Sonntagskolumne „Müßiggang“ Überseestadt, Übungsfirma, Überraschung

So abgelegen klingt der weltläufige Name des wassernahen Quartiers in Bremen, als sei seine Distanz zur Innenstadt kategorisch unüberbrückbar. Es sei denn durch einen schnöden Bindestrich. Meint Hendrik Werner.
02.03.2019, 11:50
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Überseestadt, Übungsfirma, Überraschung
Von Hendrik Werner

Die Überseestadt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2019. Dies sind die Abenteuer der Buslinie 20, die mit ihrer 30 Sitz- und 60 Stehplätze starken Besatzung in tagsüber tollkühnem und abends aberwitzigem Takt eine ungeheuer lange Weile unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre vom historischen Zentrum entfernt dringt die Linie 20 in Galaxien vor, die kaum ein Mensch zuvor gesehen hat, weil ihm verständlicherweise die Muße fehlte, so lange auf den Bus zu warten.

Als Übungsfirma bezeichnet eine dem Müßiggänger verbundene Frau, die an der Konsul-Smidt-Straße arbeitet, das Ressort des Senators für Umwelt, Bau und Verkehr. Stadtplanungsschelte ist aus Perspektive etlicher Bremer angemessen, zumal im Wahljahr. Grund für die bittere Formulierung der Freundin ist die defizitäre Anbindung des neuen Ortsteils durch öffentliche Verkehrsmittel. Als habe man bei der Planung der Überseestadt deren infrastrukturelle Integration sozusagen übersehen – und sich aus Scham im eklatanten Mangel eingerichtet. Einerseits. Andererseits klingt schon der weltläufige Name des Quartiers so abgelegen, als sei dessen Distanz zu Bremen schwer überbrückbar. Außer durch einen schnöden Bindestrich.

Übersee steht im allgemeinen Sprachgebrauch nicht für etwas ein, was sich oberhalb eines Sees erhebt, sondern für Gebiete jenseits eines Meeres. Bremen wartet diesbezüglich mit einer imposanten Handelshistorie auf. Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen wären wohl weniger gedeihlich gewesen, wenn man statt Schiffen Busse der Linie 20 entsandt hätte. Umso sinniger sind Pläne, den Walle zugehörigen Ortsteil durch Schwimmstege und Brücken, Fähren oder/und eine Seilbahn besser zu erschließen, lies: ihn überhaupt erreichbar zu machen.

Vielleicht lässt sich ja eingedenk der betulichen Buslinie 20 eine kühne Mobilitätsidee für die abgehängte Überseestadt reaktivieren: der Transrapid. Um nicht zu sagen: Wenn Sie vom Bremer Hauptbahnhof mit zehn Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen in der Überseestadt Ihren Flug.

„Ob er aber über See oder ob er aber über Land, ob er aber durch die Luft oder ob er aber überhaupt nicht kommt, ist nicht gewiss“, trällert meine Oma.

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