Ganz dunkles Deutschland

„Tatort“-Kritik: „Ein paar Worte nach Mitternacht“

Robert Karow und Nina Rubin ermitteln in der „Ein paar Worte nach Mitternacht“ den Tod des 90-jährigen Klaus Keller. Zunächst vermuten sie die Täter im rechtsextremen Milieu, doch diese These gerät ins Wackeln.
04.10.2020, 10:20
Lesedauer: 1 Min
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„Tatort“-Kritik: „Ein paar Worte nach Mitternacht“
Von Iris Hetscher

Nach 30 Minuten sind alle Ost-West-Klischees angerissen. Klaus Keller ist nach dem Zweiten Weltkrieg in Westberlin zum erfolgreichen Baulöwen aufgestiegen. Sein Bruder Gert macht in Ost-Berlin Karriere bei der Stasi, Sohn Fredo mutiert nach der Wende zum „völkischen Abgeordneten“. Klar, die Ossis. West-Kellers Sohns Michael ist ein Profit-Hai, der Enkel Moritz engagiert sich in der Antifa und macht ein Praktikum am Holocaust-Mahnmal. Typische Wessis, oder? Die Entfremdung zwischen den Familienteilen: maximal.

Fast schon satirisch überhöht gestaltet sich der Beginn der „Tatort“-Folge „Ein paar Worte nach Mitternacht“ (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr), der zunächst wie eine übereifrige Auftragsarbeit zu 30 Jahre Einheit wirkt und sich dann plötzlich auf die dunklen zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 kapriziert. Auch das ­allerdings so plump, dass es quietscht.

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Klaus Keller stirbt nach der Feier zu seinem 90. Geburtstag auf seinem Balkon, um den Hals ein Schild mit einem Spruch, mit dem die Nazis Deserteure schmähten. Für Kommissarin Nina Rubin (Meret Becker) ist alles klar: Da waren Rechtsextreme am Werk. Wahrscheinlich aus dem Umfeld des Ost-Keller-Sohns. Ihr Kollege Robert Karow (Mark Waschke) ­zweifelt, und natürlich ist alles auch ein bisschen komplizierter als gedacht. Trotz ständig neuer Drehungen aber kein bisschen spannend.

Einmal mehr ist thematische Überfrachtung der Grund, dass eine „Tatort“-Folge unterdurchschnittlich gerät. Da können auch versierte Schauspieler wie Rolf Becker, Jörg Schüttauf oder Marie-Lou Sellem nichts retten. Sehr merkwürdig zudem: Die Ost-Kellers kommen nur am Anfang vor und geraten dann völlig aus dem Blickfeld.

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