Theater Bremen

Mit Herz und Kopf

Alize Zandwijk ist seit 2016 leitende Schauspielregisseurin am Theater Bremen. Ihre spiel- wie nachdenkfreudigen Inszenierungen sind jetzt mit dem Kurt-Hübner-Preis der Bremer Theaterfreunde belohnt worden.
25.06.2020, 14:47
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Mit Herz und Kopf
Von Iris Hetscher
Mit Herz und Kopf

Genau getroffen: Alize Zandwijk unter einem herzigen Doppel-Logo des Theaters Bremen.

Frank Thomas Koch

Bremen. Es war ein ungewöhnlicher Satz, mit dem sich Alize Zandwijk bedankte. „Michael Börgerding ist der Hammer!“ entfuhr es der leitenden Schauspielregisseurin des Theaters Bremen, als sie erfuhr, dass die Jury ihr den mit 5000 Euro dotierten Kurt-Hübner-Preis zugedacht hat. Warum rühmt ein Theatermensch seinen Intendanten, wenn er ausgezeichnet wird? Alize Zandwijk muss nicht lange überlegen: „Michael Börgerding ist sehr kollegial, er möchte immer, dass es allen am Theater gut geht. Ganz einfach: Er ist keiner dieser Macho-Intendanten.“

Nur mit einem derart gestrickten Vorgesetzten, schwingt als Unterton mit, sei die nun ausgezeichnete Arbeit möglich; die Freiheit, in alle Richtungen zu denken, „miteinander zu fliegen“, wie Zandwijk das nennt. Das hat dem Theater Produktionen beschert, die die Schauspielsparte in den vergangenen Jahren geprägt haben. Und die zudem oft echte Renner beim Publikum waren. Kurzrückblick in die jüngste Vergangenheit: „Der Schimmelreiter“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Frühlingserwachen“, „Vögel“, „Mütter“. Seit 2012 inszeniert Alize Zandwijk am Haus, seit 2016 ist sie fest engagiert als leitende Schauspielregisseurin.

Sie sei vor vier Jahren gerne gewechselt aus Rotterdam, sagt sie. In der holländischen Metropole war sie immerhin selbst Intendantin, doch hinter ihr lagen bereits 18 Jahre am Ro-Theater, einer renommierten Off-Bühne. „Ich war einfach fertig dort“, bilanziert sie. Michael Börgerding kannte sie aus dessen Zeit als Dramaturg am Hamburger Thalia-Theater, und sowieso hat die holländische Theatermacherin seit 2003 immer wieder an deutschen Bühnen inszeniert. Wenn sie nicht gerade auf Festivals zu Gast war mit dem Zandwijk-Stil: Wiener Festwochen, Edinburgh Festival, Theaterformen in Hannover, Autorentheatertage in Hamburg. Doch was macht ihre Art von Theater aus? Zum einen ist da das Körperliche, Kontakt- und Bewegungsreiche, manche Szenen sind nah am Tanztheater gebaut, zu dem sie eine starke Affinität hat. Zum anderen sind da die nachwirkenden, komponierten Bilder, begleitet von Livemusik. All das zusammengenommen gibt zu denken und packt gleichzeitig durch diese unbändige Lust am Spiel. Zandwijks Inszenierungen sind durchdacht, ohne genau dies auszustellen, weil die Szenen mitunter wie hingetupft und hingehupft wirken.

Sind sie natürlich nicht. Alize Zandwijk probt intensiv mit ihrem Ensemble, um „die Fantasie der anderen aufzunehmen“. Die Idee, die in den Stücken verpackt ist, schält sich für sie nach und nach heraus, während sie beobachtet, dirigiert, verdichtet. Bei ihrer grandiosen Inszenierung der „Vögel“ von Wajdi Mouawad stellt sie die Frage, was Identität eigentlich genau ist? Vielleicht ja gar nichts, an dem man sich wirklich festhalten kann, sondern nur ein Konstrukt. Bei „Vögel“ musste sie einem sehr jungen und am Theater Bremen sehr neuen Schauspieler vertrauen, genau das auszuloten. Durchaus ein Wagnis für ein derartiges Projekt. Doch Emil Borgeest hat eine hinreißende Performance abgeliefert, oder, wie Zandwijk in ihrer direkten und freundlichen Art sagt: „Das hat echt gut geklappt“. Das sei nicht selbstverständlich, das kenne sie auch anders, erzählt sie – an einer Bühnenadaption der „Brüder Karamasow“ in Rotterdam sei sie gescheitert, weil sie mit dem Ensemble einfach keinen Zugang zum Stoff gefunden habe.

All dieses Intensive, Gemeinsame geht jetzt nicht. Der Zandwijk-Stil ist gleichbedeutend mit Anti-Corona-Theater, weshalb die geplante Brecht-Inszenierung „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, die eigentlich im April Premiere feiern sollte, weiterhin auf Eis gelegt ist. Lange habe man hin und her überlegt, aber ohne den großen Bürgerchor sieht sie das Stück nicht. Genau dieser Chor ist im Moment aber völlig undenkbar.

Ein anderes, seit Längerem geplantes Projekt dagegen ist im Werden und als Premiere für den 5. Dezember angekündigt. Es passt perfekt in die Zeit, weil es so spartanisch angelegt ist, dass es locker die Abstands- und Hygienevorschriften erfüllt. Gemeinsam mit der Schauspielerin Nadine Geyersbach, deren Bruder Denis und dem Musiker Beppe Costa wird Alize Zandwijk von „Moby Dick“ erzählen, dem mythischen weißen Wal aus dem Roman von Herman Melville. Der Stoff knüpfe an ihre Idee des Stormschen „Schimmelreiters“ an, findet sie. Auch hier zerstöre der Mensch letztlich die Natur, indem er sie zu beherrschen versucht. Manchmal begünstige das sogar die weltweite Ausbreitung von Viren – die Corona-Krise ist für Zandwijk auch „Lektion in Demut“. Noch weniger Beteiligte wird eine weitere Premiere haben, die derzeit weder spruchreif noch terminiert ist. Alize Zandwijk wird eine gerade wieder heiß gehandelte theatrale Form inszenieren: einen Monolog.

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