Zeichnerin Sonia Schadwinkel hat einen Prachtband des vor 150 Jahren verstorbenen US-Philosophen illustriert

Thoreau und wilde Bremer Früchte

Was haben Quitten aus dem Garten des Blocklander Bio-Bauernhofs Kemena mit dem vor 150 Jahren gestorbenen Vordenker der Öko-Bewegung und des gewaltfreien Widerstands Henry David Thoreau zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Wer aber die prächtige deutsche Erstausgabe von Thoreaus Aufzeichnungen über „Wilde Früchte“ zur Hand nimmt, findet dort die Frucht aus dem Blockland – gezeichnet von Sonia Schadwinkel.
11.06.2012, 13:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth
Thoreau und wilde Bremer Früchte

Erdbeeren entdeckt Henry David Thoreau Anfang Juni 1860 auf einer Gehölz-Lichtung in seiner Nachbarschaft. Sonia Schadwinkels Vorbilder für ihre Illustration wachsen im Blockland – und schmecken sicherlich ähnlich gut wie Thoreaus Früchte.

Manesse·schadwinkel

Was haben Quitten aus dem Garten des Blocklander Bio-Bauernhofs Kemena mit dem vor 150 Jahren gestorbenen Vordenker der Öko-Bewegung und des gewaltfreien Widerstands Henry David Thoreau zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Wer aber die prächtige deutsche Erstausgabe von Thoreaus Aufzeichnungen über „Wilde Früchte“ zur Hand nimmt, findet dort die Frucht aus dem Blockland – gezeichnet von Sonia Schadwinkel.

Bremen. Die Quitte aus Kemenas Garten ist nicht die einzige Bremer Frucht, die diese Neuerscheinung ziert. Sonia Schadwinkel, Biologin und wissenschaftliche Zeichnerin, griff für die Prachtausgabe von Henry David Thoreaus „Wilde Früchte“ mehrfach auf Anschauungsmaterial aus den Gärten ihrer Nachbarn zurück – Sonia Schadwinkel hatte ihr Atelier lange Zeit im Blockland und ist nun ins Künstlerhaus Louis-Krages-Straße 26 gewechselt.

Mehr als 50 der von Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts überaus exakt beschriebenen 180 botanischen Arten und Unterarten seiner Heimat im US-Bundesstaat Massachusetts hat die Bremer Illustratorin gezeichnet. Entweder fand sie die Vorbilder in ihrer Umgebung, oder sie beschaffte sich die Vorlagen aus Bibliotheken. Und anders als in Lexika, Schul- oder Bestimmungsbüchern, die Sonia Schadwinkel normalerweise illustriert, ging es bei Thoreau für sie nicht um die wissenschaftlich exakte Darstellung charakteristischer botanischer Merkmale, sondern um eine eher künstlerische Ausführung, die aber das Wesen der Beeren und Früchte und nicht nur deren Hülle zeigt. Insofern unterschied sich der Auftrag des Manesse-Verlags deutlich von denen, die Sonia Schadwinkel normalerweise für Wissenschaftsverlage bearbeitet.

Erstaunliche Beobachtungsgabe

Henry David Thoreau hat mit seiner im Jahr 2000 erstmalig in den Vereinigten Staaten veröffentlichen Textsammlung „Wilde Früchte“ eine ganz erstaunliche Beobachtungsgabe bewiesen. Von Mai bis November streifte er 1860 nahezu täglich durch die Umgebung seiner Heimatstadt Concord und hielt akribisch den Entwicklungsstand von allerlei Bäumen und Pflanzen fest. Die Blüte, die Fruchtbildung, der Geruch, der Geschmack der Früchte – diese und andere Details listete er exakt auf und bettete seine Naturbeobachtungen in allerlei philologische Betrachtungen zu Wissenschaft und Kultur ein. Der Leser erfährt so Wissenswertes und Kluges über diverse Hucklebeeren, über Zapfen verschiedener Kiefernarten, über Brombeeren, Wassermelonen, Hartriegel, Wildäpfel und Früchte, die 152 Jahre später zumindest in Mitteleuropa völlig unbekannt sind. Manche dieser chronologisch geordneten Texte sind wohl ausformuliert, andere sind über den Status einer rudimentären Materialsammlung nicht hinausgekommen. Der Autor starb gerade 44-jährig nur zwei Jahre nach dem Anlegen dieser Textsammlung.

Diese Akribie entspringt Thoreaus geradezu rebellischem Bekenntnis zur Natur und zur Autarkie, seinem positiven Provinzialismus, der von seinen heutigen Bewunderern aus der Occupy-Bewegung als vehementes Votum gegen alle Globalisierungstendenzen gewertet wird. Henry David Thoreau, der später auch in Mahatma Ghandi und Martin Luther King prominente Bewunderer fand, hat sich in seinen Büchern wie „Walden“ oder „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ deutlich gegen ein profitorientiertes Gesellschaftssystem ausgesprochen. Der radikale Individualist mit dem so modern anmutenden Lebensmotto „Simplify“ (Vereinfache) propagierte das genügsame Leben und die Selbstversorgung, wehrte sich gegen Steuern für Kirchen und Militärs, gesellschaftliche Normen und Konventionen, die den Menschen aus seiner Sicht notwendigerweise in die Verzweiflung trieben. Vehement kämpfte er für die Befreiung der Sklaven und erklärte jedes Leben im Überfluss für dekadent – einzig der Natur billigte er eben jene Überflussproduktion zu. Verweigerung bestimmte sein Denken, weniger die Organisation solidarischen Handelns gegen die von ihm gebrandmarkten Ungerechtigkeiten und gesellschaftlichen Missstände. Seine konsequente Haltung fließt auch in die scheinbar so unpolitische Beschreibung der Entwicklung der heimischen Flora ein, für Thoreau verbinden sich Wissenschaft, Kultur und politisches Denken zu einer Einheit. Das lässt seine universalistische Haltung, seine leidenschaftlichen Plädoyers für Nachhaltigkeit auch 150 Jahre nach seinem Tod so zeitlos erscheinen. Und da passen dann die Quitten vom Blocklander Biohof sehr gut in die Naturbeobachtungen des 19. Jahrhunderts.

Henry David Thoreau: „Wilde Früchte“. Illustrationen von Sonia Schadwinkel. A. d. Engl. v. Uda Strätling. Manesse, Zürich. 320 S., 99 .

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