Vom Umgang mit Niederlagen

Verlierer-Gen und Stones-Momente

Jeder hat schon einmal verloren. Und die allermeisten können mit Niederlagen umgehen. Doch wer keine Chance auf Gewinnmomente bekommt, braucht eine Gesellschaft, die unterstützt.
09.05.2021, 05:00
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Verlierer-Gen und Stones-Momente
Von Simon Wilke
Verlierer-Gen und Stones-Momente

Den geborenen Verlierer gibt es nicht, aber mit Niederlagen umzugehen will gelernt sein.

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Dick Rowe hätte allen Grund gehabt, sich als geborener Verlierer zu fühlen. Der Musikmanager soll den Beatles einen Plattenvertrag mit den Worten verwehrt haben „Guitar groups are on their way out“, also sinngemäß: „Gitarrenbands geraten aus der Mode“. Was folgte, ist Musikgeschichte. Oder das englische Paar, das kürzlich in einer Lotto-App den 210 Millionen-Euro-Jackpot geknackt hatte. Es sah keinen Cent, weil auf ihrem digitalen Konto zu wenig Guthaben gewesen war, um den Teilnahmeschein zu bezahlen.

Was tut man da? Den Kopf in den Sand stecken? Nein. Der Mythos des „geborenen Verlierers“ soll bereits in diesen ersten Sätzen begraben werden. Der ist nämlich „Quatsch“, sagt Thorsten Fehr, Psychologe und Experte vor allem im Bereich der Neuropsychologie. Zumindest gibt es kein Verlierer-Gen, das einem in den entscheidenden Momenten des Lebens immer wieder den sprichwörtlichen Knüppel zwischen die Beine wirft. Das wird bald auch Dick Rowe geahnt haben, der nach der beschriebenen Episode immerhin noch eine andere Gitarren-Band unter Vertrag nehmen konnte: die Rolling Stones.

Und obwohl niemand zum Verlieren geboren ist, lohnt sich an dieser Stelle ein Schlenker in die Biologie. Denn natürlich spielen genetische Einflüsse für die Persönlichkeit eine Rolle. Doch Thorsten Fehr betont einen anderen Faktor, einen, der von außerhalb des DNA-Strangs wirkt, die sogenannte Epigenetik. So können beispielsweise die Ernährung oder Bewegung, aber auch persönliche Erfahrungen oder gesellschaftliche Bedingungen Einfluss auf die Funktion unserer Erbinformationen nehmen und damit auch auf unser Verhalten. Studien zeigen, dass eineiige Zwillinge auf diese Weise mit zunehmendem Alter epigenetisch immer unterschiedlicher werden, trotz identischer DNA. Und auch Fehr betont: „Das Wichtigste ist die individuelle Lerngeschichte. Alle anderen Faktoren können nur benachteiligen oder begünstigen.“

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Wie sehr eine Niederlage schmerzt, das hängt, salopp gesagt, davon ab, was auf dem Spiel steht. Hat man den Fahrradschlüssel verlegt oder die Eintrittskarten zum ausverkauften Konzert, droht der Abstieg aus der Bundesliga oder wurde man nicht zum Kanzlerkandidaten gekürt? Entscheidend ist in jedem Fall die Erwartungshaltung, mit der man auf ein Ereignis blickt. Das Gehirn will eine Belohnung, egal ob die lediglich im „die Radtour kann losgehen“ besteht oder womöglich im Regieren eines Staates. Werden die gehegten Erwartungen enttäuscht, macht sich Frustration breit.

Bricht man herunter, was Neuropsychologe Thorsten Fehr erklärt, läuft das in etwa so: In Erwartung einer Belohnung wird in einem komplexen System aus körpereigenen Stimmungsreglern der natürliche Spiegel an Glücklichmachern vorsorglich reduziert, damit man im Fall des Falles nicht gleich überglücklich wird. „Bleibt dann die Belohnung aus, ist der Spiegel unter Normalnull oder sinkt sogar noch weiter ab“, sagt Fehr. Und das ist unangenehm.

Dieses Muster bleibt bei fast jeder Art von Niederlage in etwa gleich. Aber weil man schon als Kleinkind lernt, dass Misserfolge sich meist wieder ausgleichen, sind Niederlagen für die allermeisten Menschen zu bewältigende Herausforderungen. Problematisch wird es allerdings, wenn eine Niederlage die eigene Existenz infrage stellt. Denn dann kommt das zentrale Höhlengrau ins Spiel, ein Bereich im Mittelhirn, der, vereinfacht gesagt, dreierlei Überlebensstrategien vorgibt. Die wären: fight, flight, freeze, zu Deutsch: kämpfen, fliehen, einfrieren beziehungsweise erstarren.

Man könnte meinen, dass sich das zentrale Höhlengrau zuletzt häufiger im politischen Betrieb gezeigt hat. In den USA versuchte sich Donald Trump nach seiner Abwahl zunächst über Gebühr lange an der Fight-Strategie, um dann schlussendlich die Flucht nach Mar-a-Lago anzutreten. In Sachen Klimakrise setzten die weltweit größten CO2-Emittenten ironischer Weise lange Jahre auf die Freeze-Variante, bevor sich zumindest Teile von ihnen angesichts der fehlenden Flucht-Option vor allem in den vergangenen Monaten zum Kampf-Modus gedrängt sahen.

Doch auch in Bremen ließe sich der Umgang mit Widrigkeiten oftmals mit diesem Trio, ja sogar mit dem Rückgriff auf nur eine der Möglichkeiten darstellen. Seit Jahren Schlusslicht in diversen Bildungsvergleichen? Die Ausgaben pro Schulkind bleiben weiter unter dem Bundesdurchschnitt - freeze. Eine historische Niederlagenserie inklusive Abstiegsangst beim grün-weißen Aushängeschild der Stadt? Der Trainer darf weiter machen - freeze. Diskussionen um Hochwasserschutz mit oder ohne Platanen, Streit um eine zentrale Haltestelle vor der Glocke? Gutachten kontert Gutachten, Prüfung folgt auf Prüfung - freeze.

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Das alles ist natürlich verkürzt, vielleicht sogar ungerecht und vor allem nicht biologisch herzuleiten. Doch ab vom Klein-Klein, von gekränkten Politik- und millionenschweren Fußballprofis: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einmal. Und die werden derzeit immer sichtbarer: Die Rede ist von Bildungsverlierern, Coronaverlierern, Arbeitsmarktverlierern oder Wohnungsmarktverlierern; gemeint sind meist Kinder, Frauen, Migranten, Selbstständige, prekär Beschäftigte oder Mieter. Vielleicht bildet die Armutsgefährdungsquote des Statistischen Bundesamtes, die schon vor Corona von 14,6 Prozent in 2009 auf 15,9 Prozent in 2019 gestiegen ist, die Realität nicht vollständig ab. Vielleicht fühlt es sich nur so an, dass Teile der Gesellschaft zunehmend abgehängt sind. Doch beim Verlieren ist das Gefühl ja das Entscheidende. Nicht nur Dick Rowe, unterm Strich braucht jeder seinen Rolling-Stones-Moment.

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