Bremen Unbeglichene Rechnung

Erinnerungen sind wie Seeigel. Wenn man hineintritt, tut es höllisch weh, die Stacheln eitern lange im Fleisch weiter.
03.07.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Philip Hedemann

Erinnerungen sind wie Seeigel. Wenn man hineintritt, tut es höllisch weh, die Stacheln eitern lange im Fleisch weiter. Aber die ausgetrockneten Skelette sind wunderschön“, sagt Anabella Mbanze Rai. Sie ist eine von rund 20000 Mosambikanerinnen und Mosambikanern, die in Fabriken, Schlachthöfen, Bergwerken und anderen „volkseigenen Betrieben“ der DDR schufteten. Auf einen Großteil ihres Lohns warten die Gastarbeiter aus dem damaligen sozialistischen Bruderstaat noch heute. Über dieses kaum bekannte Kapitel deutscher Geschichte hat die Hamburger Künstlerin Birgit Weyhe die ausgezeichnete Graphic Novel „Madgermanes“ gezeichnet und geschrieben.

Anabella musste nicht in einen Seeigel treten, musste sich nicht unter Schmerzen erinnern. Sie hat nie gelebt. Sie ist eine der drei fiktiven Protagonisten aus „Madgermanes“. In dem 237 Seiten starken Buch kreuzen sich im Ostberlin der 80er-Jahre die Wege der unbeirrbaren Anabella mit denen des zunächst lebenslustigen, später wütenden Basilio und des zurückhaltenden, später resignierten José. Auch sie sind aus Mosambik gekommen, auch sie erleben in der DDR und im Nachwende-Deutschland Einsamkeit, Heimatlosigkeit und Rassismus – aber auch die vielleicht glücklichsten Tage ihres Lebens.

Damit Anabella, José und Basilio in der Phantasie der Erzählerin und Zeichnerin entstehen konnten, mussten sich viele real existierende Menschen schmerzhaft erinnern. Seit 25 Jahren kämpfen in Mosambik ehemalige Vertragsarbeiter, die in ihrer Heimat als Madgermanes verspottet werden, dafür, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. In DDR-Fahnen gehüllt ziehen sie jeden Mittwoch laut trommelnd durch die Hauptstadt Maputo. Im Rahmen der „sozialistischen Bruderhilfe“ wurden sie in den 70er- und 80er-Jahren in die DDR geschickt. Als die sich auflöste, waren die zuvor inflationär gebrauchten Begriffe „Solidarität“, „Völkerfreundschaft“ und „Bruderhilfe“ aus der Mode geraten, in Deutschland waren die Mosambikaner unerwünscht. Die meisten kehrten in ihre Heimat zurück. Zuvor hatten Ost-Berlin und Maputo vereinbart, dass die Vertragsarbeiter 40 Prozent ihres Lohnes sofort, die übrigen 60 Prozent nach ihrer Rückkehr erhalten sollten. Doch als die Heimkehrer ihr Geld einforderten, war angeblich nichts da. Viele der Madgermanes landeten im sozialen Abseits.

In Mosambik und Deutschland interviewte Weyhe viele verbitterte und wenige zufriedene ehemalige Gastarbeiter und destillierte aus deren Erinnerungen ihre drei Protagonisten. Einer ihrer Gesprächspartner war Emiliano Chaimite. 1986 kam er als 19-Jähriger nach Magdeburg, um in einer Gießerei zu arbeiten. Von den 18000 Ostmark, die damals von seinem Lohn einbehalten wurden, hat er vor zwei Jahren von der mosambikanischen Regierung rund 350 Euro erhalten. „Das Buch ist ein tolles Dokument und ein Mahnmal für das Unrecht, das mir und anderen DDR-Vertragsarbeitern widerfahren ist“, sagt Chaimite 30 Jahre, nachdem er mit großen Erwartungen in der DDR ankam. Er lebt heute in Dresden, hat mit einer deutschen Frau ein Kind und nennt die sächsische Hauptstadt sein Zuhause. Doch wie die Protagonisten aus „Madgermanes“ wusste auch Chaimite viele Jahre nicht, wo er hingehört.

Die Autorin und Illustratorin Birgit Weyhe kennt dieses Gefühl. Als sie drei Jahre alt war, verschlug es sie mit ihrer Mutter nach Uganda und Kenia. Erst mit 19 Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück. „Es hat wahnsinnig lange gedauert, bis ich mich zu Hause gefühlt habe“, so Weyhe, die sich seit ihrer Rückkehr in eine fremd gewordene Heimat intensiv mit Entfremdung, Integration, Ausgrenzung und Heimweh auseinandersetzt. Das diffuse Gefühl der Entwurzelung, des Noch-Nicht- und des Nicht-Mehr-Dazugehörens hat die Historikerin, Germanistin und Illustratorin in „Madgermanes“ in eine teils assoziative Bildsprache, die allegorisch-ornamentale Motive aus Mosambik und der DDR vereint, umgesetzt. Mit ihren Darstellungen, die ohne vereinfachende Klischees auskommen und in einen Dialog zwischen europäischer und afrikanischer Kultur treten, gelingt es ihr, eine spannende, traurige und manchmal auch lustige Geschichte zu erzählen und Emotionen sichtbar zu machen, die nur schwer in Worte zu fassen sind. Die deutschen Figuren haben dabei weiße Gesichter, die mosambikanischen Figuren schimmern bronzefarben. „Ich wollte die Mosambikaner nicht schwarz malen. Das hätte leicht wie eine Karikatur wirken können. Mit der Farbgebung wollte ich sie veredeln“, sagt die 46-Jährige, die für „Madgermanes“ mit dem „Max und Moritz-Preis“ und dem Preis der Berthold Leibinger Stiftung, den beiden wichtigsten Preisen für Comics und graphische Literatur im deutschen Raum, ausgezeichnet wurde.

Obwohl die Handlung überwiegend in den 80er- und frühen 90er-Jahren spielt, ist die gezeichnete Dokumentation auch heute von trauriger Aktualität. In „Madgermanes“ machen alle Protagonisten Erfahrung mit Rassismus, Basilio muss sogar erleben, wie ein entfesselter Mob das Vertragsarbeiterheim in Hoyerswerda angreift. Als Birgit Weyhe vor neun Jahren mit den Recherchen begann, hatte sie nicht damit gerechnet, dass Fremdenfeindlichkeit in Deutschland bei Erscheinen ihres Buches wieder Schlagzeilen bestimmen und Wahlen entscheiden würde. „Es ist erschreckend, wie Geschichte sich wiederholt und offensichtlich so wenig daraus gelernt wird“, sagt die Autorin. Auch Emiliano Chaimite holte die Vergangenheit in Dresden ein, Pegida-Anhänger marschieren inzwischen durch Dresden. „Ich hätte nicht gedacht, dass es in Deutschland noch mal so weit kommen würde “, sagt Chaimite, der mehrfach rassistisch beschimpft und zwei Mal angegriffen worden ist.

Birgit Weyhe: Madgermanes. avant, Berlin. 237 Seiten, 24,95 €.

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