Performance „Torture the Artist“ auf Platz 12

Und läuft und läuft und läuft ...

Tatort: Pauliner Marsch. Platz 12.Vorspiel an der Seitenlinie. Vier Akteure (Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt, Justus Ritter, Matthieu Svetchine) in Trainingskledage (mit Wiesenhof-Schriftzug).
17.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Und läuft und läuft und läuft ...
Von Hendrik Werner

Tatort: Pauliner Marsch. Platz 12. Schnürlregen vor Vorstellungsbeginn. Ponchos werden verteilt. Doch beizeiten bricht die Sonne durch. Das Publikum nimmt auf der – überdachten – Tribüne Platz. Auf dem Spielplan steht „Torture the Artist“, eine Perfomance von Alexander Giesche.

Nach Motiven des gleichnamigen Romans von Joey Goebel. Abrechnung mit der Unterhaltungsindustrie. Erschien 2004; deutscher Titel „Vince“. So heißt der bedauernswerte Protagonist. Der wird Spielball der Vision eines sterbebettlägrigen Medientycoons, der eine Akademie für Wunderkinder begründet hat. Betriebshypothese: Kunst entsteht aus Entsagung, Leiden, Unglück.

Vorspiel an der Seitenlinie. Vier Akteure (Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt, Justus Ritter, Matthieu Svetchine) in Trainingskledage (mit Wiesenhof-Schriftzug). Verhaltener Fan-Singsang mit Keyboard-Begleitung (Musik: Ludwig Abraham). Keywords: Meister, Champions. Dann trotten/traben sie zu den Eckfahnen und wechseln die Garderobe (Kostüme: Emir Medic). Kenntlich werden Platzwartin (Kleinschmidt), Trainer (Svetchine), Drill Instructor (Geyersbach).

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Der Bremer Vince (Justus Ritter) trägt Rückennummer 33. Er macht sich warm. Und läuft und läuft und läuft. Runde um Runde um den eckigen Rasenplatz, dessen nasse Halme in der milden Abendsonne glänzen. Vor den Augen des Trainers, der im Anzug auf der Trainerbank Platz nimmt, vis-à-vis der Zuschauertribüne. Vor den Augen der Platzwartin, die per Elektrowagen die Spielfeldbeschaffenheit prüft. Angetrieben durch maßregelnde Worte der Drill-Maestra, die dem Schützling – immerhin – Runde um Runde Wasser zuwirft. Ein Tor würde dem Spiel gut tun. Torture the Audience?

In der literarischen Vorlage, die Giesche nur punktuell beleiht, erhält der gerade siebenjährige Vince einen Brief seines Mentors. Darin heißt es: „Wir werden Dir geben, was du brauchst, aber versagen, was Du willst. Wir werden dafür sorgen, dass alles, was Du für Dein Glück brauchst, knapp außerhalb Deiner Reichweite bleibt.“ Damit Vinces Torturen in Sichtweite des Publikums bleiben, gibt es Ferngläser für die Zuschauer, später Bratwurst und Bier. Brot und Spiele. „Jetzt denken wir uns mal den Rasen weg“, steht auf dem Tank des mobilen Bierzapfers. Vögel zwitschern Serenaden. Die Schatten werden länger. Allenfalls das anschwellende Johlen aus der Konserve bricht das meditative Setting. Ein Tor würde dem Spiel gut.

Eine einzelne Schwalbe fliegt flach über das Feld. Einen Sommer macht sie naturgemäß noch nicht. Vince läuft und läuft und läuft. „Du wirst nie glücklich sein“, sagt die Platzwartin, die mit ihrem Elektrowagen schneller ist als der Athlet, der einen Artisten vorstellen soll. Die Fangesänge schwellen an. Am Spielfeldrand gegenüber rauft sich der Trainer die Haare. Die Platzwartin steckt bengalische Fackeln ins Gras. Die Sonne zieht sich hinter die Bäume zurück. Es wird kühl. Ein Tor würde dem Spiel.

Nach mehr als einem Dutzend Runden pausiert Vince und erzählt der Platzwartin von Fledermäusen in Blumenthal und anderswo. Dann läuft er wieder. Und läuft. Und läuft. Auf einem Bierkasten hält der Trainer eine tonlose Rede. Elegische chorische Musik hebt an. Die Platzwartin entfacht die bengalischen Fackeln. Fantastische Farben, atemberaubender Qualm. Torture the Audience! Dann verhallt die Musik, der bunte Nebel verzieht sich. Und Vincent, dieser Tor, den seine Drillinstruktorin just zum Herrscher der Welt erklärt hat, Vincent also, was soll man sagen, der läuft immer noch und immer wieder und immer weiter. Wacker. Ein Tor würde dem.

Dann – endlich! – kommt der Ball ins 90-minütige Spiel (ohne Pause). Ein Ball? Viele Bälle! Die Platzwartin katapultiert sie kraftvoll auf die rechte Spielfeldhälfte. Die Drillinstruktorin spritzt manisch mit Wasser, als verkörpere sie ein Feuerwerk neuen Typs. Der Trainer frönt dem Mienenspiel ohne Ball. Und Vince – endlich! – unterbricht seine Lauf-Fron und wendet sich mit einer Rede an das Publikum. Die Ansprache gipfelt im Satz: „Ich möchte wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.“ Dann tritt Vince ab. Auf der anderen Platzseite zanken lautkehlig zwei Vögel. Rasensprenganlagen setzen ein. Die Drillinstruktorin bläst einen Ballon auf. Kleiner als in Giesches Performance „We disappear“ (2014), aber immerhin. Ein Musikpotpourri mündet in „You Never Walk Alone“. Die Rasensprenganlage setzt aus. Die Spieler sind keineswegs schwach, und doch sind die Flaschen mittlerweile leer. Zeremonienmeister Alexander Giesche hat offenbar noch immer nicht fertig. Ein Tor würde.

Hinter der Tribüne branden Geräusche auf. Mehr Rhythmus als Musik. Schlachtgesänge einer Soldateska? Chorische Einstimmung einer Cheerleader-Crew? Drill ist die vornehmste Übung des Leidens, sein Takt ein Staccato. „Ich halte den Druck einfach nicht mehr aus“, sagt der Trainer, der mit Decke, Sekt und Banane auf dem Platz picknickt. Vince kommt zurück und gleichsam zu sich selbst: im Batman-Kostüm. Hamsterrad-Ausstieg, Ende des Leidens, Zeit für Helden der Verweigerung? Oder ist es ein „Birdman“-Dress? Der Trainer schlenzt einen Ball gegen den Pfosten. Aus dem Hintergrund müsste die Drillinstruktorin mit dem Ballon schießen. Sie schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Finally.

Auf den späten Befreiungsschlag – nach vielen hübschen Ideen und noch mehr absichtsvollem Leerlauf – folgt das vitale Performance-Finale. 16 Werder-U-17-Kickerinnen ziehen vogelschwarmgleich auf den Platz. Sie trainieren Pässe, Dribbeln, Teamgeist. (Coach: Alexander Kluge; Koordination der jungen Talente: Christiane Renziehausen). Und siehe: Plötzlich ist elegante Bewegung im Spiel, das freilich just zur Neige geht. Torjubel, Rasenrutschen, Spielerpyramide inbegriffen. Leistung und Drill können lohnend sein. Die Dernière von „Torture the Artist“ an diesem Sonntag um 20.30 Uhr auch. Für Zuschauer, die moderater Monotonie meditative Momente abtrotzen können.

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