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„The Peanut Butter Falcon“: In Unterhose Richtung Freiheit

Zak will Profi-Wrestler werden, davon hält ihn auch sein Down-Syndrom nicht ab. Der überaus sehenswerte Film „The Peanut Butter Falcon“ erzählt seine Geschichte.
19.12.2019, 16:25
Lesedauer: 3 Min
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„The Peanut Butter Falcon“: In Unterhose Richtung Freiheit
Von Alexandra Knief
„The Peanut Butter Falcon“: In Unterhose Richtung Freiheit

Werden schnell gute Freunde: Zak (links, Zack Gottsagen) und Tyler (Shia LaBeouf) sind zusammen auf der Flucht. Auf ihrer Reise lernen sie viel vom jeweils anderen.

Tobis Film/dpa

Bremen. Unauffällig schiebt Zak seiner Tischnachbarin Rosemarie einen Schokopudding zu. Dieser ist gleichzeitig Bestechungsmaterial und Mittel zum Zweck: Auf Kommando täuscht Rosemarie beim Essen einen Erstickungsanfall vor, währenddessen nutzt Zak den Aufruhr, um sich heimlich aus dem Staub zu machen. Doch der Fluchtversuch missglückt.

Zak (Zack Gottsagen) wohnt in einem Seniorenheim, dabei ist er erst 22 Jahre alt. Er weiß, dass er nicht an diesen Ort gehört und versucht immer wieder abzuhauen. Der junge Mann mit Down-Syndrom will weg – und er weiß auch genau, wohin: Zak will Wrestler werden. Dass er das Down-Syndrom hat, steht ihm bei diesem Traum nicht im Weg, denn er ist kräftig genug für diese Herausforderung. Außerdem hat der das Wrestling-Video seines Idols Salt Water Redneck (Thomas Haden Church) mindestens eine Million mal gesehen – nicht immer zur Freude seines Mitbewohners Carl und seiner Betreuerin Eleanor (Dakota Johnson), die das Video mittlerweile unfreiwillig auch auswendig kennen. Zak träumt davon, den Atomic Throw zu lernen, einen beeindruckenden Wurf, den sein Idol ihm im Video so oft vorgemacht hat. Und zum Glück gibt es genau dafür eine Wrestling-Schule in Florida. Senior Carl hilft seinem jungen Freund schließlich bei der Flucht. In Unterhose macht der sich auf den Weg – mehr braucht man schließlich nicht, wenn man Wrestler werden will.

Auf seiner Reise trifft Zak den Krabbenfischer Tyler (Shia LaBeouf), ein Außreißer wie er selbst. Im Gegensatz zu Zak ist Tyler allerdings auf der Flucht vor seinen Erinnerungen an einen schlimmen Schicksalsschlag, aber auch vor zwei fiesen Typen, die nicht ganz unbegründet ziemlich sauer auf ihn sind. Tyler begegnet Zak auf Augenhöhe, nimmt seinen Traum ernst. Und so werden die beiden schnell Freunde.

Ein modernes Mark-Twain-Märchen

Die wunderbare Tragikomödie „The Peanut Butter Falcon“ ist ein modernes Road-Movie mit deutlichen Parallelen zu Mark Twains „Huckleberry Finn“. Die bisher noch recht unbekannten Filmemacher Tyler Nilson und Michael Schwartz zeichnen gemeinsam für Drehbuch und Regie verantwortlich. Geschrieben haben sie die Story für ihren Hauptdarsteller Zack Gottsagen. Es ist der erste Film für den 34-Jährigen, der sich wie seine Filmfigur Zak durch seine Behinderung nie davon abhalten ließ, an seinen Traum zu glauben: Schauspieler zu werden. Schwartz und Nilson wollten ihn mit ihrem Film bei der Verwirklichung dieses Lebensplans unterstützen, denn Gottsagen nimmt, seit er klein ist, Schauspielunterricht. Und er hat Talent – ein Talent, das aufgrund seiner Behinderung in der perfekten Hollywood-Film-Blase aber mit großer Wahrscheinlichkeit für immer unentdeckt geblieben wäre.

Die beiden sympathischen Filmemacher haben Gottsagen eine Hauptrolle auf den Leib geschrieben und der Welt damit bewiesen, das Schauspieler mit Down-Syndrom weitaus mehr drauf haben, als hier und da mal als Sidekick herzuhalten. Es sei ihnen bei ihrem Film vor allem darum gegangen, Akzeptanz zu fördern, sagte das Duo in einem Interview. Die Menschen dazu anzuregen, sich auch mal Leuten gegenüber zu öffnen, die vielleicht anders sind als sie selbst.

Mit dieser Botschaft ist es den Filmemachern gelungen, Shia LaBeouf („Transformers“) und Dakota Johnson („Fifty Shades of Grey“) mit ins Boot zu holen und somit eine prominente Besetzung um Gottsagen zu scharen. Überraschend glaubwürdig ist Shia LaBeoufs Darbietung des zwar rauen, aber gleichzeitig auch sehr verletzlichen Tylers. Die Rolle steht dem sonst vor allem als Action-Star bekanntem LaBeouf, der in der Vergangenheit immer wieder mit Alkoholexzessen und Festnahmen von sich reden machte, ausgesprochen gut. Und sie gibt ihm die Chance, auch mal eine weichere Seite von sich zu zeigen. Dakota Johnson mimt die besorgte Pflegerin Eleanor souverän, auch, wenn sie neben dem ungleichen Freundespaar Gottsagen-LaBeouf nicht mehr als eine Randfigur bleibt.

Ein Geheimtipp

Dass der Verlauf der Geschichte in großen Teilen vorhersehbar ist, wird durch die liebenswerten Charaktere des Films, seinen charmanten Witz und immer wieder neue, kleinere Momente des Hoffens und Bangen zur völlig irrelevanten Nebensache. „Der verdammt nochmal süßeste Film des Jahrzehnts!“, schrieb das Film-Magazin „Film Inquiry“. Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen, doch die Kombination aus ungewöhnlichen Helden, dem positiven Umgang mit dem Thema Behinderung und der damit verbundenen Botschaft, dass man alles erreichen kann, wenn man es wirklich will, macht „The Peanut Butter Falcon“ zumindest zu einem echten Geheimtipp. Und zu einem der schönsten Wohlfühlfilme dieses Jahres.

Weitere Informationen

In Bremen läuft der Film im Cinema Ostertor.

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