Einmaliges Angebot entfällt Uni streicht zwei Professuren

Die Professur für Kulturgeschichte Ostmitteleuropas mit Schwerpunkt Tschechoslowakei soll an der Bremer Uni zum Sommer 2018 beendet werden. Die betroffene Professorin Martina Winkler ist enttäuscht.
22.03.2017, 21:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Dominik Albrecht

Das deutschlandweit einmalige Angebot soll an der Bremer Universität zum Sommer 2018 beendet werden. Die betroffene Professorin Martina Winkler ist enttäuscht.

„Universität Bremen. Exzellent.“ Damit wirbt die Bremer Bildungseinrichtung seit 2012. Dazu gehört auch eine Professur zur „Kulturgeschichte Ostmitteleuropas mit Schwerpunkt Tschechoslowakei“ – ein deutschlandweit einmaliges Angebot. 2018 endet der Förderzeitraum des Bundes, und nach einer eindeutigen Evaluation möchte die Uni den Schwerpunkt nicht weiterführen. Die betroffene Professorin Martina Winkler ist enttäuscht: „Es ist frustrierend zu hören, dass wir mit unseren Unterstützern nicht genug geleistet haben.“

Noch bis zum Sommer 2016 war Winkler optimistisch, dass die Professur bestehen bleibt: „Uns wurde die Übernahme nie versprochen, aber wir haben gute Arbeit gemacht.“ Das scheint sich nach Einschätzung der Unileitung nun geändert zu haben. Im Februar wurde Winkler davon in Kenntnis gesetzt, dass ihre Professur zum Sommer 2018 vertragsgemäß beendet wird. Ein Kurswechsel, der Martina Winkler getroffen hat: „Ich bin in Bremen angekommen, und fühle mich in der Uni sehr wohl. Hier ist mir vieles wichtig.“

Widerstand scheint vergebens

Neben Enttäuschung macht sich aber auch Unverständnis bei der Professorin breit. Die Uni-Leitung habe die Anforderungen an die Professur intransparent formuliert. „Uns wurde vorgehalten, dass die Zusammenarbeit mit der Politikwissenschaft unzureichend sei, was nicht stimmt. Außerdem war das vorher nie ein Kriterium, welches für die Evaluation genannt wurde“, kreidet Martina Winkler an.

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Bernd Scholz-Reiter, Rektor der Universität Bremen, ist überrascht von der Reaktion: „Normal erkennen die Professoren das Ergebnis der Evaluation an, aber diesmal läuft das scheinbar anders.“ Doch der Widerstand Martina Winklers scheint vergebens; die Ergebnisse der Evaluation wiegten zu schwer. Eine Evaluation ist ein wissenschaftsgeleiteter Prozess, der aus mehreren Teilen besteht.

Aus einem Selbstbericht der bewerteten Professoren, einer Stellungnahme des Fachbereichs, einer Bewertung durch den Dekan sowie international hinzugezogenen Gutachten ergibt sich eine Prognose, wie sehr sich eine Professur bewährt hat. „Selbstverständlich ist uns bewusst, dass da Menschen dran hängen, aber über das Ergebnis hat das gesamte Rektorat einstimmig entschieden“, erklärt Scholz-Reiter.

Einzigartigkeit begründet keine Ausnahme

Dagegen könne auch die jüngst gestartete Online-Petition mit rund 400 Unterschriften nichts ausrichten. „Die Petition nützt nichts. Das Evaluationsverfahren ist sehr seriös. Ich kann das Ergebnis nicht ignorieren. Damit würden wir Entscheidungen denen überlassen, die die meisten Petitionen ins Laufen bringen“, fasst Bernd Scholz-Reiter zusammen.

Kann denn auch die Einzigartigkeit der Professur keine Ausnahme begründen? Nein, wie Scholz-Reiter betont: „In den Geisteswissenschaften gibt es Hunderte von einzigartigen Professuren, aber dadurch hätten wir immer noch kein Profil.“ Zwar gesteht er der Professorin zu, einiges erreicht zu haben, wovon der Gesamtbereich der Osteuropa-Forschung jedoch nicht an Profil gewonnen habe.

„Wir haben zwei Osteuropa-Professuren, was schon viel für eine mittlere Universität ist. Wir dachten, wenn wir die noch weiter stärken, geht es noch weiter nach vorne. Aber das ist leider nicht eingetreten“, begründet Scholz-Reiter. Auch die von Martina Winkler und ihren Unterstützern ins Feld geführten internationalen Kontakte rechtfertigen für den Rektor noch kein außergewöhnliches Netzwerk. „Dass ein Tschechien-Professor Kontakte nach Tschechien hat, ist schön, aber gehört zur Professur“, hält Scholz-Reiter fest.

"Gerade Professorgen müssen rechtzeitig wissen, wann ihre Professuren enden."

Dementsprechend gelassen reagiert der Rektor der Bremer Uni auch auf die Kritik Martina Winklers, dass die Evaluation nach zweieinhalb Jahren sehr frühzeitig stattfand. „Wir hatten keine Zeit, Projekte über längere Zeit vorzubereiten. Bei so einem kurzen Zeitraum muss man realistisch sein und seine Anforderungen herunterschrauben“, findet Winkler.

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Das sieht Bernd Scholz-Reiter ganz anders. „Der Evaluationszeitraum wird für alle von vornherein festgelegt. Da muss man auch fair gegenüber anderen Kollegen sein“, sagt Scholz-Reiter und verweist auf Fürsorgegründe: „Gerade Professoren müssen rechtzeitig wissen, wann ihre Professuren enden. Ohne diesen Vorlauf würden viele ohne Anstellung dastehen.“

Die Vorsitzende des Bremer Rates für Integration, Libuse Cerna, möchte sich dennoch nicht mit der Entscheidung des Rektorats zufrieden geben. Sie sieht in der Professur ein Aushängeschild für Bremen. „In der aktuellen politischen Situation und mit der Professur als Alleinstellungsmerkmal halte ich die Abschaffung für ein falsches Signal“, erklärt die gebürtige Pragerin.

Entscheidung nach rein wissenschaftlichen Kriterien

Besonders mit der anstehenden Eröffnung eines deutsch-tschechischen Kulturfestivals habe Winkler ein „herausragendes Projekt mit politischer Bedeutung“ geschaffen. Ihr Verständnis für den Rektor der Bremer Uni hält sich in Grenzen: „Ich verstehe Herrn Scholz-Reiter, dass er manche Verträge übernimmt und andere nicht. Aber man muss inhaltliche Prioritäten setzen, und politisch sollte man das hier tun.“

Eine Meinung, die Bernd Scholz-Reiter nicht teilt. Er sieht sich in der Pflicht, nach rein wissenschaftlichen Kriterien zu entscheiden. „Für uns geht es darum, ob wir das Wissenschaftsgebiet gut aufstellen können“, skizziert er. Der politische Druck würde hingegen von außen entstehen. Selbst in diesem konkreten Fall habe er ein Schreiben vom tschechischen Außenministerium bekommen. Vergebene Liebesmüh, denn: „Ich kann mich vom Außenministerium nicht überzeugen lassen, die Professur zu halten. Dann müssten die das auch zahlen.“

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