Bohuslavs Martinus surrealistische Oper "Juliette" feierte Premiere Verloren in der Welt der Träume

Bremen. Was ist wirklich, was existiert nur in unserer Vorstellung und wer sind wir? Bohuslav Martinus surrealistische Oper „Juliette“ kreist um diese umfassende Thematik. Am Theater am Goetheplatz hat John Fulljames das komplexe Werk als großartiges Bildertheater inszeniert.
30.03.2014, 13:00
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Verloren in der Welt der Träume
Von Iris Hetscher

Was ist wirklich, was existiert nur in unserer Vorstellung und wer sind wir? Bohuslav Martinus surrealistische Oper „Juliette“ kreist um diese umfassende Thematik. Am Theater am Goetheplatz hat John Fulljames das komplexe Werk als großartiges Bildertheater inszeniert. Etwas weniger Respekt vor der Vorlage hätte dem dreistündigen Abend allerdings gut getan.

Eine Oper in drei Akten, die so gut wie unbekannt ist, fast keine Handlung, eine komplexe Musik, die fasziniert, wenn man sich konsequent auf sie einlässt – das Theater am Goetheplatz hat Wagemut bewiesen bei der Auswahl von „Juliette“ als letzter Opernpremiere in dieser Spielzeit. Das Werk des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu (1890 bis 1959) nach einem Text von Georges Neveux kreist um den Buchhändler Michel, der sich in einer Welt wiederfindet, in der er als einziger noch über ein Gedächtnis verfügt. In einer nicht näher beschriebenen Zeit und einer nicht näher bezeichneten kleinen Stadt am Meer sieht er sich mit skurrilen Figuren konfrontiert, mit denen es nur Missverständnisse geben kann – denn außer ihm leben alle ausschließlich in der Gegenwart. Erinnerungen können bei einem darauf spezialisierten Händler gekauft werden. Auch das Mädchen Juliette, das Michel einst am Fenster hat singen hören, weiß nichts mehr von der gemeinsamen Zeit. Michel verliert schließlich jeden Halt und versinkt in einer immer unheimlicher werdenden Traumwelt.

Regisseur John Fulljames hat für den stark vom Surrealismus geprägten Stoff am Großen Haus großartige Bilder erfunden – und dabei dem Begriff der Tür, die in eine andere Welt oder eine andere Bewusstseinsstufe führen kann, eine zentrale Rolle zugewiesen. Das ermöglicht ein Spielen und Singen auf verschiedenen Ebenen: Ständig geht irgendwo eine Tür (oder ein Fensterladen) auf oder zu, Videobilder werden auf die Flächen projiziert (Bühne: Christian Körner und Andreas Düchting, Ausstattung: Johanna Pfau), die Szenerie wird durch den Einsatz von Licht ins Fantastische verfremdet (Licht: Joachim Grindel). Vor diesem symbolisch aufgeladenen Hintergrund lässt Fulljames das Ensemble mitunter agieren wie im gruseligen Puppentheater des Grand Guignol. Statt Individuen gibt es Klischees – schließlich handelt es sich um Figuren ohne Geschichte, weswegen jeder in mehreren Rollen zu sehen ist. Durch diese Dauer-Travestie vermittelt der Regisseur zudem die bitterböse Komik des Absurden, die das Stück auch prägt: Das Lachen bleibt dabei schnell im Halse stecken.

Feiner gezeichnet sind nur die beiden Hauptpartien. Hyojong Kim gelingt es, mit seiner wandlungsfähigen Tenorstimme alle Abstufungen der langsamen Verzweiflung Michels zum Klingen zu bringen und den anspruchsvollen Sprechgesang der Oper zu bewältigen. Gleiches gilt für Nadja Stefanoff, die ihren kräftigen Sopran für die Juliette mal strahlen lässt, mal kokett boshaft, dann wieder weich und desorientiert werden lässt. Dem Ensemble insgesamt kann man nur Achtung zollen für die gesanglichen wie auch darstellerischen Leistungen.

Eine Herkulesaufgabe bewältigen die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Clemens Heil. Die kleinteilig angelegte Musik Bohuslav Martinus bedient sich aus vielen Einflüssen, der größte davon ist der Impressionismus von Ravel und Debussy. Doch auch Anklänge an Jazz- und Folklore gibt es, Leitmotive und Echos ziehen sich durch die Partitur. Diesen Cocktail serviert das Orchester mit viel Spannung von düster-dräuend bis verspielt, Heil hält das Tempo dabei konstant hoch. Ab und an würde eine etwas abgestuftere Dynamik das Klangerlebnis noch verbessern.

Und so könnte man von einem gelungenen Opernabend sprechen, wenn nicht zwei Zutaten empfindlich stören würden. Zum einen wird die Inszenierung durch zwei lange Umbaupausen förmlich zerhackt, zum anderen bewegt sich der dritte Akt inhaltlich hart an der Albernheitsgrenze. Michel befindet sich plötzlich in einem „Zentraltraumamt“, in dem ein Wächter den Menschen ihre Träume zuweist. Diese Wendung wirkt wie mit dem Holzhammer zurechtgezimmert – hier haben es Martinu und Neveux mit dem Symbolismus schlicht zu weit getrieben. Fulljames findet zwar auch für diesen Akt beklemmende Bilder. Besser wäre es allerdings gewesen, ganz einfach auf diese inhaltliche Volte zu verzichten. Ein gutes Schlussbild bietet sich auch am Ende des zweiten Aktes, wenn Michel als Passagier ein Schiff mit unklarem Ziel besteigt. Und Juliette singt dazu ihr Sirenenlied.

Die nächsten Termine: Donnerstag, 3. April, Dienstag, 8. April, jeweils 19.30 Uhr.

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