Extrabreit im Lagerhaus Und milde lächelt Herr Kleinkrieg

Ausverkauft und rappelvoll: Auf ihrer Weihnachts-Blitztournee machten Extrabreit am Samstag Station im Bremer Lagerhaus und begeisterten viele Bremer mit ihrem Konzert. Eine Kritik.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Und milde lächelt Herr Kleinkrieg
Von Markus Peters

„Keine Abendkasse ‒ ausverkauft“ prangt in großen Buchstaben auf dem Plakat vor dem Eingang des Lagerhauses. So wie in Bremen ist es auf vielen Stationen der „Weihnachts-Blitztournee“ von Extrabreit. Berlin, Bochum, Hamburg, Hannover, München, Köln ‒ alles pickepackevoll. 40 Jahre nach der Gründung feiert die Band um Sänger Kai „Havaii“ Schlasse und Gitarrist Stefan „Kleinkrieg“ Klein plötzlich wieder große Bühnenerfolge, obwohl ihr letztes Studioalbum „Neues von Hiob“ aus dem Jahr 2008 stammt. So ist es denn wohl auch ein gehöriger Schuss Nostalgie, die Sehnsucht nach den guten, alten Zeiten, die Erinnerung an eine rebellische Jugend, die das Publikum, im Durchschnitt weit über 50 Jahre alt, in Scharen in den Saal treibt. Sogar die Garderobe musste wegen Überfüllung geschlossen werden.

Und so erklimmen vier Herren im rentennahen Alter und ein jüngerer Kollege ‒ begleitet von einem Potpourri ihrer größten Erfolge, gespielt vom Philharmonischen Orchester der Heimatstadt Hagen - die Bühne und legen gleich kräftig los, um, wie es Sänger Kai Havaii sagt, den „guten, alten Deutsch-Rock zu würdigen“. Eigentlich passte das Etikett „Neue Deutsche Welle“ auf Extrabreit nie so richtig. Die fünf Herren hatten mit den Soundexperimenten aus Düsseldorf (DAF, Fehlfarben, Der Plan) oder Berlin (Einstürzende Neubauten“) genauswenig am Hut wie mit den Blödelkapellen Hubert Kah, Frl. Menke oder Markus, die tonnenweise von der Tonträgerindustrie auf den Markt geworfen wurden, um den kommerziellen Erfolg der Welle auszuschlachten.

„Ja, wir haben den Scheiß eben mitgemacht“, sagt Extrabreit heute achselzuckend dazu. Was sollten sie auch sonst tun. Sie waren jung und wild und brauchten das Geld. Aber eigentlich hätte man schon damals nur auf den eigentlichen Kopf der Band, den stets finster dreinblickenden Gitarristen Stefan „Kleinkrieg“, schauen müssen, um die Essenz von Extrabreit zu erkennen. Und die war stets Rock’n’Roll mit subversiven deutschen Texten. In der klassischen Besetzung: zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Gesang. Keine Keyboards, hin und wieder ein paar Effekte. Mehr nicht. Und immer noch jagt „Kleinkrieg“ seine goldfarbene Gibson Les Paul durch einen Marshall-Röhrenverstärker. Die definitive Terror-Ausrüstung des Rock’n’Rolls. Vierzig harte Bühnenjahre haben auf der Gitarre allerdings genauso viele Spuren hinterlassen wie im Gesicht von „Kleinkrieg“, der übrigens wie auch Keith Richards bei den Rolling Stones in der Mitte des Sets zwei Stücke singt. Übrig geblieben von der Erfolgsbesetzung aus 1980 ist auch der Schlagzeuger Rolf Möller. Hinzugekommen sind im Laufe der Jahre Bubi Hönig und Lars „Larsson“ Hartmann, der den 2007 verstorbenen Bassisten Wolfgang „Hunter“ Jaeger ersetzt. Der stammte wie auch Möller aus dem Dunstkreis der Krautrock-Band „Grobschnitt“, die den Grundstein für die Hagener Szene legte, aus der auch Nena, die sich mit Extrabreit einst den Proberaum teilte, oder die Schwestern Inga (Neonbabies, 2raumwohnung) und Annette Humpe (Ideal, Ich+Ich) hervorgingen. „Komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück“, sang damals Kai Havaii selbstironisch, der übrigens als Einziger nicht mehr in Hagen sondern in Hamburg lebt. Vielleicht spielen sie deshalb auch diesen Song an diesem Abend in Bremen nicht, stattdessen aber alle Klassiker von „Polizisten“ (Textauszug: „Polizisten rauchen Milde Sorte, denn das Leben ist doch hart genug.“), über „Der Präsident ist tot“ und „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ (aus bekannten Gründen ohne Hilde Knef) bis zum Hans-Albers-Klassiker „Flieger, grüß mir die Sonne“.

„Hart wie Marmelade“ kommt zunächst als Countryrock daher, bevor es mit der zweiten Strophe und „Meine große Freiheit liegt in Bremerhaven“ die gewohnte punkrockige fahrt aufnimmt. Auch wenn „Hurra, hurra, die Schule brennt“ mehr die Kinder des Publikums begeistern dürfte: „Es gibt immerhin noch den zweiten und dritten Bildungsweg“, erinnert Havaii, bevor er nach hundert amüsanten Minuten mit der Ballade „Junge, wir können ja so heiß sein“, die wunderbar die Tristesse einer Jugend am Rande des Ruhrgebiets beschreibt, die Bühne verlässt. Die Band spielt das bluesrockige Rausschmeißer-Muster ein wenig weiter, bevor sie die Instrumente zur philharmonischen Version ihres ganz und gar nicht jugendfreien Hits „Annemarie“ final in die Ständer stellt. Großer Applaus. Undam Ende lächelt selbst der stets finster dreinblickende Herr Kleinkrieg milde.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+