Personalkosten falsch berechnet Theater kämpft mit Altlasten

Bremen. Das Bremer Theater startet mit einer weiteren Hypothek in die neue Spielzeit. Weil die Personalstärke falsch berechnet wurde und etliche Stellen in den Büchern nicht auftauchten, fehlt das Geld, um die Tarifsteigerungen abzufangen. Das Dementi folgte am Mittwochabend.
15.09.2010, 19:20
Lesedauer: 3 Min
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Theater kämpft mit Altlasten
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Das Bremer Theater startet mit einer weiteren Hypothek in die gerade angefangene Spielzeit. Weil die Personalstärke falsch berechnet wurde und etliche Stellen in den Büchern schlicht nicht auftauchten, fehlt das Geld, um die Tarifsteigerungen abzufangen. Wieder klafft ein Loch im Etat. Das Theater dementierte am Abend ein neues Defizit.

Carmen Emigholz (SPD), Staatsrätin für Kultur und Aufsichtsratsvorsitzende des Theaters, bezifferte das neuerliche Minus gestern in der Kulturdeputation auf knapp über eine Million Euro. Pro Jahr wohlgemerkt, denn die zusätzlichen und bisher nicht berücksichtigten Personalkosten fallen auch in den folgenden Geschäftsjahren an. Das erst vor einem halben Jahr beschlossene Konzept zur Konsolidierung des Theaters ist damit schon wieder obsolet. Ein Thema auch für den Senat, der sich am kommenden Dienstag damit befasst.

Schuld an dem Finanzloch ist nach Darstellung von Emigholz die ehemalige Geschäftsführung des Theaters. Ein Fehler bei der computergestützten Berechnung der Personalkosten, den sie nicht bemerkt habe. 'Ärgerlich, aber nicht dramatisch', hieß es dazu aus dem Kulturressort. Das Theater sei weiterhin zahlungsfähig.

Gespart wird auch

Zumal nach Angaben der Behörde auch gespart werden konnte - in der Spielzeit 2009/2010 ein Betrag von insgesamt 400000 Euro. In einigen Abteilungen sollten den Plänen zufolge bis zu 40 Prozent der Kosten eingedampft werden. Im Ansatz klappt das offenbar. 'Generell greift das Konsolidierungskonzept', versicherte Emigholz den Deputierten.

Auf der anderen Seite sind aber auch Verluste entstanden, mit denen keiner gerechnet hatte, im Gegenteil, die Seebühne an der Waterfront sollte ein Quell zusätzlicher Einnahmen sein. Doch die Rechnung ging nicht auf: Zwar konnte der Kostenrahmen nach den Worten von Emigholz nicht nur eingehalten, sondern sogar leicht unterschritten werden. Weil aber nicht so viele Besucher kamen wie erwartet - bei 'Turandot', der jüngsten Inszenierung, waren es 8000 weniger als zuvor bei 'Aida' - entstand unter dem Strich dann doch ein dickes Defizit: rund 240000 Euro.

Inzwischen hat der Aufsichtsrat beschlossen, die Seebühne nur noch dann vom Theater bespielen zu lassen, wenn es dafür ein wirtschaftlich wasserdichtes Konzept gibt. Die Interims-Geschäftsführung des Vier-Sparten-Hauses hat gestern klar gemacht, dass sie nicht vorhabe, einen weiteren Versuch zu starten. Das Risiko sei zu groß. Die Seebühne ist damit zumindest für das Bremer Theater Geschichte.

Was das für den abgelösten Intendanten Hans-Joachim Frey bedeutet, dem in seinem Auflösungvertrag zugesichert wurde, in den Jahren 2011 und 2012 auf der Seebühne produzieren zu dürfen - kein Kommentar, sagt die Kulturbehörde. Gut möglich, dass der Abschied von Frey jetzt noch einmal teurer wird.

Carl Kau, der für die CDU in der Deputation sitzt, forderte dazu auf, 'Tabula rasa zu machen.' Das Theater müsse endlich raus aus den Diskussionen um Finanzen. 'Wir wollen über Inszenierungen diskutieren und nicht übers Geld.' Bald in jeder Sitzung werde von der Kulturbehörde ein neues Finanzloch präsentiert. 'Und jetzt sind plötzlich irgendwelche Excel-Tabellen schuld', sagte der Abgeordnete. Tausend Schwüre seien schon geschworen worden, dass man zu einer verlässlichen kaufmännischen Führung des Theaters kommen wolle, und doch täten sich immer wieder Lücken auf.

Stadt steht für Schulden gerade

Im vergangenen Jahr lag das Defizit bei 6,3 Millionen Euro. Besonders schwer in der Verlustrechnung wog dabei das Musical 'Marie Antoinette', aber auch der reguläre Spielbetrieb konnte die Kosten nicht decken. Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD), zugleich Kultursenator, zog daraufhin die Reißleine. Zunächst übernahm die Stadt einen Teil der Schulden und stellte dann auch noch einen Betriebsmittelkredit in Höhe von 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. Damit war fürs erste die Liquidität des Theaters gesichert.

Vor allem aber wurde ein Sanierungsplan aufgestellt, um der Spielstätte mit ihren mehr als 400 Beschäftigten eine Perspektive zu geben. Das Theater hat weiterhin einen Etat von annähernd 30 Millionen Euro und wird von der Stadt jedes Jahr mit rund 23 Millionen Euro bezuschusst. 80 Prozent des Etats werden für Personalkosten aufgewendet, wie Carmen Emigholz in der Deputation erklärte. Ein Posten, der mit den Jahren immer schmaler werden dürfte. 'Bis zum Jahr 2018 gehen 65 Beschäftigte in den Ruhestand', so die Staatsrätin.

Theater dementiert ein neues Defizit

Das Theater Bremen dementierte am Mittwochabend ein neues Defizit. "Für die laufende Spielzeit 2010/2011 hat die neue Geschäftsführung des Theater Bremen einen ausgeglichenen Wirtschaftsplan vorgelegt", teilte die Sprecherin mit. In diesem Wirtschaftsplan gebe es, entgegen anderslautender Pressemeldungen, kein neues Defizit.

Hans-Georg Wegner, künstlerischer Geschäftsführer des Theaters, betonte zudem, dass durch die Konzentration auf die Kernaufgaben des Theaters und den Verzicht auf riskante Sonderprojekte "weitestgehende Planungssicherheit" bestehe. Auch die Personalkosten seien im aktuellen Wirtschaftsplan korrekt erfasst und abgedeckt. Damit bestehe finanzielle Stabilität in der laufenden Spielzeit. (mit Material von dpa)

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