Theater Unter Verdacht

Am Hamburger Thalia-Theater zeigt Stefan Pucher das zeitlos aktuelle Arthur-Miller-Drama „Hexenjagd“ in einer beklemmenden Lesart und mit einem bestrickend aufgelegten Ensemble.
30.09.2018, 13:45
Lesedauer: 3 Min
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Unter Verdacht
Von Hendrik Werner

Hamburg. Es ist, nimmt man bloß die derzeit auffällige Vielzahl der Adaptionen als Maßstab, das Stück der Stunde – und das hat gute Gründe: 65 Jahre sind seit der Uraufführung von „Hexenjagd“ vergangen. Der zeitkritisch gestimmte Dramatiker Arthur Miller (1915-2005) konzipierte den Suspense-Thriller um hysterische Puritaner im ausgehenden 17. Jahrhundert als Parabel auf die Kommunistenhatz in der sogenannten Ära des US-Politikers Joseph McCarthy (1908-1957). Der analytisch bestechende Mr. Miller nannte es „unheimlich und rätselhaft“, dass eine „politisch zielgerichtete und geschickte Kampagne der äußersten Rechten nicht nur in der Lage war, eine panische Angst zu schüren, sondern darüber hinaus eine neue, subjektiv erfahrbare Wirklichkeit schaffen konnte, die eine wahrhaft mystische Aura besaß und einen beinahe religiösen Widerhall nach sich zog“.

Planvoll lancierte Lügen, mithin die Aushöhlung eines konsenstauglichen Wahrheitsbegriffs, Denunziation als besessen betriebener Volkssport, Gesinnungsschnüffelei und Paranoia, massiver Machtmissbrauch und eine Hoch-Zeit für Verschwörer sind die Zutaten dieser trefflichen Allegorie in Tragödiengestalt. Das demokratisch engagierte Theaterstück gilt einem vermeintlich homogenen Kollektiv, das plötzlich und unerwartet von Spaltung bedroht wird.

Beschwörung dunkler Mächte

Wer den Siedepunkt dieses hitzigen Verdachtsklimas auf die Zeitgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika hochrechnen will, lese beispielsweise „Brennen muss Salem“, eine horrend kluge Moritat des Romanciers Stephen King aus dem Jahr 1975 – oder gleich die Äußerungen seines Vornamensvetters Bannon, eines destruktiven Charakters, der die Rede und die Beschwörung von dunklen Mächten in den USA wieder salonfähig gemacht hat und Nämliches demnächst in der Alten Welt plant.

Regisseur Stefan Pucher ist am Hamburger Thalia-Theater klug genug, das für Anschlüsse aller Art offene Stück nicht plakativ mit Hinweisen auf die Alt-Right-Bewegung, die Trump-Administration, die Neue Rechte in Europa oder das Ringen um Deutungshoheit in Chemnitz zu versetzen. Das hat seine dreistündige Produktion gemein mit der ebenfalls starken Inszenierung des Stoffes durch den Regisseur Klaus Schumacher vor zwei Jahren am Theater Bremen.

Von der Ausstatterin Barbara Ehnes, mit der er seit dem Jahr 2001 kontinuierlich zusammenarbeitet, hat sich Stefan Pucher, dieser ernüchterte USA-Sympathisant, eine hochaufragende Drehbühne schaffen lassen, die neben vielen Sitz- und Aufbahrungsgelegenheiten allerlei Insignien des Landlebens wie Tierkäfige und Strohballen versammelt. Accessoires, die auf den ersten Blick idyllisch anmuten mögen, auf den zweiten jedoch ein gewisses Bedrohungspotenzial bergen. Auch deshalb, weil sich hoch oben über der Szenerie ein gigantischer Holzwinkel spannt, der ein frühes Fallbeil assoziieren lässt.

Kreuzförmiges Püppchen

Am Bühnenrand wiederum ist ein kreuzförmiges Püppchen postiert worden, dem offenbar mit Nadeln zugesetzt worden ist. Man ahnt: Religiöser Wahn kennt viele Artikulationsformen. Nicht von ungefähr hat Pucher während der Probenphase darauf hingewiesen, dass die kulturelle Askese in Salem – Verbot von Literatur und Musik – an islamistische Verhaltenskodizes gemahne.

Das handlungskonstitutive Vorspiel, das eine Gruppe Mädchen bei vermeintlich okkulten Praktiken in einem Wald zeigt, wird als spektakulärer Videoclip mit blutrünstigen und erotischen Komponenten serviert. Christopher Uhe unterlegt den Appetizer-Film mit dynamisch-dunklen Klängen, die gleichsam den Takt des Unabwendbaren vorgeben, das sich als dichte Bühnenhandlung entspinnt.

Annabelle Witt hat für die meisten Akteure sittenstrenge Kostüme entworfen, die dem puritanischen Zeitgeist entsprechen. Anachronistisch ist nur der laxe Jeans-Look, den die gegenüber Geistern skeptischen Farmer John Proctor (Jörg Pohl) und Giles Corey (Tim Porath) zur Schau tragen, deren historische Vorbilder der Hexerei bezichtigt wurden. Eine respektable Matrone ist Salem-Bewohnerin Ann Putnam, auch stimmlich schroff verkörpert von Gabriela Maria Schmeide, Bremer Ensemblemitglied von 1994 bis 2008 und im Jahr 1996 Kurt-Hübner-Preisträgerin. Besonders stark spielt Kristof van Boven als Reverend John Hale. Viel Beifall für diesen gründlich geglückten Exorzismus.

Weitere Informationen

Nächste Aufführungen im Thalia-Theater:

2., 9. und. 12. Oktober sowie 8. Januar 2019,

jeweils um 19.30 Uhr.

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