"Kulturszene Bremerhaven": Das Stadttheater

„Uns ist die Gratwanderung gelungen“

In unserer Serie "Kulturszene Bremerhaven" widmen wir uns den Theatern, Museen und anderen Kultureinrichtungen in der Schwesterstadt. Den Anfang macht das Stadttheater. Intendant Ulrich Mokrusch im Interview.
19.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Uns ist die Gratwanderung gelungen“
Von Iris Hetscher

Herr Mokrusch, welche Rolle spielt das Stadttheater Bremenhaven in der Stadt?

Ulrich Mokrusch: Das Theater ist die zentrale Kultureinrichtung in Bremerhaven, und zwar seit mehr als 100 Jahren. Es gab hier schon ein Theater, da gab es noch kein Rathaus. 1911 haben die Bremerhavener sich dieses Theater mit 1000 Plätzen hingestellt, das war ein Statement für diese Stadt, sicher auch als Abgrenzung zu Bremen.

Ist die Identifikation der Bürger mit dem Theater heute noch genauso groß?

Zum einen haben wir wirklich erfreuliche Besucherzahlen. Durchschnittlich kommen 140.000 Besucher pro Spielzeit, das bedeutet für eine Stadt von knapp 114.000 Einwohnern schon ein echtes Commitment. Ich merke es aber auch bei Begegnungen. Bei unserer ersten Vorstellung nach dem Lockdown haben mir Menschen erzählt, sie hätten geweint, weil das Theater jetzt wieder spielt. Ich musste auch schlucken, weil ich gemerkt habe, wie stark die Verbindung mit diesem Theater hier ist.

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Mischt sich das Theater in die Debatten und Diskurse der Stadt ein?

Das ist seit meinem Amtsantritt als Intendant das zentrale Thema. Wir haben Theater in die Stadt hinein gebracht, haben an unterschiedlichsten Orten gespielt, im Fischereihafen, im Amtsgericht, im Schifffahrtsmuseum; das waren jedes Jahr zwei Produktionen, die nicht hier im Gebäude stattgefunden haben. Wir haben mit sehr vielen Gruppen kooperiert. Das hat eine enorme Öffnung des Theaters bewirkt; gleichzeitig haben wir auf der Bühne viele Themen aus der Stadt aufgegriffen.

Welche beispielsweise?

Ganz konkret haben wir beispielsweise ein Stück über den Norddeutschen Lloyd gezeigt oder von Dirk Laucke eine Uraufführung zum Thema Globalisierung und Häfen. Aber wir haben Kultur auch als Motor der Stadtentwicklung gesehen.

Wie ist das zu verstehen?

Wir haben eine Flatrate für Studenten eingeführt, finanziell schwach gestellte Menschen können umsonst ins Theater gehen, wir kooperieren beispielsweise mit der Arbeiterwohlfahrt, den Kirchen und diversen Vereinen. Aber wir haben uns auch eingebracht in die Zukunftswerkstatt Bremerhaven, die sich damit befasst, wie die Stadt in 20 Jahren aussehen soll. Auf der Bühne ist über Stadtgeschichte diskutiert worden. Wir sind ganz klar auch Teil des Aufbruchs Bremerhaven.

Großes Thema in allen Theatern ist immer: Wie komme ich ran an die jungen Menschen. Wie machen Sie das?

Wir haben 2011 ein Kinder- und Jugendtheater gegründet, zunächst ganz klein, mittlerweile mit eigener Spielstätte und festem Ensemble. Und 80 Prozent aller Schulen sind Partnerschulen des Theaters. Die kommen mindestens zwei Mal pro Jahr und werden in Workshops eingebunden. Wir orientieren uns dabei an Themen, die die Jugendlichen umtreiben, Migration oder Mobbing beispielsweise. Mittlerweile gibt es eine Flatrate für Schulen, das heißt, wir sammeln das Geld einmal pro Jahr über den Förderverein ein und nicht mehr jedes Mal von jedem Schüler. Das hat dazu geführt, dass die Schulen mittlerweile das Programm des jungen Theaters zu 100 Prozent auslasten. Es ist uns jetzt gelungen, über Landesmittel zwei Schauspieler und einen Theaterpädagogen zusätzlich einzustellen.

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Welches künstlerische Profil haben Sie dem Stadttheater in den vergangenen zehn Jahren Ihrer Intendanz gegeben?

Uns ist es wichtig, einen breit aufgestellten Spielplan zu haben, von Barock bis Moderne. Wir zeigen die Musicals „Der kleine Horrorladen“ oder „Chicago“, aber auch ein modernes Drama wie „Vögel“. Mir ist es außerdem wichtig zu zeigen, dass Oper in der Gegenwart verankert ist. Und auch im Schauspiel gibt es regelmäßig Uraufführungen. Wir begreifen Theater nicht als Museum, wir wollen die Menschen mitnehmen in neue Welten. Manchmal gehen Publikumsanspruch und Vorstellungen des Theaters nicht zusammen. Dann ist der Intendant ambitioniert, das Publikum aber sauer, weil es seine gewohnte Sichtweise auf die „Tosca“ behalten will.

Ambitionen haben Sie auch.

Ja, aber uns ist die Gratwanderung gelungen. Wir haben für unsere Produktionen Preise erhalten, gleichzeitig haben wir keine Abonnenten und Zuschauer verloren. Wir kommunizieren sehr viel und intensiv, dadurch ist Vertrauen entstanden. Das Publikum hat nicht den Eindruck, dass es bei uns veräppelt wird. Das heißt nicht, das alle immer alles toll finden, aber sie gehen davon aus, dass wir uns schon etwas dabei gedacht haben und lassen sich darauf ein.

Sie reden selbst mit den Zuschauern?

Wir haben ja viele Zuschauer, die mit Bussen anreisen. Denen sagen wir bei strittigen Positionen vorher: Bringt etwas Zeit mit, lasst uns danach mal reden über die Vorstellung. Klar, das mache ich dann, wenn es geht. Und es zahlt sich aus.

Sie inszenieren auch. War das Bedingung, als Sie den Vertrag unterschrieben haben?

Das war meine Bedingung, und die Stadt hat das auch gewollt. Mein Vorgänger Peter Grisebach hat ebenfalls Regie geführt. In den ersten beiden Jahren habe ich nur eine Inszenierung gemacht, in den Jahren danach dann zwei pro Jahr. Das ist mir auch deswegen wichtig, weil ich den Künstlern und Mitarbeitern am Theater in der Funktion des Regisseurs ganz anders begegne, als wenn ich nur Intendant wäre. Es kommt eine weitere Vertrauensebene, eine ganz andere Nähe hinzu, und außerdem sehe ich ganz praktisch, an welcher Stelle es hakt im Haus, wo wir umorganisieren müssen oder wo Unterstützung notwendig ist.

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Wie für alle Häuser bundesweit war es wahrscheinlich auch für Sie eine Herausforderung, die aktuelle Spielzeit zu planen, oder?

Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise war mir sehr danach, einfach ein opulentes Spielzeitheft zu veröffentlichen. Alle haben uns belächelt, aber: Wir setzen es jetzt tatsächlich fast genauso um, wie wir es angekündigt hatten. Das Motto ist: Mehr spielen, weniger produzieren ...

... das heißt?

Schillers „Kabale und Liebe“ verlegen wir ins Kleine Haus, die Oper „Lucia di Lammermoor“ von Donizetti nehmen wir raus. Ohne Chor und in nur 90 Minuten, das geht nicht. Wir haben, anders als in Oldenburg und Bremen, das Abo-System behalten. Wo es schwierig wird, beispielsweise bei den Konzerten, spielen wir dann sechs Mal statt drei Mal und auch ansonsten gibt es mehr Vorstellungen einer Inszenierung. Das führt im Moment bei der reduzierten Anzahl an Plätzen dazu, dass wir andauernd ausverkauft sind. Das ist toll, weil es alles anschiebt; die Leute sehen, man muss keine Angst haben, da kann man wieder hingehen. Das trägt viel zur Atmosphäre rund um das Haus bei. Aber wir haben den Abonnenten auch angeboten, zu pausieren mit dem Abo. Von 3000 haben ungefähr 100 davon Gebrauch gemacht.

Das Theater Bremen geht davon aus, in dieser Spielzeit nurrund ein Fünftel der üblichen Einnahmen erlösen zu können. Wie ist das bei Ihnen?

Unser ambitioniertes Ziel für die Spielzeit ist es, die Hälfte der ansonsten erzielten Einnahmen hinzubekommen. Viel wird davon abhängen, ob es bei den 250 Plätzen als Höchstgrenze bleibt oder wir mehr besetzen können.

Nächstes Jahr wechseln Sie als Intendant ans Theater Osnabrück. Warum überhaupt?

Ich bin jetzt 56 Jahre alt und hatte große Lust, in meinem Leben noch ein weiteres Theater zu leiten. Das ist keine Entscheidung gegen Bremerhaven. Das Haus ist größer, die Stadt ist eine andere. Das reizt mich. Aber noch bin ich ein Jahr hier, habe noch einiges vor, und es fühlt sich nach wie vor toll an.

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Und was wünschen Sie sich für das Stadttheater Bremerhaven – außer mehr Geld?

Dass die Politik weiterhin so gut zum Theater hält, eben weil wir so auf Kante genäht sind. Und dass die Bindung zwischen Publikum und Theater bleibt – dass es weiter so ein offenes, lebendiges Haus bleiben kann. Das tut auch der Stadt einfach gut, wenn da ein Theater in der Mitte steht, das ein gewisses Selbstbewusstsein ausstrahlt und sich einmischt.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Weitere Informationen

Die nächste Folge unserer Serie „Kulturszene Bremer­haven“ beschäftigt sich mit dem Klimahaus.

Zur Person

Ulrich Mokrusch hat als Schauspieler und ­Regisseur unter anderem in Düsseldorf und Heidelberg gearbeitet. Außerdem ist er Betriebswirt. Er war stellvertretender Intendant in Bielefeld und Intendant in Mannheim. 2010 wechselte er ans Stadttheater Bremerhaven.

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