Start des Überseefestivals 2020

Bremer Musikszene trotzt Corona

Die Bands Trackdrive und Liquid Orbit eröffneten das Überseefestival 2020 am ehemaligen Zollamt und sorgten trotz Corona für gute Stimmung unter den Anwesenden.
21.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gerald Weßel
Bremer Musikszene trotzt Corona

Henning Sauer (links) und Florian Gevers von der Band Trackdrive eröffnen das Überseefestival am ehemaligen Zollamt.

Frank Thomas Koch

Die Ablehnung ist eindeutig. Corona hat keine Freunde auf dem Festgelände am ehemaligen Zollamt, und Henning Sauer, Frontmann und Gitarrist von Trackdrive, beschimpft den Virus unflätig, ist aber zugleich überzeugt: „Wir lassen uns davon doch nicht unterkriegen.“ Zumindest an diesem Abend soll Henning Sauer recht behalten. Das Überseefestival 2020 am ehemaligen Zollamt hat trotz Pandemie begonnen und wurde von der Band Trackdrive musikalisch eröffnet.

Blick zurück, kurz bevor Trackdrive auf der Bühne steht: „Verdammte Rassisten!“ kommt die Stimme eines jungen Mannes vom Eingang. Ein Sicherheitsmann baut sich in respektvollem Abstand vor ihm auf – der Pandemie geschuldet. Es fallen einige Worte, doch Einsicht kehrt nicht ein. „Ich setz doch keine Maske auf“, brüllt sein Gegenüber und zieht schließlich von dannen. Was angeblicher Rassismus mit der fehlenden Maske, die Pflicht ist, wenn man als Zuschauer nicht an seinem Platz ist, zu tun haben soll, bleibt für Beobachter unklar.

Lesen Sie auch

Ansonsten blieb es am Einlass zur Premiere des diesjährigen Überseefestivals aber ruhig, wie auch Andrea Rösler, Projektkoordinatorin, auf Nachfrage bestätigt. 108 von 300 möglichen Gästen haben die Chance genutzt, unter Corona-Bedingungen Livemusik zu lauschen. „Das ist super, wir haben damit nicht gerechnet“, zeigt sich Rösler zufrieden. Für einen Mittwoch sei dies beachtlich.

Der Anblick hinter den hüfthohen Zäunen und den Ordnungspfeilen am plastikbewehrten Eingang ist allerdings noch immer gewöhnungsbedürftig: weit auseinanderstehende Tische, Warnschilder, maskierte Menschen, die mehr zögerlich als fröhlich umherlaufen, und kein einziges ausgelassen feierndes Grüppchen. Zuschauer, die gesellig beisammen stehen oder sitzen? Das ja. Aber wirkliche Feierlaune? Die kommt auf den ersten Blick nicht auf.

Die Stimmung lockert sich

Irgendwann setzt die Musik ein, und mit den ersten Tönen lockern sich nicht nur die Mienen der anwesenden Gäste auf, sondern auch die Stimmung wird merklich besser. Mit Trackdrive sorgt die erste von insgesamt 21 Gruppen an neun Abenden dieser und in der nächsten Woche für musikalische Unterhaltung.

Bei allen Musikern handelt es sich um bremische Bands – mit Ausnahme eines Abends, den der Club „Lila Eule“ gestaltet. Und sie alle schicken sich an, eine Open-Air-Flucht nach vorne angesichts der Pandemie anzutreten. Dementsprechend ist die Bandbreite des musikalischen Programms. Und was Trackdrive auf der Bühne am ehemaligen Zollamt bieten, lässt sich gut an, wenn man auch nur ein wenig mit klassischer Rock- und Popmusik anfangen kann.

Lesen Sie auch

Das Publikum beklatscht die selbst verfassten Texte der Gruppe, und mit zunehmender Dunkelheit und der Anzahl der ausgeschenkten Biere hält auch die anfangs noch fehlende Ausgelassenheit mancherorts zumindest gelegentlich Einzug. Aber der Eindruck bleibt: Eine große Party ist das nicht, auch wenn die Musik dies ermöglichen würde. Corona ist allgegenwärtig, und das drückt auf die Stimmung. Die einzelnen Zuhörer an den Tischen, die Pärchen und Kleingruppen bleiben unter sich, hören getrennt gemeinsam Musik. Immer wird Abstand gehalten und die Mund-Nasen-Bedeckung beim Verlassen des Platzes aufgesetzt.

Als zweiter Act des Abends tritt Liquid Orbit auf, die mit ihrem Psychedelic Space Rock den Auftakt des Festivals gekonnt abrunden. Ihre Musik kontrastiert die von Trackdrive angenehm, die selbst komponierten Stücke sind experimenteller als die ihrer Vormusiker und lassen mehr Freiraum für die Interpretationen der Zuhörer. Doch immer wieder sind auch hier Nuancen klassischer Rock- und Popmusik zu finden. Die Zuschauer beklatschen auch diesen Act, und am Ende des Abends darf ohne Umschweife gesagt werden: Der Auftakt des Überseefestivals ist gelungen und macht Lust auf die kommenden Abende.

Lesen Sie auch

Kreativität in der Krise beweist das Organisationsteam der Musikszene Bremen übrigens auch bei den Sitzgelegenheiten. Es gibt obligatorische Bänke samt Biertischen und handelsüblichen Stehtischen und außerdem mit Sonnenliegen besetzte Tribünen, die per Holztreppen erklommen werden. Der Blick auf die Bühne gerät zudem auch ohne Alkohol ins Wanken, sobald man auf den aufgestellten Hollywoodschaukeln Platz nimmt. Alles in allem lässt sich da nur sagen: Chapeau. Das Gelände ist liebevoll hergerichtet worden.

So wird das Festival zu einer Veranstaltung, die eine gute Chance für Künstler darstellt, ihr Können während der Pandemie zu zeigen und es gleichzeitig trotz Hygienekonzept locker anzugehen. „Wir sind sehr glücklich“, blickt Andrea Rösler vom Orga-Team am Donnerstag auf den ersten Abend zurück. „Es war ein fantastisches Opening, wir sind total happy“, sagt sie und freut sich auf die nächsten Konzerte: „Die Freude der Bands und der Besucher ist der schönste Lohn für uns.“

Weitere Informationen

Das Überseefestival findet diese und nächste Woche jeweils von Mittwoch bis Sonntag statt. Mittwochs bis Sonnabends: Einlass 18 Uhr, Beginn 19.30 Uhr, Ende 22 Uhr. Sonntags: Einlass 15 Uhr, Beginn 16 Uhr, Ende 20 Uhr. Generell gilt: Es sind an vielen Tagen nur noch wenige Karten verfügbar. Tickets gibt es auf ueberseefestival-bremen.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+