Bremer Viertelfest

Viel Musik und bepflanzte Handtaschen

Bremen. Im August geht es Schlag auf Schlag: Kaum ist das Musikfest eröffnet, können sich die Bremer auf das nächste Großereignis freuen. Am Wochenende lockt das Viertelfest mit viel Musik und Kunstaktionen. Mit dabei: 444 bepflanzte Handtaschen.
23.08.2010, 09:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Meyer
Viel Musik und bepflanzte Handtaschen

Die schrillen Damen der belgischen Band Les Vedettes treten am Freitag auf der Wallwiese auf.

Viertelfest

Bremen. Es ist wohl der bunteste Teil der Stadt, und eigentlich ist im Viertel eh immer etwas los. Einmal im Jahr allerdings, beim traditionellen Viertelfest, erbebt das Kopfsteinpflaster zwischen Wallwiese und Ziegenmarkt förmlich.

Das Viertel gilt seit Jahren als Heimat der Extreme: Dort wohnen Hippies neben Büroangestellten, Künstler feiern mit Kaufleuten, und Kulturelle teilen sich mit Politik-Verweigerern den Tisch beim abendlichen Pub-Besuch. Diese Verflechtung der Kulturen steht am kommenden Wochenende im Mittelpunkt des Viertelfestes. „Intelligente Netze“ lautet das Motto, das auf die Vielseitigkeit und die Zusammenarbeit in Bremens lebendigem Stadtteil aufmerksam machen soll. Dabei wird das Viertelfestwieder vor allem eins: anders.

Das Line-up dieses Festivals ist dafür der beste Beweis: 200 Künstler und 50 Bands stehen in den Startlöchern – hinzu kommen noch 444 bepflanzte Handtaschen –, um den Stadtteil zum Anziehungspunkt für erwartete 100.000 Besucher zu verwandeln. Mitwirken können dabei alle: „Die Menschen sollen sich beteiligen“, sagt Organisatorin Frauke Wilhelm. So werden bei der offiziellen Eröffnung am Freitag um 18.30 Uhr Wollknäuel verteilt, die die Besucher umherwerfen können. Dadurch solle ein riesiges Netz entstehen, erklärt Wilhelm und weist sogleich auf eine andere verstrickte Aktion hin: Innerhalb einer Videoinstallation der Künstlerin Vera Doerk werden Besucher mit einer Kamera aufgenommen. Die Punkte im Raum, zu denen man sich bewegt, werden dabei netzartig verbunden.

Doch das Viertelfesthat nicht nur Kunst und Mitmachaktionen zu bieten, im Gegenteil: Seit jeher ist die Stadtteilparty für die vielen musikalischen Highlights bekannt. Nach Finnland im vergangenen Jahr liegt der Länderschwerpunkt dieses Mal auf Belgien. So kann man am Eröffnungstagab 20 Uhr auf der Wallwiese lateinamerikanischer Folk-Musik lauschen. „Belgiens bester Export seit Bier“, versprechen die Veranstalter mit Jaune Toujours, die einen Mix aus Punk, Latin, Gypsy und Pop an den Tag legen. Schrill und schräg wird es dann ab 23.45 Uhr, wenn 15 Damen im Funkenmariechen-Look dem Publikum mit französischem Psychobilly-Pop-Punk einheizen wollen. „Die Girls von Les Vedettes sind total schräg, ein absoluter Knaller“, verspricht Wilhelm. Überzeugen kann man sich davon ab 23.45 Uhr auf der Wallwiese.

Andernorts, auf dem Ulrichsplatz, liefern Monopilot ab 20 Uhr deutschsprachigen Indie-Rock mit tanzbaren Beats. Die vier Künstler der Kultband The Beez hingegen mögen es ruhiger: Sie servieren ebenfalls ab 20 Uhr auf dem Sielwallbahnhof dem hungrigen Musikpublikum „exoteric folkoverpop“. Oder anders: KitschPop und Kuschelgrunge.

Weniger entspannt geht es auf dem Ziegenmarkt zu: Mutige Besucher können sich dort der „hyperaktiven Soloperformance“ von Kuersche stellen. Wie diese sich mit seiner sonoren Stimme und dem hochgelobten Spiel auf der Akustikgitarre vereinbaren lässt, offenbart sich ab 20 Uhr den Unerschrockenen der Musikszene. Erholung gibt es dann zwei Stunden später von der australischen Katie Frankie mit ihren Folk-Pop-Songs an der Gitarre.

„Raus aus dem Klassenzimmer – Rauf auf die Bühne“ lautet das Motto für den Sonnabend-Nachmittag. Auf der Wallwiese präsentieren dabei Schulbands aus Bremen und umzu ihr musikalisches Talent. Von Sechstklässlern, die Rocksongs covern, über Hip-Hop bis hin zu Musical- und Soul-Performances wird dabei viel von jungen Musikern geboten.

Ein Highlight des Viertelfestesist stets der Indiestyle-Abend auf der Wallwiese. Wütend, melancholisch, euphorisch – dort findet sich alles, was Laune macht und irgendwie anders ist. Wie bereits im vergangenen Jahr treten die vier Herren von Erdmöbel (ostdeutsch für „Särge“) ab 22.15 Uhr mit Songs über Nichtigkeiten auf und versprechen damit „glücklich machenden Leichtsinn“. Viertelfest-Organisatorin Frauke Wilhelm freut sich derweil ganz besonders auf das Jeans Team, ein Duo, das elektronischen Heavy-Punk-Rock-Pop-Sound mit dadaistischen Texten aus Berlin auf die Bremer Bühne mitbringt. Sie werden anschließend ab 1 Uhr dann unter ihrem DJ-Pseudonym Tracht & Prügel durch die Aftershowparty im Tower Musikclub am Herdentorsteinweg führen.

Wer bis jetzt noch keine großen Berühmtheiten unter dem Line-up entdecken konnte, darf sich trotzdem auf den Sonnabend freuen: Auf dem Goetheplatz wird Manuel Klein, der sich als Schauspieler in der Telenovela „Anna und die Liebe“ auf dem Fernsehsender Sat.1 einen Namen gemacht hat, ab 20 Uhr „Lieder am Abgrund und über die Liebe“ präsentieren.

Doch damit nicht genug: Der wohl bekannteste Künstler des diesjährigen Viertelfestesist Das Gezeichnete Ich. Der Solokünstler, der bereits mit den Pet Shop Boys, A-ha und Ich+Ich auf Tour war, konnte sein neues, selbst betiteltes Album direkt auf Platz 31 der offiziellen deutschen Charts platzieren und ist mit seiner individuellen Mischung aus Pop, deutscher Poesie und klassischen Elementen dabei, eine neue Musikrichtung zu erschaffen. Der junge Berliner gibt sich derzeit noch geheimnisvoll und möchte seinen bürgerlichen Namen nicht verraten. Er tritt ab 22.30 Uhr auf dem Ulrichsplatz auf.

Eine der bekanntesten Live-Musik-Reihen ist die Veranstaltung „Songs & Whispers“, die in Deutschland (vielerort auch in Bremen), den Niederlanden und Großbritannien stattfindet. Dieses Mal geben sich die Künstler ab 20 Uhr auf dem Ziegenmarkt die Ehre. Mit dabei sind unter anderem der belgische Singer/Songwriter The Monotrol Kid, der britische Björk-Support Cajita und die Country-Musiker von Gravelclub und Klock.

Auch der Sonntag, gleichzeitig der Abschlusstag, bleibt international: Bei der Competizione del l’Opera treten 40 Sänger aus Urugauy, Südkorea, Mexiko, Italien, Amerika und vielen anderen Nationen in den Gesangswettstreit. Beginn ist um 17 Uhr auf dem Goetheplatz. „Schmutzige Lieder“ gibt es von Bella Mare & den Beachbuben ab 16.30 Uhr am Sielwallbahnhof auf die Ohren. Bella Mare ist bekannt vom schrägen Duo Charles & Erika. Pitch Black Q wartet ab 15.30 Uhr den Ziegenmarkt mit jazzigem Soul-Rock auf.

Während des gesamten Viertelfesteswerden sich außerdem zwischendurch Marching-Bands unter das Volk mischen, um den Zuhörern hautnah einzuheizen. Gespannt sein darf man da beispielsweise auf Rocco Recycle, der als One-Man-Band Musik mit Müll macht.

Das Viertelfestfindet von Freitag, 27., bis Sonntag, 29. August, statt. Das komplette Programm sowie viele weitere Informationen gibt es unter www. viertelfest-bremen.de.

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