Serie "Zusammenleben im Norden" Türkische Popmusik ist rar in Bremen

Bremen. Wer in Bremen zu türkischer Popmusik tanzen will, hat es schwer. Regelmäßige Tanzveranstaltungen oder eigene Clubs gibt es nicht. Vor einigen Jahren war die Szene noch lebendiger.
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Bremen. Wer in Bremen zu türkischer Popmusik tanzen will, hat es schwer. Regelmäßige Tanzveranstaltungen oder eigene Clubs gibt es nicht. Auch Konzerte sind eine Seltenheit. Vor einigen Jahren war die Szene noch lebendiger. Doch im November kommt Ferhat Göçer ins Pier 2.

Schon die ersten quäkigen Takte des Intros werden vom Publikum bejubelt. „Rakkas“ von Sezen Aksu, einer der Hits aus dem goldenen Zeitalter des türkischen Pop, kennt jeder. Die tragende Melodie wird im Original von einer Zurna, der orientalischen Oboe mit dem trichterförmigen Ende und dem durchdringenden Klang, gespielt. Heute Abend übernimmt der Keyboarder den Part, auch das Schlagzeug kommt aus dem Synthesizer und stampft deutlich eindringlicher als im Original. Bandleader Koray Arslan tänzelt am Bühnenrand vor und zurück und singt von der Tänzerin mit den „rosigen Brüsten“. Die Hochzeitsgäste tanzen ausgelassen und feiern jeden Refrain.

Arslan und seine Mitmusiker gehören zu einem festen Stamm von Bremer Musikern mit türkischen Wurzeln, die ihr Geld auf Hochzeiten verdienen. Gespielt werden viele Stile, manchmal internationale Hits, häufiger türkischer Pop, türkische Klassik oder türkische Volksmusik – je nach dem Geschmack der Hochzeitsgesellschaft. Gerade die Volksmusik, die, anders als ihr deutsches Pendant, auch bei jungen Leuten beliebt ist, verlangt den Musikern einiges ab. „In Deutschland musst du super fit sein, was regionale Musik angeht“, sagt Koray Arslan. In der Türkei gibt es viele musikalische Traditionen – streicherlastige, schnelle Tanzlieder in der Schwarzmeerregion, langsamere Stücke mit Dudelsack im Nordosten und noch mehr. Bei Feiern in Ankara, Samsun oder anderswo ist meist die jeweils lokale Volksmusik gefragt, doch im Schmelztiegel Deutschland herrschen andere Regeln, sagt Arslan. „Aus jeder Region kann ein Wunsch kommen.“

Hochzeiten und andere große Familienfeiern sind in Bremen oft die einzige Möglichkeit, türkische Musik in Tanzlautstärke zu hören. Anders als in Städten wie Hamburg oder Hannover gibt es hier keine türkischen Clubs oder regelmäßige Tanzveranstaltungen. Wenn die Stars der türkischen Popmusik überhaupt nach Deutschland kommen, liegt die Hansestadt selten auf ihrer Reiseroute. Das war früher anders, erinnert sich Davud Basaran, der als DJ Alem gut 15 Jahre türkischen Pop in Bremer Clubs aufgelegt hat. Die große Zeit des türkischen Pop waren die 90er-Jahre. Das Phänomen lässt sich vielleicht mit der Neuen Deutschen Welle der 80er vergleichen: Musik, die an internationalen Hits orientiert ist, trotzdem auf die eigene Kultur verweist und vor allem massenkompatibel ist. Über Satellitenfernsehen, Urlaub bei der Familie und importierte Tonträger kam sie auch bei jungen türkischstämmigen Deutschen an. Mit dem internationalen Erfolg von Tarkans „Simarik“ hatte die Musikrichtung sogar ihre eigenen „99 Luftballons“.

Davud Basaran legte 1996 zum ersten Mal Musik für ein türkisches Publikum in Bremen auf. „Ich hatte für einen ganzen Abend nur zwölf CDs. Manche Songs habe ich drei- oder viermal gespielt. Aber das Publikum hat nach jedem Stück applaudiert“, erinnert sich der 35-Jährige.

Bald gab es regelmäßige Tanzveranstaltungen, zunächst am Sonntagnachmittag, damit auch strengere Eltern ihre Töchter ausgehen ließen. Konzerte gab es auch: türkische Musiker, die eingeflogen wurden, aber auch einheimische Gruppen. Koray Arslan nahm damals eine CD mit türkischem Pop auf und verkaufte sie bei seinen Auftritten. Zu den Tanzveranstaltungen mit Basaran kommen teilweise mehr als Tausend Gäste, erzählt er.

Probleme mit Türstehern

Wie es dazu kam, dass in Bremen wenige Jahre später kaum noch türkische Musik öffentlich gespielt wird, ist unklar. Der Musikgeschmack der jungen Menschen habe sich geändert, sagt Basaran. Dann sei da noch die Wirtschaftskrise, die Krise der Musikindustrie. Außerdem habe es bei den Veranstaltungen immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Türsteherszene gegeben. Basaran versuchte sich gerichtlich gegen die Angreifer zu wehren, nachdem bei einer seiner Partys Eindringlinge seine Mitarbeiter verprügelt hatten. Die Männer hätten die Tür übernehmen wollen, um das Drogengeschäft im Laden zu kontrollieren, aber er habe sich geweigert, erzählt er. In naher Zukunft möchte Basaran nicht mehr auf türkischen Partys auflegen.

In dem düsteren Bild gibt es allerdings auch Lichtblicke. Zum einen besteht die türkische Musikszene nicht nur aus Mainstream-Pop. Einige Bremer Künstler und Kulturschaffende mit und ohne türkische Wurzeln nehmen sich anderer Aspekte der Musik an. Einer von ihnen ist der Jazzmusiker Peter Dahm. Kürzlich holte er den türkischen Chansonnier Zülfü Livaneli für zwei Konzerte in die Kulturkirche St. Stephani.

Zum anderen gibt es in den türkischen Hochzeitssälen Bremens sporadisch Tanzveranstaltungen und Konzerte mit Künstlern aus der Türkei. Hin und wieder nimmt auch jemand das Risiko auf sich und stellt ein größeres Konzert auf die Beine. Für Anfang November hat Hasan Küsneci, der Präsident des Bremer Fanclubs von Galatasaray Istanbul, den türkischen Konsens-Schmusesänger Ferhat Göçer ins Pier 2 verpflichtet.

„Göçer ist ein Phänomen – den hören Jung und Alt“, sagt Küsneci. Wenn das Konzert im November gut besucht wird, könnte das auch anderen Veranstaltern Mut machen. 1500 Besucher müssten in die Überseestadt kommen, damit sich der Aufwand rechnet.

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