scollo um eine volle Stunde. Schließlich setzte auch noch Regen ein.

Was folgte, entschädigte für jede Kalamität. Denn Signora Scolla, wiewohl ziemlich zierlich geraten, hat eine große Bühnenpräsenz. Ihr folkloristisches Notturno namens 'La puisia siciliana' versammelt historische und zeitgenössische Lieder aus der Region ihrer Geburt, allesamt inspiriert von Lyrik und allerlei launigen Legenden. Scollos wunderbar wandlungsfähige Stimme wurde flankiert von Cathrin Pfeifer (Akkordeon) und Hinrich Dageför (Mandoline, Harfe, Perkussion). Insonderheit mit schnellen Stücken, etwa einer auch tanzend untermalten Tarantella, konnte die 52-Jährige, die wie gerade mal 35 anmutet, entzücken.

Da hatte der Regen längst aufgehört. Scollo indes machte bis weit nach Mitternacht heiter weiter mit erhabenen Ethno-Trouvaillen. Erst waren wir glücklich, und dann kam auch noch Seligkeit dazu.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+