Nach zwei Jahren ohne Intendant in Bremen Theater-Leitungsteam ist mit sich zufrieden

Bremen. Zwei Jahre lang haben die vier Spartenleiter und der künstlerische Betriebsdirektor das Theater Bremen geführt, nachdem Intendant Hans-Joachim Frey das Haus verlassen musste. Vor dem Amtsantritt des Nachfolgers ziehen sie eine positive Bilanz.
14.07.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Peter Schmidt

Bremen. Nachdem Hans-Joachim Frey 2010 das Theater Bremen verlassen musste, übernahm ein Fünferleitungsteam, bestehend aus den Spartenleitern Hans-Georg Wegner (Oper), Marcel Klett (Schauspiel), Patricia Stöckemann (Tanz), Rebecca Hohmann (Moks) sowie dem künstlerischen Betriebsdirektor Martin Wiebcke die Leitung. Wiebcke und Hohmann bleiben auch unter dem neuen Intendanten Michael Börgerding am Haus. Peter Schmidt sprach mit den drei scheidenden Theaterleuten über die vergangenen zwei Jahre.

Wie geht es bei Ihnen persönlich jetzt weiter?

Hans-Georg Wegner:Ich befinde mich momentan noch in der Reflexionsphase. Wir sind ja quasi in die Verantwortung hineingestürzt, und es war ein echtes Abenteuer, auf das wir uns eingelassen haben. Auf der anderen Seite gibt es schon den nächsten Job: als Operndirektor in Weimar, der jedoch erst in zwei Spielzeiten beginnt. Das lenkt mich allerdings – zum Glück – auch ein wenig ab, um nicht zu wehmütig zu werden.Marcel Klett: Wehmut ist schon da. Schließlich gibt es seit Beginn dieser Spielzeit Dinge, die wir jetzt zum letzten Mal machen. Wie es bei mir persönlich weitergeht, weiß ich momentan noch nicht. Und das ist auch gut so.Patricia Stöckemann: Ich gehe ans Theater Osnabrück und leite dort gemeinsam mit Mauro de Candia die Tanzkompanie.

Wären Sie gerne länger in Bremen geblieben?

Marcel Klett:Das ist eine gemeine Frage. Aber ich glaube, dass keiner von uns nein gesagt hätte, wenn man uns gefragt hätte. Es war aber eine Frage, die sich uns so nie gestellt hat. Es war klar, dass ab der Saison 2012/2013 ein neuer Intendant kommt.Patricia Stöckemann: Die Verantwortung zu übernehmen hat Spaß gemacht. Es war natürlich auch ein sehr großes Vertrauen, das uns entgegengebracht wurde. Es war eine unglaubliche Bereicherung, in so einem Team zu arbeiten – etwas gemeinsam zu denken, etwas gemeinsam zu machen und dabei viel tiefer in die Strukturen des Hauses hineinzuschauen und so zu sehen, wie ein Theater funktioniert. Das alles ist etwas, wofür ich erst einmal sehr dankbar bin. Daran, das Ganze länger zu machen, habe ich, ehrlich gesagt, nie gedacht.

Das Fünfer-Leitungsteam war auch eine Art Experiment – schließlich hat es das in dieser Form, zumindest in Bremen, noch nicht gegeben. Sehen Sie das Experiment als gelungen an?

Hans-Georg Wegner:Ganz eindeutig ja. Das Experiment bestand ja auch darin zu gucken, ob es tatsächlich diese eine Projektionsfigur geben muss, oder ob es mit mehreren im Team als Leitung funktionieren kann. Es hat sich für viele als überraschend herausgestellt, dass es viele Vorteile hat, in einem sogenannten Direktorenmodell zu arbeiten.

Welche Vorteile meinen Sie?

Hans-Georg Wegner:Es gibt mehr Zugänge zur Leitung. Wir sind natürlich ganz dicht an den Produktionen dran, nämlich an der Bühne, also dort, wo die Produktionen stattfinden. Rückmeldungen kommen direkt, und Probleme werden direkt gelöst. Es gibt nicht den langen hierarchischen Weg, auf dem sich Probleme schon einmal umformulieren und verlieren. Zudem waren wir nicht die erfahrenen Theaterleiter und deshalb darauf angewiesen, auf die Meinungen der Abteilungsleiter zu hören und gemeinsam mit ihnen den Spielplan und die Disposition zu planen. Und genau dieser Punkt hat dem Theater sehr viel Geld gespart.

Inwiefern Geld gespart?

Hans-Georg Wegner:Die einzelnen Abteilungsleiter wissen einfach, wie ihre Abteilung am effektivsten funktioniert. Sie wissen, was sie leisten können und was nicht und wann zum Beispiel Aushilfen benötigt werden. Oder wann Überstunden gemacht werden müssen. Auf diese Erfahrungen haben wir den Spielplan zugeschnitten. Wenn eine Leitung so etwas einfach ansagt, ist das anders, dann muss die Abteilung teure Überstunden machen oder Aushilfen holen.

Zumindest rein theoretisch ist eine Rücksprache aber auch mit einem Intendanten möglich.

Marcel Klett:Das stimmt. Zumal ich glaube, dass es auf der ganzen Welt keinen Theaterleiter gibt, der sein Haus in der gesamten Komplexität durchschauen kann. Wir hatten als Team sozusagen das Glück, dass wir zur Kommunikation gezwungen waren. Wir hatten auch eine gute Grundlage mit den Kollegen, da wir aus der zweiten Reihe aufgestiegen waren. Eine Möglichkeit, die viele Intendanten gar nicht haben, da sie an ein Haus kommen, das sie noch nicht kennen.Patricia Stöckemann: Es hat natürlich viel damit zu tun, dass wir selbst auch Produktionen betreuen und somit einen besseren Überblick haben. Ein Intendant kann das so zeittechnisch gar nicht schaffen.

Apropos Zeit. Sie sagten gerade selbst, dass Sie noch Produktionen betreut haben. Plötzlich kam aber noch die Leitung des Hauses hinzu. Wie haben Sie das vom Zeitaufwand her hinbekommen?

Hans-Georg Wegner:Wir hatten das Glück, dass wir den Mehraufwand auf mehrere Schultern verteilen konnten.Marcel Klett: Es war trotzdem nicht ohne. Es gab auch bestimmte infrastrukturelle Probleme, die wir nicht lösen konnten. Wir haben das Ganze eigentlich ohne Sekretariat gemacht. Das ist auch etwas, wo ich sage, man sollte das so nicht noch einmal machen. Insgesamt war es ein großer Mehraufwand, der sich aber sowohl für uns als auch für das Haus gelohnt hat.

Es wirkt, als seien die vergangenen zwei Jahre sehr harmonisch gewesen. Dabei mussten alle Entscheidungen von fünf Leuten getroffen werden; zudem waren Sie auch noch zum Sparen angehalten. Hat es da nicht auch mal gekracht?

Marcel Klett:Zunächst einmal muss ich sagen, dass wir zu einer Generation gehören, die leider schmerzhaft gelernt hat, dass Kunst und Geld sehr wohl etwas miteinander zu tun haben.

Hans-Georg Wegner: Und natürlich gab es auch mal Streit, zumal die Situation ja für alle neu war und man sich auch erst einmal finden musste.

Es wurde immer kommuniziert, dass alle Sparten gleichberechtigt seien. Das war vorher nicht unbedingt so.

Hans-Georg Wegner:Es ist klar, dass es dort Konfliktpotenzial gibt. Aber mir als Leiter der Opernsparte war auch klar, dass ich ein bisschen zurücktreten muss, da wir zum Beispiel dem Tanz mehr Platz einräumen wollten. Marcel Klett: Uns war von Anfang an klar, dass Einsparungen, die zur Konsolidierung des Hauses benötigt wurden, von Schauspiel und Musiktheater geleistet werden mussten und nicht zu Lasten der ohnehin schon unterfinanzierten Sparten Tanz und Moks gehen würden.Patricia Stöckemann: Ich habe es als sehr angenehm empfunden, dass man zum ersten Mal als Sparte anerkannt wurde und mit den anderen Sparten gleichgestellt war. Das war unter dem Vorgänger noch anders.

Wenn Sie noch einmal gefragt werden würden, ob sie bereit wären das Haus als Fünferleitungsteam für zwei Jahre zu übernehmen, wie würden Sie heute antworten?

Marcel Klett:Mit ja. (Die beiden anderen nicken zustimmend).

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