Interview mit Intendant Michael Börgerding

„Wir haben uns auf alles eingestellt“

Die Spielzeit am Theater Bremen wird bestimmt von der Corona-Pandemie. Im Interview spricht Intendant Michael Börgerding über Kontakt mit dem Publikum, spielwütige Regisseure und Chancen für die Oper.
06.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir haben uns auf alles eingestellt“
Von Iris Hetscher

Herr Börgerding, was vermissen Sie derzeit am meisten am Theater?

Michael Börgerding: Den direkten Austausch mit dem Publikum. Unser Theater lebt auch von den vielen Begleitveranstaltungen, die wir anbieten, unsere Publikumseinführungen, Diskussionsveranstaltungen, Premierenfeiern beispielsweise. Die sind auf meiner Corona-Verlustliste sehr weit vorne.

Gibt es Alternativen dafür?

Wir versuchen, die Publikumseinführungen ins Netz zu verlegen: Wer sich eine Karte kauft und registriert, bekommt eine digitale Einführung gemailt. Das Feiern kann man nicht ersetzen. Das Theatro stellt jetzt draußen Tische und einen Gastro-Wagen auf; vielleicht kann man sich dort dann zumindest ein bisschen austauschen.

Was bei der ersten Premiere „Schäfchen im Trockenen“ auffiel: Das muntere Geplauder im Foyer und im Zuschauerraum fehlt. Alle huschen schweigend rein und danach schnell wieder raus. Ist das noch das Erlebnis Theater?

Ich war schon etwas deprimiert an diesem Tag. Wir eröffnen die Spielzeit und können nur draußen vorm Kleinen Haus zusammenstehen. Wir versuchen jetzt, das „Noon“ im Foyer des Kleinen Hauses durchgehend geöffnet zu halten und die Zuschauer durch eine andere Wegführung in den Saal zu geleiten. Wer mag, geht ins „Noon“, registriert sich und kann dann seine Maske absetzen, essen und trinken.

Es war aufwendiger als sonst, diese Spielzeit vorzubereiten, oder?

Deutlich aufwendiger, auch, weil die Arbeit sich verlagert hat: Wir mussten ein Hygienekonzept erstellen. Dann gab es einige Puzzlearbeit, was den Terminkalender angeht und viele Fragen zu klären. Welche Produktionen, die es schon gibt, kann man zeigen, welche nicht, was kann man wie umarbeiten? Wie organisiert man den Verkauf der möglichen Plätze? Das waren intensive Wochen.

Die Spielzeit musste den durch Corona diktierten Bedingungen angepasst werden; kurz gesagt kann weniger Spektakel auf der Bühne stattfinden. Die ersten beiden Premieren im Schauspiel sind Monologe, im Oktober folgt ein weiterer – werden Schauspieler und ihre Präsenz in dieser Spielzeit wichtiger als die Ideen von Regisseuren?

Das ist ja grundsätzlich ganz schön, wenn die Schauspieler im Zentrum stehen. Aber wir zeigen schon auch große Ensemblestücke. Bei der Uraufführung von Armin Petras oder der Komödie „Trüffel, Trüffel, Trüffel“, da sind teilweise neun Schauspieler auf der Bühne. Was sich ändert, ist der Aufwand drumherum, also, was die Requisiten oder die Maske angeht. Die Schauspieler müssen sich teilweise selbst schminken, die Maskenbildnerinnen dürfen nur mit Ganzkörperanzug und FFP-Maske arbeiten.

Wenn neun Schauspieler auf der Bühne sind und ein Sicherheitsabstand von 1,50 Meter eingehalten werden muss, hat das aber durchaus Auswirkungen auf die Inszenierungen, oder?

Es gibt Regisseure, da ist das kein Thema. Bei einem spielwütigen Regisseur wie Armin Petras müssen die Kollegen dann schon mit aufpassen, dass die Abstände eingehalten werden. Alize Zandwijk hat zunächst gesagt, sie könne unter diesen Umständen kein Theater machen. Inzwischen sieht sie das etwas anders; wir haben ihre „Schimmelreiter“-Inszenierung kürzlich durchgespielt, die würde die Vorschriften erfüllen. Und auch bei „Vögel“ gibt es gar nicht so viele enge Kontakte.

Und wie sieht es im Musiktheater aus?

Da gab es tatsächlich in den vergangenen Tagen einen kleinen Durchbruch. Weil wir durch unsere Belüftungs- und Filteranlagen messbar nachweisen können, dass die Luft auf der Bühne und im Saal eine Qualität hat wie die Luft draußen, dürfen wir den Abstand beim Singen von sechs auf drei Meter verringern. Wir können daher wieder Opernproduktionen konzipieren, auch über das hinaus, was bereits bis zum Jahresende angekündigt war, also beispielsweise die 90-Minuten-Version der „Zauberflöte“.

Was heißt das konkret?

Für Februar planen wir „Das schlaue Füchslein“ von Leos Janacek in der Regie von Tatjana Gürbaca, dirigieren wird Marko Letonja, und zwar eine kammermusikalische Fassung. Da werden 17 Musiker im Graben sitzen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir zum Ende der Spielzeit „King Arthur“ von Henry Purcell machen werden. Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen wird inszenieren, und er hat signalisiert, das unter allen Bedingungen umzusetzen. Und auch die Inszenierung einer „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss ist eine realistische Option. Zumindest haben Yoel Gamzou und Frank Hilbrich da sehr gute Ideen, wie es gehen könnte. Verschieben werden wir vermutlich eine geplante „Tosca“ von Puccini, da müssten wir zu viele Abstriche hinnehmen, dann wäre es einfach keine „Tosca“ mehr. Und Verdis „Falstaff“, die Produktion, die am 15. März Premiere hätte haben sollen, ist auf irgendwann verschoben. Claudio Otelli, der inmitten der Zuschauer singt; so etwas ist völlig unvorstellbar. Dafür überlegen wir, mit ihm „Jakob Lenz“ auf der Bühne im Großen Haus konzertant wieder aufzunehmen. Da ist ja das Bühnenbild das Problem – so eng dürfen wir nicht mehr zusammenkommen.

Ein Teil des gesamten Ensembles muss dabei weitgehend außen vor bleiben: der Chor. Wie gehen Sie als Intendant damit um?

Das bleibt schwierig. Wir probieren, trotzdem Dinge möglich zu machen. Vor allem die Chorleiterin Alice Meregaglia kämpft und probiert sogar draußen, um die Abstände einhalten zu können. Bei der Gala „Mit Abstand das Schönste“ gibt es den Summchor aus „Madame Butterfly“ mit 20 Damen und Herren, die gestaffelt stehen. Auch bei „Imagine“, dem John-Lennon-Projekt von Yoel Gamzou, soll der Chor dabei sein. In der „Zauberflöte“ gibt es einen neu gesetzten Damenchor mit acht Teilnehmerinnen.

Als Lakmustest für Großveranstaltungen gelten die Salzburger Festspiele, die ja offenbar ohne große Blessuren, sprich: Masseninfektionen, über die Bühne gegangen sind. Macht Ihnen das Mut?

Ich hoffe, dass das perspektivisch zu weiteren Lockerungen führt, vor allem zu einem größeren Platzangebot. Wir haben uns jetzt auf alles eingestellt, haben realistische Konzepte entwickelt und vertrauen unserer sehr guten Klimaanlage. Man ist bei uns sicher, sicherer als in vielen anderen Situationen des Alltags.

Sie können jetzt schon absehen, dass die Saison finanziell nicht so erfolgreich werden kann wie die vergangenen Spielzeiten. Haben Sie darüber schon mit der Kulturbehörde gesprochen?

Wir gehen davon aus, dass wir weiter so gefördert werden wie vereinbart, aber auch nicht mehr bekommen werden. Wir haben in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und eine Risiko-Rücklage bilden können, ein großer Dank gilt da meinem Kollegen, dem Geschäftsführer Michael Helmbold. Wir werden sparen müssen, natürlich, häufiger begrenzt en suite spielen, also mehrere Vorstellungen in der Woche oder an einem Wochenende zeigen. Auch einzelne Vorstellungen zwei Mal am Tag spielen. Insgesamt gehen wir davon aus, dass wir durch die Platzreduzierungen nur ein Fünftel, vielleicht ein Viertel der üblichen Einnahmen haben werden. Das ist ein Jahr durchzuhalten, aber nicht länger.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Michael Börgerding

studierte Germanistik, Soziologie und Philosophie. Er war Dramaturg in Göttingen, Hannover und am Thalia-Theater. Seit 2012/13 ist er Intendant des Theaters Bremen.

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