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Verliebt in Paris

Regisseur und Schauspieler Ralph Fiennes widmet dem Ausnahmetänzer Rudolf Nurejew ein Biopic namens „The White Crow“. Und springt dabei entschieden zu kurz.
23.09.2019, 18:01
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Verliebt in Paris
Von Hendrik Werner
Verliebt in Paris

Flanieren an der Seine: Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) und Clara Saint (Adéle Exarchopoulos) in dem Biopic "Nurejew – The White Crow".

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Schon seiner Geburt haftete viel von jener existenziellen Dramatik an, die der wohl beste männliche Ballett-Tänzer des 20. Jahrhunderts auf der Bühne zur Perfektion brachte. In „The White Crow“, der dritten Regiearbeit des britischen Schauspielers Ralph Fiennes („Der englische Patient“), sind es unruhige Schwarz-weiß-Bilder einer wie entfesselt wirkenden Handkamera, die Rudolf Nurejews Entbindung in einem Zug der Transsibirischen Eisenbahn unweit von Irkutsk illustrieren.

Das Prinzip Bewegung, man mag es an dieser Einstellung ablesen, war maßgeblich für die Entwicklung des am 17. März 1938 auf die Welt gekommenen Ausnahmekünstlers. Das gilt auch für die Filmbiografie, die nur und immerhin eine zentrale Station auf Nurejews Weg zum Weltstar vorführt – und dabei ein ums andere Mal mehr historische Patina und nostalgisches Flair aufbietet als notwendig gewesen wäre.

Quelle: fünf Biografie-Kapitel

Dabei mutet die Dramaturgie des Zwei-Stunden-Werks zunächst durchaus verheißungsvoll an. Fiennes, der sich dem Vernehmen nach seit zwei Jahrzehnten mit der Idee trägt, dem 1993 im Alter von 54 Jahren an den Folgen von Aids verstorbenen Tänzer ein filmisches Monument zu setzen, konzentriert sich nach den ersten fünf Kapiteln einer biografischen Vorlage von Julie Kavanagh („Nurejew: Das Leben“) und deren zusätzlich selektiver Bearbeitung durch den Dramatiker und Drehbuchautor David Hare („Der Vorleser“) auf einen zentralen Abschnitt der Karriere: eine von den unsäglichen Praktiken des Kalten Krieges umflorte Exkursion des Kirow-Balletts und seines Stars im Jahr 1962 nach Paris.

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Dort erfreut sich der von Oleg Ivenko verkörperte junge Mann mit dem sanften Lächeln und den neugierigen Augen an den freiheitlichen Insignien der Republik. Dicht gefolgt von einer schamlos intimen Kamera, die Nurejews Innenleben partout an seiner durchlässigen, ja überempfindsamen Wahrnehmung spiegeln will – und sich damit auf vermessene Weise überhebt. Dicht gefolgt auch von hartnäckigen Schergen des russischen Geheimdienstes, der Ausspähungen und Lauschangriffe verfügt, die sich mit einschlägigen Horch-und-Guck-Filmen wie dem deutschen Oscar-Gewinner „Das Leben der Anderen“ (2006) durchaus messen können. „Überwachen und Strafen“ wäre deshalb ein – mindestens! – ebenso sinniger Untertitel für dieses merkwürdige Biopic wie „Die weiße Krähe“, eine Bezeichnung, die auf Nurejews zahllose Alleinstellungsmerkmale anspielt, ohne diesen ernstlich nachzuspüren.

Allen Anhängern der hohen Kunst Nurejews mögen wegen dieser inhaltlichen Gewichtung, die einer Schieflage entspricht, die eigentlichen Tanzszenen als deutlich zu verkürzt und zu fragmentarisch vorkommen. Sind sie auch, weil sich Regisseur Ralph Fiennes für Ballett bedauerlicherweise bloß am Rande interessiert; wenn überhaupt. Ihn treibt offenbar vielmehr die Frage um, wie man einer lebensgeschichtlichen Episode wie dem Paris-Aufenthalt tunlichst viele Rückblenden einspeisen kann, ohne die Zuschauer mit einem historischen Bilderbogen zu überfordern, der von der Sowjetunion des Diktators Stalin über Nurejews Ausbildung am Choreografischen Institut in Leningrad und anrührend ausgeschmückte Begegnungen des Tänzers mit seinem Mentor Alexander Puschkin (Ralph Fiennes) bis hin zum besagten Gastspiel reicht.

Technik und Präsenz klingen im Film nur an

Gewiss, Paris war ein Wendepunkt im Leben der späteren Tanz-Ikone. Fraglos lässt sich dieser Punkt anhand einer spektakulären Flughafen-Flucht vor den sozialistischen Häschern allegorisieren. Allein: Persönlichkeit und Ästhetik, Technik und Präsenz, Athletik und Virtuosität, Interpretationsgenius und Emanzipationsverdienste Nurejews klingen in dem gefälligen Film allenfalls an. Fast meint man, der Regisseur sei verliebter in ach so malerische und romantische Vorstellungen von Paris gewesen, als in die Idee eines Entwicklungsdramas am Beispiel eines der wirkungsmächtigsten Tänzer weltweit. So schwelgt die überhaupt oftmals irrlichternde Kamera wiederholt in grenzpathetischer Fototapeten-Idyllik. Vor allem im Zuge der denkbar überinszenierten Begegnung Nurejews mit der zugewandten Clara Saint (Adèle Exarchopoulos), die ihm die Türen zur französischen Gesellschaft öffnet.

Was ein spannendes Künstlerporträt hätte werden können, verliert sich irgendwo zwischen alternativer Stadtführung durch Pariser Museen und Jazzclubs, Kalter-Krieg-Stereotypen – sowie dem untauglichen Versuch, das revolutionäre Potenzial eines Jahrhundertkünstlers durch dessen Fähigkeit zum großäugigen Staunen erklären zu wollen. Fazit: zu kurz gesprungen, Mr. Fiennes!

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