Klaviermusik von Aleksandr Skrjabin im Sendesaal

Visionär aus Russland

Bremen. Im Zusammenhang mit einer CD-Produktion stellte sich die Pianistin Yu Jung Yoon den Bremer Klavier-Freaks im Sendesaal vor. In Seoul gebürtig, in St. Petersburg und Paris ausgebildet, lebt sie heute in Berlin. Mutig von ihr, Werke des russischen Spätromantikers Aleksandr Skrjabin (1872-1915) zu spielen – eine für die Geschichte der Klaviermusik wichtige Figur; das Werk dieses visionären Künstlers ist selten im Konzertsaal zu hören.
01.07.2012, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Hartmut Lück

Bremen. Im Zusammenhang mit einer CD-Produktion stellte sich die Pianistin Yu Jung Yoon den Bremer Klavier-Freaks im Sendesaal vor. In Seoul gebürtig, in St. Petersburg und Paris ausgebildet, lebt sie heute in Berlin. Mutig von ihr, Werke des russischen Spätromantikers Aleksandr Skrjabin (1872-1915) zu spielen – eine für die Geschichte der Klaviermusik wichtige Figur; das Werk dieses visionären Künstlers ist selten im Konzertsaal zu hören.

Yu Jung Yoon begann mit Skrjabins 24 Préludes op. 11, einer Folge von Miniaturen durch alle Dur- und Molltonarten, deutlich geprägt durch das op. 28 von Fryderyk Chopin, aber doch schon vorausweisend auf die harmonischen Kühnheiten des mittleren und späten Skrjabin, der bis an die Grenzen der Tonalität vorstieß. Die durch ihr Studium mit russischer Musik vertraute Pianistin meisterte die technisch anspruchsvollen Stücke mit Bravour, mit stupendem Sprungvermögen und sicherem Zugriff, die eher lyrisch versonnenen Charakterzeichnungen mit feiner Anschlagskultur und kontrollierter dynamischer Palette. Es folgte die 2. Sonate in gis-moll op. 19, worin der Komponist Meeresstimmungen schildert: Mondschein und Wolkenbilder im langsamen ersten Satz, Sturm und Wogenrauschen im abschließenden Presto. Dieses stellenweise wie ein klingender "Take Off" wirkende Stück zeigt schon ein später für Skrjabin typisches Motiv: den imaginierten Flug in höchste Höhen. Auch hier gefiel die Pianistin durch ihr technisch tadellos gebändigtes Temperament.

Die 5. Sonate op. 53, vielleicht Skrjabins berühmtestes Klavierwerk, beschloss den Abend. Das einsätzige Stück bietet ein Kaleidoskop gegensätzlicher Charaktere, ja geradezu chaotisch-vulkanischer Eruptionen, die aber einem strengen Formdenken unterworfen bleiben. Yu Jung Yoon zeigte für jede Episode die passende Nuancierung und die Fähigkeit, blitzartig auf unterschiedlichste technische Anforderungen zu reagieren. Lediglich möchte man anmerken, dass sie bei akkordischem Spiel gelegentlich die rechte Hand um Sekundenbruchteile verzögerte. Eine interpretatorische Haltung, die heute eher vermieden wird, auch wenn man sie bei berühmten Klaviervirtuosen der Vergangenheit durchaus findet. Fazit: Die junge Künstlerin brillierte mit einem spezialisierten Programm; nun ist man neugierig, wie sie die Klaviermusik anderer Epochen meistern würde.

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