Bestsellerautor David Safier im Interview

"Unsterblichkeit macht nicht glücklich"

Die Romane von Bestseller- und Drehbuchautor David Safier wurden insgesamt über fünf Millionen Mal verkauft. Der Bremer Emmy-Preisträger spricht im Interview über seinen neuen Roman „Aufgetaut“.
14.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Felix Wendler
"Unsterblichkeit macht nicht glücklich"

Romanautor David Safier mit seinem Hund Max, einem Labradoodle, im Wohnzimmer seiner Bremer Wohnung. Sein neuer Roman „Aufgetaut“ liegt seit dieser Woche in den Buchhandlungen.

Christina Kuhaupt

Herr Safier, ich würde Sie zunächst gerne in Ihr eigenes Szenario entführen.

David Safier: Ich bin gespannt.

Was ist Ihr Lieblingstier?

In der Realität: unser Labradoodle Max. In meinen Büchern: das Mammut Trö. Und das sage ich nicht, weil es mein aktuelles Buch ist.

Und mit welchem Tier würden Sie sich einfrieren lassen?

Mit meinem Hund, dann habe ich einen Vertrauten, wenn ich wieder aufgetaut werde. Wobei es natürlich auch darauf ankommt, was für eine Umgebung mich dann erwartet. Wenn es eine feindliche ist, dann vielleicht doch lieber ein Mammut. Ein großes Mammut.

In was für einer Welt würden Sie denn gerne auftauen? Nach 33 374 Jahren.

Da muss ich aufpassen, mich nicht in Sciene-Fiction-Filmen zu verfangen. Ich würde hoffen, dass es eine schöne Welt ist. Eine Welt, in der es Menschen gibt, die die Erde zu einem schönen Paradies machen. Dass wir nicht die Erde zerstört haben, sondern ganz im Gegenteil sowohl Erde und Menschen gesund sind.

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Was sieht es bei konkreten Themen aus? Im Buch erhoffen sich die Menschen eine Zukunft, in der schwere Krankheiten geheilt werden können. Andere wollen sogar den Tod besiegen.

Ich denke, Unsterblichkeit macht nicht glücklich. Glück hängt, glaube ich, auch mit dem Wissen zusammen, dass wir nicht unendlich Zeit haben. Ich würde eher hoffen, dass die Menschen im sozialen Zusammenleben alles auf die Reihe bekommen haben, toleranter geworden sind. Also eine Zukunft, die deutlich mehr Star Trek als Mad Max ist.

Wünsche sind das eine. Was halten Sie denn für realistisch?

Puuuh, 33 000 Jahre sind eine lange Zeit.

Okay, reduzieren wir mal auf 500 Jahre. Wie sieht es da auf der Erde aus?

Ein grüner Planet, deutlich weniger Menschen. So wie in den alten „Planet der Affen“-Filmen. Nur ohne unterdrückende Affen. Man hat unsere Zivilisation vergessen, aber es wird noch Menschen geben, die anders zusammenleben. Natürlicher und besser.

Hat sich unsere Zivilisation dann selbst ausgelöscht, oder waren das externe Einflüsse?

Fifty-Fifty-Chance, oder? Welche Kräfte haben sich durchgesetzt? Die Leute, die die Welt bis zum St.-Nimmerleinstag verpesten, Wälder roden und dafür sorgen, dass noch mehr Viren auf uns überspringen können. Oder die anderen, die sagen: Wir haben einen Planeten, auf den wir aufpassen müssen. Damit wir nicht alle gegrillt werden, und hier auch mit zehn Milliarden Menschen gut leben können.

Zurück in unsere Zeit. Nehmen wir mal an, die Mosaic-Expedition des Alfred-Wegener-Instituts würde morgen in der Arktis auf eine eingefrorene Steinzeitfrau und ein Mammut treffen. Was passiert?

Dass man das Mammut und die Steinzeitfrau wieder zum Leben erwecken könnte, ist dann doch eher unrealistisch. Eine wissenschaftliche Sensation wäre es aber auf jeden Fall. Ich denke, die Situation wäre vergleichbar mit dem Fund von Ötzi.

Im Buch will Ihr Protagonist Felix eine Glücks-App entwerfen. Wie sähe die bei Ihnen aus?

Wahrscheinlich so ähnlich wie die von Felix.

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Jetzt müssen wir kurz über das Buch sprechen. Ist Felix die Figur aus dem Buch, der Sie sich am nächsten sehen?

Alle drei Erwachsenen spiegeln Teile von mir wider. Der Schiffskapitän Lovskar meine grantige Seite, Urga den Teil von mir, der gegen den Strom schwimmt, und Felix, wenn es um den Wunsch geht, etwas zu erreichen.

Wie kommen Sie auf Wörter wie „schnabbeln“?

Ich habe nach einem jugendfreien Wort gesucht, das den ganzen Umstand etwas zärtlicher und niedlicher umschreibt.

Hat man so was immer direkt im Kopf?

Manchmal geht es schnell, manchmal dauert es länger. Mein Arbeitsablauf ist so, dass ich viele Sachen sehr oft verändere. Es kommt schon vor, dass ich ein Wort vier- oder fünfmal austausche. Das Mammut Trö hatte zum Beispiel am Anfang auch einen ganz anderen Namen. Den weiß ich schon gar nicht mehr.

Arbeitsablauf ist ein gutes Stichwort. Wissen Sie beim Schreiben schon am Anfang, wie die Geschichte ausgeht?

Ich halte es wie Stephen King, der gesagt hat: „Wenn ich überrascht bin, ist es der Leser auch.“ Ich schreibe gerne drauf los und schaue dann, wohin mich die Figuren führen. Am Ende überarbeite ich aber auch sehr, sehr viel.

Das Gespräch führte Felix Wendler.

Zur Person

David Safier (53) ist internationaler Bestsellerautor und Drehbuchautor. Seine Romane wurden insgesamt über fünf Millionen Mal verkauft und standen in mehreren Ländern auf den Bestsellerlisten. Mit seiner Sitcom "Berlin, Berlin" gewann Safier unter anderem einen amerikanischen Emmy-Fernsehpreis sowie den Deutschen Fernsehpreis. Safier lebt mit seiner Familie in Bremen, wo er auch geboren wurde.

Zur Sache

Urga ist anders als die anderen Steinzeitfrauen – sie will jagen gehen und sich ihren Mann selbst aussuchen. Nur eins von beiden funktioniert. Von der Liebe enttäuscht, verlässt Urga den Stamm. In dem Baby-Mammut Trö findet sie einen neuen Gefährten, doch der gemeinsame Weg ist zunächst nicht von langer Dauer.

33.000 Jahre später stoßen der gescheiterte Jungunternehmer Felix und dessen gescheite Tochter Maya in einer Titanic-ähnlichen Situation auf die festgefrorenen Steinzeitbewohner. Urga und Trö tauen auf, werden lebendig und wecken sogar beim griesgrämigen Kapitän Lovskar lang verdrängte Gefühle.

Gefühllos scheint hingegen Felix‘ Ex-Freundin Amanda zu sein – will sie doch die beiden verwirrten Gestalten zu Forschungszwecken in ihrem Unternehmen einsperren. Das können Felix und Maya jedoch verhindern. Sie ermöglichen Urga eine Reise, die von der Arktis über Indien bis nach Italien führt. Das Ziel: Glück.

David Safier führt seine Figuren auf 331 Seiten nicht nur durch verschiedene Kontinente, sondern auch durch ziemlich viele aktuelle Themen. Klimawandel, Emanzipation und Zukunftsvisionen werden eingebettet in kurzweilige Dialoge und typischen Safier-Humor. Der Leser lernt dabei so manches neue Wort kennen. Gleichzeitig zeigt Safier, dass einige Begriffe – und vor allem Gefühle – zeitlos sind. Und eben weil die Kommunikation zwischen Steinzeitmenschen und Figuren aus dem 21. Jahrhundert funktioniert, gilt das auch für die Geschichte des Romans.

David Safier: „Aufgetaut“. Kindler (Rowohlt), Hamburg. 330 Seiten, 16 €.

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