Kolumne „Müßiggang“ Venedig des Nordens, Dorf mit Straßenbahn, Dubai hinterm Deich

Über Nutzen und Nachteil von Synonymen für das Leben (und die Lektüre) sinniert Hendrik Werner in einer neuen Folge seiner Sonntagskolumne.
28.09.2018, 16:52
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Venedig des Nordens, Dorf mit Straßenbahn, Dubai hinterm Deich
Von Hendrik Werner

In den vergangenen Tagen war die emotionale Stabilität des sonst nachweislich tiefenentspannten Müßiggängers mehrfach massiv gefährdet. Das lag vor allem an ihn umschwirrendem Geschwätz und Geschreibe. Genauer: an einem erhöhten Floskelaufkommen in Tateinheit mit jenem Synonymwahn, der nicht nur Journalisten mit unschöner Regelmäßigkeit befällt. Sie wissen schon: kühles Blondes, kühles Nass, schwarzes Gold. Hmmmpf.

Wenn derlei an die empfindsamen Ohren des Müßiggängers dringt, geht ihm sozusagen der Hut hoch, obwohl er eh schon auf dem Baum ist und so ’ne Krawatte hat (alternativ: so ‘nen Hals). Ein extremes Enervierungspotenzial haben Städtesynonyme, die sich offenbar aus einem pathologischen Vergleichszwang speisen. Wem Dresden als Elbflorenz gilt, Hamburg als Venedig des Nordens und Salzburg, Bamberg und Trier als dreifaches Rom des Nordens, dem ist auch zuzutrauen, dass er Leipzig als Klein-Paris bezeichnet, München als nördlichste Stadt Italiens und Bremen als, nun ja, Dorf mit Straßenbahn. Oha.

Besonders folgenreich ist freilich ein abgeschmacktes Alias, das der Dichter Erdmann Wircker anno 1706 ersann, um sich unbotmäßig schleimend dem Allerwertesten seines Landesherrn Friedrich I. zu nähern: Spreeathen.

Dabei war es beileibe nicht nur Berlin, das rhetorisch mit Athen anbandelte: Marburg feierte sich im 18. Jahrhundert als „Lahnathen“, Göttingen ließ sich als „Leinathen“ feiern, Leipzig – na? genau! – als Pleißathen. Wittenberg wiederum vermarktete sich als „Elbathen“, Jena als „Saalathen“, München als „Isarathen“. Gähn. Zum Glück ist die griechische Hauptstadt aufgrund von Misswirtschaft als Idealtyp aus der Mode gekommen. Anderenfalls wären hanebüchene Huldigungen wie Hunteathen (Oldenburg), Allerathen (Verden) und Wümmeathen (Rotenburg) kaum abzuwenden. Würg.

„Gedanken sind nicht stets parat, man spricht auch, wenn man keine hat“, sagt meine Oma, die unweit von, nun ja, Elbflorenz aufwuchs . Dabei sind müßige, weil gedankenlos geäußerte Plattitüden wie „Dubai hinterm Deich“ dazu angetan, jeden Gedankengänger sprach-, ja fassungslos zu machen. Es sei denn, in den Vereinigten Arabischen Emiraten würde sich eines utopischen Tages „Bremerhaven des Orients“ als Bezeichnung für Dubai einbürgern. Hui.

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