Interview mit Bob Geldof

„Veränderung ist unausweichlich“

Bob Geldof und seine Band Boomtown Rats sind wieder da. Über das neue Album, sein Buch und seine Abneigung gegen das Internet spricht er im Interview.
27.03.2020, 08:28
Lesedauer: 4 Min
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Von Nadine Wenzlick

Herr Geldof, wie kommt es, dass Sie mit den Boomtown Rats nach 36 Jahren wieder ein neues Album veröffentlichen?

Bob Geldof : Wenn ich einen Trailer für einen Film über uns machen würde, dann würde eine dieser unheilvollen amerikanischen Stimmen sagen: „Sie mussten ihr eigenes Leben ändern, und während sie das taten, veränderten sie ihr Land. Sie halfen, die Musiklandschaft zu verändern und anschließend halfen sie, die Welt ein bisschen zu verändern. Dann machten sie eine Pause – doch als man sie brauchte, kamen sie zurück.“ Trommelwirbel!

1986 lösten Sie die Band auf, 2013 traten Sie beim Isle Of White Festival in England erstmals wieder zusammen auf – aus Nostalgie oder wegen des Geldes?

Der Promoter des Isle Of Wight Festival hatte Garry und Simon damals gesagt: Wenn ihr Geldof dazu bewegt, das zu machen, stelle ich euch auf die Hauptbühne. Da spielt natürlich auch Eitelkeit mit, denn zu dem Festival kommen 100 000 Leute. Also sagte ich okay, wir versuchen es. Aber nur, wenn es nicht bloß um Nostalgie geht. Die Vergangenheit war toll, aber ich habe kein Interesse, zurückzukehren. Wir trafen uns dann bei mir und spielten in meinem Wohnzimmer – genau wie früher, als wir Kids waren. Ich weiß noch genau, warum ich all diese Songs damals geschrieben habe und die gleiche Wut treibt sie auch heute an.

Tatsächlich haben viele der Texte von damals nach wie vor Relevanz…

Was traurig ist! Wenn ich „I Don’t Like Mondays“ singe, ist der Song nicht mehr für das Schulmassaker in San Diego 1979, das mich damals so schockiert hat, sondern für das von letzter Woche. „Someone’s Looking At You“ handelt nicht mehr von den Umständen, die ich 1979 beobachtete, sondern von Google, das uns alle ständig beobachtet, von all diesen Geräten, die ständig an sind, von Facebook und Zuckerberg, die dich aufsaugen, die jeden Gedanken, jede Handlung und jede Wahl registrieren und an Dritte verkaufen, die dich dann manipulieren, um dich auszubeuten.

Wenn man sich wie Sie so viele Jahre politisch engagiert, ist es dann nicht desillusionierend, dass einige Probleme im Grunde immer noch die gleichen sind?

Nein. Für mich war die Lektion von Popmusik immer: Veränderung ist unausweichlich und sie wird kommen. Die Welt ist formbar und kann gestaltet werden. Man kann sie in die Richtung verändern, in die man sie verändern möchte. Und die Mittel dafür sind hier, die Plattform ist Rock’n’Roll. Man kann durch dieses Medium etwas verändern.

Wann haben Sie das erkannt?

Ich hatte früher einen Yorkshire Terrier. Ein süßer, netter Hund. Aber eines Tages, als wir am Teich in der Nähe meines Hauses in Kent vorbeikamen, sah er eine Ratte. Auf einmal war der Sinn seines Lebens für ihn klar. So ging es mir damals, als wir mit der Band anfingen. Ich wusste, worüber ich zu schreiben hatte: über das Hier und Jetzt. Über meine Freunde und ihre Leben. Die Umstände in Irland waren 1975 so schrecklich – im Grunde herrschte Bürgerkrieg. 3600 Leute wurden ermordet, der Staat und die Kirche waren korrupt, die Wirtschaft am Ende. Wir mussten da irgendwie raus. Dabei schrieben wir die Songs, die anderen halfen, ihre Hoffnungslosigkeit auszudrücken. Und diese Songs wurden Hits inmitten dieser kulturellen Revolution, zu der wir gehörten.

Und warum braucht die Welt die Boomtown Rats im Jahr 2020 wieder?

Das 21. Jahrhundert wurde 1989 erfunden: Die deutsche Mauer fiel, China trat der WTO bei und ein junger britischer Wissenschaftler erfand in der Schweiz das World Wide Web. Die Wirtschaft, die aus jenen Faktoren entstand, entwickelte sich im Laufe der Jahre schneller, als wir begreifen konnten. Gier regiert die Welt, Länder werden gedemütigt, Millionen Menschen sind arbeitslos. Wir bauen Mauern und berichten nicht mehr über Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Und wir wählen Idioten, die in dieser abscheulichen Welt die Gesetze übertreten.

„Hey, Mr. Mojo with your mop-top hair“ singen Sie auf dem neuen Bootmown-Rats-Album in „Monster Monkeys“. Meinen Sie damit Boris Johnson und Donald Trump?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, über wen ich da singe. Ich hatte diesen Groove, damit ging ich zu Pete und wir fingen an, daran zu arbeiten. Heutzutage schreibe ich die Texte oftmals nicht vorher, sondern ich gehe einfach ans Mikrofon und fange an zu singen.

In dem Stück „Get A Grip“ heißt es: „Just another little suckered girl gives it up for Zuckerberg“. Was hat es damit auf sich?

Die Leute hübschen sich ständig auf, um diese süchtig machenden Likes zu bekommen. Das ganze Internet ist für mich ein Dark Web. Die Auswirkungen werden enorm sein, außer wir überdenken diese mächtigste Erfindung in der Geschichte der Menschheit.

Sie halten das Internet für die mächtigste Erfindung in der Geschichte der Menschheit?

Ja. Die Firmen hinter Facebook und Co. sind düster, gefährlich und sollten zerstört werden. Ich bin fasziniert vom Potenzial des Internets. Es hat neue Ökonomien gebracht, was vor und Nachteile hat. Aber im Kern ist es nicht richtig. Wir suchen Trost in dieser erfundenen Welt, wo wir Leute treffen, die genau die gleiche Meinung haben. Es ist nicht so, dass ich ein alter Kerl bin, der das alles nicht mehr rafft. Aber wie soll man Empathie haben, wenn man im echten Leben keinen Kontakt mehr hat?

Zeitgleich zum Album ist auch Ihr Buch „Tales of Boomtown Glory“ erschienen. Was erwartet die Leser?

Alle Texte, die ich je als Songs aufgenommen habe, und dazu einige unveröffentlichte. Außerdem habe ich dazu einige Essays geschrieben über die Songs, den Prozess des Schreibens und Lyrik im Allgemeinen. Das ist für mich Rock’n’Roll. Wir singen zu tollen Melodien mit großen Refrains, aber eines Tages hören die Leute „I Don’t Like Mondays“ und denken Moment mal, da geht es ja um Mord…

Das Gespräch führte Nadine Wenzlick.

Info

Zur Person

Bob Geldof

gründete 1975 mit den Gitarristen Garry Roberts und Gerry Cott, Keyboarder Johnnie Fingers, Bassist Pete Briquette und Schlagzeuger Simon Crowe die Boomtown Rats. Die Band wurde für Hits wie „I Don’t Like Mondays“ bekannt und für Gesellschaftskritik. 1985 organisierte Geldof Life Aid; das bis dato größte Wohltätigkeitskonzert spielte 100 Millionen Euro ein. Mit „Citizens of Boomtown“ erscheint nach 36 Jahren ein neues Album.

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