70 Jahre Kriegsende in Bremen Vom Weserstadion bis nach „Ägypten“

Das Weserstadion war das Sammelbecken für Kriegsgefangene.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von wk

Das Weserstadion war das Sammelbecken für Kriegsgefangene. Es war übervoll. Alle wirkten erschöpft, aber auch erleichtert, dass der Krieg nun endlich ein Ende hatte. Ratlosigkeit in den Gesichtern! Was wird nun? Für mich war es ein verdammt ungutes Gefühl: Mein Elternhaus ganz in der Nähe, und ich konnte nicht hin.

Seit vielen Monaten hatte ich nichts von Zuhause gehört. Ich wusste, dass Bremen noch 1945 schwer bombardiert wurde. „Steht mein Elternhaus noch? Leben meine Eltern überhaupt noch?“

Endlich ging es in Gruppen auf Lastwagen weiter in Richtung Delmenhorst/Oldenburg. lrgendwo wurden wir an einer mit Stacheldraht umzäunten Weide abgeladen, an deren Ende ein Wachturm stand. Das Lager war bereits voll von Soldaten. Unser Trupp, wir waren vorwiegend Jungs, war wohl die letzte Fuhre. Am Lagereingang standen zwei Wachsoldaten und ein Dolmetscher. Wir wurden gewarnt: „Sollte einer eine Flucht unternehmen, werden dafür vier andere erschossen.“

Hier endlich gab es etwas zu essen und zu trinken. Jeder bekam eine halbe Dose Corned Beef und sechs Kekse sowie Wasser, vielleicht war es auch Tee. Auf der Weide gab es weder einen Baum noch eine Hütte und auch sonst keinen Unterstand. Auch ein Donnerbalken war nicht vorhanden, sondern nur ein Erdloch.

Es ging weiter, diesmal in Richtung Bremen. Aber wohin? Der Militärlaster hielt an einem Wald, in dem sich ein Lager befand. Auch dieses Areal war mit Stacheldraht umzäunt, hier befanden sich jedoch einige Baracken. Jeder versuchte, sich mit den vielen herumliegenden Zweigen eine Schutzecke zu schaffen. Wir Jungs, die wir in der Minderheit waren, hielten uns beisammen und hatten mit den übrigen Soldaten kaum Kontakt. Nur einmal sprach uns ein Soldat an und meinte: „Na Jungs, nun seid ihr also auch in Ägypten angekommen.“ „Ägypten? Was meint er denn damit?“

Jahre später erfuhr ich zufällig, dass dieses Gefangenenlager „Ägypten“ in „Egypten“ bei Ottersberg lag. ln den Baracken unterhielt die Firma Borgward während des Krieges eine Produktionsstätte, gut getarnt im Wald.

Die Bewacher gaben uns eine Militärzeitung. Darin war ein Artikel in Deutsch, in dem unsere Konzentrationslager beschrieben wurden. Ein Bild zeigte einen Lastwagen mit einem Berg von nackten ausgemergelten Leichen. So seid ihr!

Die Engländer wollten nicht glauben, dass wir nichts von den Massenmorden gewusst haben. Mich hat das damals gar nicht so sehr berührt, denn ich glaubte, dass es sich wieder einmal um eine Hetzkampagne handelte. Der Marsch ging weiter, weiter und weiter. Immer noch kein Entlassungslager? Kurt Lüderssen

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