Bühne im Innenhof

Theater Bremen spielt sein Sommerprogramm draußen

Theater unter Corona-Bedingungen: Das Schauspielhaus am Goetheplatz verlegt sein Sommerprogramm nach draußen und lädt zu kleinen Inszenierungen aller Sparten.
27.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katharina Frohne und Iris Hetscher
Theater Bremen spielt sein Sommerprogramm draußen

Nadine Geyersbach, Denis Geyersbach und Matthieu Svetchine (v.l.n.r.) erzählten Hans Christian Andersens Märchen "Die wilden Schwäne" als Live-Hörspiel.

Christina Kuhaupt

„Endlich wieder Theater!“, mit diesem Ausruf hatte das Schauspielhaus am Goetheplatz vor wenigen Tagen den Start eines neuen, coronabedingt erdachten Sommerprogramms angekündigt. „Aus dem Hof“ heißt das Format, das zu kleinen Inszenierungen aller Sparten lädt. Der Name ist dabei Programm: Im Innenhof des Theatergebäudes, zugänglich über den Eingang am Ostertorsteinweg, wurde eine kleine Bühne errichtet, davor stehen Klappstühle – gut anderthalb Meter voneinander entfernt. Theater mit Sicherheitsabstand und frischer Luft also, zudem meist auf knapp eine Stunde begrenzt.

Hoch die Stangen: Die Performance-Gruppe Gintersdorfer/Klaßen interpretiert auf dem Goetheplatz die Corona-Abstandsregeln.

Hoch die Stangen: Die Performance-Gruppe Gintersdorfer/Klaßen interpretiert auf dem Goetheplatz die Corona-Abstandsregeln.

Foto: Knut Klassen

Eines der bereits gezeigten Stücke war „Die wilden Schwäne“ – ein Live-Hörspiel der Theater-Ensemblemitglieder Nadine Geyersbach und Matthieu Svetchine sowie des Schauspielers Denis Geyersbach. Wer die Geschichte Hans Christian Andersens kennt, weiß, worum es geht: Die schöne Prinzessin Elisa wächst mit ihren elf Brüdern bei ihrem Vater, dem König, auf, bis – Märchen eben – die böse Stiefmutter beginnt, den Frieden am Hof zu stören. Aus Garstigkeit verwandelt sie die Jungen in Schwäne und belegt sie mit einem Fluch: Nur wer sich stumm die Hände für sie blutig arbeitet, kann die Kinder wieder zu Menschen machen. Klar, dass Elisa aufbricht, um ihre Brüder zu retten – und dass das nicht ganz so leicht ist wie gedacht.

Sympathisch-schräge Unterhaltung

Um Elisas Geschichte zu erzählen, sitzen Nadine Geyersbach, Denis Geyersbach und Matthieu Svetchine an einem langen weißen Tisch. Daran befestigt und in Griffweite: ein bunter Kassettenrekorder, wie man ihn aus Kindertagen kennt, eine blonde Perücke, Masken, eine Taucherbrille, kleine Actionfiguren. Jeder der drei Darsteller hat ein Mikro vor der Nase, alle drei schlüpfen abwechselnd in verschiedene Rollen, sind mal Erzählerin, mal Prinzessin, mal Prinz, mal König, mal Echo, mal Meer. Die Hilfsmittel vor ihnen dienen dabei nicht nur dazu, Geräusche hervorzurufen – ein Rauschen, ein Klappern, ein Knistern –; der Tisch wird selbst zur kleinen Bühne, die Sprecher zu Schauspielern mit vielen Gesichtern.

„Keine Sorge, die drei dürfen so dicht zusammensitzen, die wohnen zusammen in einer WG“, war das Trio vor seinem Auftritt angekündigt worden. Und tatsächlich hat das, was da vor den Augen des Publikums passiert, etwas von Improvisation am Küchentisch. „Die wilden Schwäne“ sind sympathisch-schräge Unterhaltung mit gutem Timing und witzigen Texten, selbstironisch, albern, gefühlvoll. Spaß macht dabei vor allem zu beobachten, wie aus wenig sehr viel wird, wie drei Stimmen und ein paar Haushaltsgegenstände eine nicht nur akustisch erstaunlich lebendige Geschichte erzählen.

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Wer fertig geguckt und gehört hat beim Live-Hörspiel um 17 Uhr, kann anschließend in einer Art Zirkusrund auf dem Goetheplatz noch eine Performance erleben. Dort lädt die stets einfallsreiche Truppe um Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen zu ihrem „Dauerschnellproduktionstheater“, an dem auch Mitglieder des Schauspielensembles und von Unusual Symptoms teilnehmen. Das Ganze hat auch noch einen Untertitel, der sich als zu postmodern-pompös für das Geschehen erweisen wird: „Die Zerlegung der Körper“.

Das, was da knappe 90 Minuten lang passiert, erinnert oft an La Strada oder an einen außer Rand und Band geratenen Kindergeburtstag. Zunächst einmal wird das Publikum vermessen mit schwarzen Stangen, die mindestens die Corona-Distanzlänge von 1,50 Metern haben. Darum dreht sich alles: Wie geht Kunst, wie geht Tanz, wie geht Miteinander in Zeiten, wenn anfassen verboten die Devise der Stunde ist. Es folgt ein Experiment: Wie schafft man es, die Stange zu halten zwischen zwei Körpern, die laufen, tanzen, miteinander auf Abstand agieren müssen? Auch die Zuschauer können mittun, wenn sie wollen. Wo die Stange fällt, heißt es „ausgeschieden“, so viel Wettbewerb muss sein, dazu gibt's Beats und Anfeuerungs-Rap.

Rührend, charmant, traurig

Bei allem Spielerischen, gut Gelaunten und spontan Überbordendem schwingt natürlich immer ein gerüttelt Maß an Unbehagen mit. Das Unbehagen der Akteure, hinter denen, so postuliert es eine Tänzerin zu Beginn, drei Monate Pause liegen, in denen sie überhaupt nicht arbeiten durften. Und auch jetzt ist die Gruppe, deren Mitglieder von mehreren Kontinenten stammen, noch lange nicht wieder vollständig. Von daher werden die Stangen beiseite gelegt, die Akteure streifen sich Papierponchos über die Köpfe, auf die Briefe abwesender Tänzer gedruckt sind, die auch über Todesfälle im Bekanntenkreis oder die Angst, in Mexiko-Stadt in ein Krankenhaus zu gehen, berichten. Monika Gintersdorfer ruft in Mexiko an und auch in Abdijan in der Elfenbeinküste. Die Abwesenden choreografieren per Stimme aus dem Handy ihre Kollegen auf dem Goetheplatz. Das ist rührend und charmant. Aber trotzdem irgendwie ganz schön traurig.

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Weitere Informationen

"Die Zerlegung der Körper" ist am Sonnabend ein letztes Mal um 19 Uhr auf dem Goetheplatz zu sehen. "Aus dem Hof" präsentiert am Sonnabend, 27. Juni, um 17 und 19 Uhr "Songs from our Homeland" mit Zarzuela, Tango und American Songs. Am Sonntag, 28. Juni, spielen die Bremer Philharmoniker um 11 Uhr das "Streichquintett in G-Dur" von Johannes Brahms"; um 15 und um 17 Uhr liest Siegfried W. Maschek aus Goethes "Reineke Fuchs". Karten entweder unter www.theaterbremen.de oder an der Kasse vor Ort.

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