Essay über Reisen und Literatur

Urlaub im Kopf: Warum Bücher jetzt besonders wichtig sind

Durch die Corona-Krise droht der Sommerurlaub auszufallen. Ein Essay zur Frage, warum das Reisen für den Menschen so wichtig ist. Und: Wie Bücher in der aktuellen Krise Freiheit und Abenteuer vermitteln können.
02.05.2020, 11:42
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Urlaub im Kopf: Warum Bücher jetzt besonders wichtig sind
Von Felix Wendler
Urlaub im Kopf: Warum Bücher jetzt besonders wichtig sind

Der Jakobsweg: Seit tausend Jahren hinterlassen Reisende hier ihre Spuren auf dem Weg nach Santiago de Compostela.

Manuel Meyer

Als nichts mehr ging, ging er. 1786 flüchtete ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe aus Weimar, wo ihm ausbleibende Erfolge in seiner Amtskarriere sowie eine literarische Schaffenskrise starke Selbstzweifel beschert hatten. Unter falschem Namen machte Goethe sich auf die Reise nach Italien, und fand dort etwas, das er in seinen Briefen nach Hause als „Wiedergeburt“ bezeichnete. Seine Erlebnisse verarbeitete er später in dem Werk „Italienische Reise“.

Goethes zweijähriger Italienaufenthalt ist wohl das bekannteste, aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel künstlerischer Produktivität, die durch Reisen befruchtet wurde. Seit der Mensch existiert, reist er – sei es als Nomade, als Entdecker, auf der Suche nach Erholung oder Vergnügen. Und seit er reist, berichtet er davon. Kontinuität hat dabei auch die Beliebtheit, der sich die Reiseliteratur erfreut. Bernhard von Breydenbachs „Peregrinatio in terram sanctam“ (Die Reise ins Heilige Land) erschien 1486, Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ 2006. Der mittelalterliche Reisebericht war ebenso ein Verkaufsschlager wie ein halbes Jahrtausend später Kerkelings Buch über seine Reise auf dem Jakobsweg – zwei Jahre stand das Buch an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste.

Dass die Berichte der mittelalterlichen Pilger faszinierten, ist wenig verwunderlich. Was dort zu lesen war, schuf schließlich neue Realitäten. Wenn Bernhard von Breydenbach die Türken als Wilde darstellte, dann war dieses Bild alternativlos. Und wenn er ein Fabelwesen beschrieb, dann existierte es auch.

Warum überhaupt noch Reisen?

Aber heute? Was einst als Ende der Welt beschrieben wurde, ist im 21. Jahrhundert höchstens 18 Flugstunden entfernt. Jedes Jahr verreisen mehr Menschen, erschließen immer neue Ziele. Kaum ein Ort bleibt, der nicht bereist wird, kaum jemand ist noch Pionier. Was man nicht live gesehen hat, kennt man aus der Dokumentation, von Instagram, hat man irgendwo gelesen. Überhaupt: Ist heute nicht sowieso alles universell? Jede neue Stadt, die in China entsteht, sieht mehr aus wie New York. Und auch kulturell vereinheitlicht der globale Strom die Metropolen. Was auf Netflix dominiert, ist in Deutschland und den USA gleichermaßen Gesprächsthema.

Und trotzdem reisen die Leute, schreiben darüber, lesen es. Warum bleiben sie nicht einfach zu Hause? Zum einen, weil die Reise sich eben nicht auf das reduziert, was man sieht. Mindestens ebenso wichtig ist doch, wen man trifft. Auch die Reiseliteratur hat ihre Bedeutung schon immer aus den Begegnungen generiert. In Thomas Manns „Der Zauberberg“ trifft Hans Castorp mit jeder neuen Figur auf eine andere Welt; Christian Krachts Iran-Beschreibungen in „1979“ wären ohne die schillernden Charaktere nur wenig mehr als ein farbloser Reiseführer.

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Eine weitere mögliche Antwort liefert Hape Kerkeling. Was viele Leser an seinem Buch fasziniert, ist nicht unbedingt der tausendfach beschriebene Jakobsweg, sondern das „Ich bin dann mal weg“. Hier liegt nämlich das Missverständnis begraben: Nur weil die Welt als Ganzes erschlossen scheint, gilt das nicht für das Individuum. Der dynamische Kosmopolit, dessen Zuhause die ganze Welt ist, bleibt eine Ausnahme. In der Realität verbringen die meisten Menschen den größten Teil ihres Lebens auf sehr begrenztem Raum.

Angesichts von Beruf und anderen Verpflichtungen bleibt „Ich bin dann mal weg“ meistens ein auf sechs Wochen begrenztes Versprechen. Die restliche Zeit des Jahres ist diese Phrase mehr eine Sehnsucht, sich räumlich und geistig zu befreien. Nie war das deutlicher zu spüren als in diesen Tagen, in denen das Gefühl der Enge in besonderer Weise um sich greift. Nicht zufällig ist das Reisen im Sammelsurium aller Einschränkungen, mit denen die Menschen sich aktuell abfinden, ein besonders heikles Thema.

Urlaub im Kopf

Die Reise, auch oder gerade wenn sie noch weit entfernt ist, wird mehr denn je zum Ziel. Die Aussicht auf Flucht hält die Moral hoch, lockt als Belohnung für die Strapazen. Dabei spielt es wohl gar keine Rolle, ob das Reisen diesen hehren Anspruch dann auch wirklich erfüllen kann. Das Entscheidende – und das zeigt sich wie immer erst dann, wenn es plötzlich fehlt – ist die Möglichkeit. Das Streben nach Freiheit und Abenteuer gehört zu den Eigenschaften, die immer noch im Menschen verwurzelt sind und seit jeher von der Kultur befeuert werden. Letzteres ist jetzt, da die Menschen verharren, umso wichtiger. Jedes Buch ist eine Reise im Kopf, ein bisschen Urlaub, ein kleines Abenteuer – selbst wenn es nur an einen Ort führt, den man schon oft gesehen hat.

Weil Abenteuer für die meisten Menschen eben nicht erst mit einem Überlebenskampf auf dem höchsten Berg und Freiheit nicht erst mutterseelenallein in der Wüste beginnt, werden weder das Reisen noch das Schreiben darüber seine Bedeutung verlieren. Dass es das Extreme auch für die literarische Befruchtung nicht braucht, zeigt übrigens der eingangs erwähnte Goethe: Während seiner Italienreise wohnte und speiste er vorzüglich und umgab sich hauptsächlich mit anderen Deutschen – quasi wie ein Pauschaltourist.

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